Sie stieß ihn mehrmals mit ihrem Übungsschwert aus Weidenruten in die Rippen, woraufhin er sich kichernd von einer Seite auf die andere wälzte.
»Cara! Habt Ihr gesehen? Diesmal hab ich ihn getötet. Endlich hab ich ihn erwischt.«
»Ja, schon gut«, nörgelte Cara, die aufmerksam über den Felsgrat hinaus Ausschau hielt. »Ihr habt Lord Rahl getötet. Wie schön für Euch.« Sie warf einen Blick über ihre Schulter. »Der gehört mir, nicht wahr, Lord Rahl? Ihr habt mir versprochen, dass der hier mir gehört.«
»Stimmt«, sagte Richard, immer noch nach Atem ringend, »er gehört ganz alleine Euch, Cara.«
»Gut.« Cara lächelte zufrieden. »Es ist ein großer.«
Richard sah grinsend hoch zu Kahlan. »Ich habe dich gewinnen lassen, das weißt du doch?«
»Nein, hast du nicht! Ich habe gewonnen.« Sie schlug ihn abermals mit ihrem Weidenschwert, dann hielt sie inne und runzelte die Stirn. »Ich dachte, du hättest gesagt, du seist nicht tot. Du hast gesagt, es sei nur ein Kratzer. Ha! Du hast selber zugegeben, dass ich dich diesmal erwischt habe.«
Richard lachte amüsiert. »Ich hab dich absichtlich…«
Kahlan gab ihm einen Kuss, damit er endlich den Mund hielt. Cara sah es und verdrehte die Augen.
Als Cara sich abermals umdrehte und über den Felsgrat hinausblickte, sprang sie plötzlich auf. »Sie sind gerade aufgebrochen! Kommt, beeilt Euch, bevor ein Tier sie schlägt!«
»Nichts wird es schlagen, Cara«, widersprach Richard, »jedenfalls nicht so schnell.«
»Kommt schon! Ihr habt versprochen, dass dieser mir gehört. Ich will das nicht alles ganz umsonst durchgemacht haben. So kommt doch endlich.«
»Schon gut, in Ordnung«, sagte Richard, während Kahlan von ihm herunterkletterte. »Wir sind schon unterwegs.«
Er streckte die Hand aus, damit Kahlan ihm aufhalf, stattdessen stieß sie ihn in die Rippen. »Ich hab dich schon wieder erwischt, Lord Rahl. Du wirst nachlässig.«
Richard lächelte bloß, als Kahlan ihm schließlich die Hand reichte. Als er auf den Beinen stand, zog er sie zu einer raschen Umarmung an sich und sagte, bevor er sich umdrehte, um Cara nachzugehen: »Gute Arbeit, Mutter Konfessor, wirklich gute Arbeit. Du hast mich erstochen. Ich bin wirklich stolz auf dich.«
Kahlan bemühte sich, ihm ein gelassenes Lächeln zu zeigen, befürchtete aber, dass es eher ein übermütiges Grinsen wurde. Richard nahm seinen Rucksack auf und hob ihn auf seinen Rücken. Unverzüglich begann er mit dem Abstieg über die steile, zerklüftete Wand. Kahlan warf sich ihren langen Wolfspelzmantel um die Schultern und folgte ihm, eher auf die blank liegende Felskante als auf die tiefer gelegenen Stellen tretend, durch die tiefen Schatten der schützenden Nadelbäume am äußersten Rand des Grats.
»Seht Euch vor«, rief Richard Cara hinterher, die ihnen bereits ein gutes Stück voraus war. »Bei all dem auf der Erde liegenden Laub könnt ihr die Löcher und Spalten im Gestein nicht sehen.«
»Ich weiß, ich weiß«, brummte sie. »Wie oft, meint Ihr, muss ich mir das wohl noch anhören?«
Richard behielt die beiden stets im Auge. Er hatte ihnen beigebracht, wie man sich in diesem Gelände fortbewegte und worauf man zu achten hatte. Von Anfang an, seit sie durch die Wälder und Berge marschierten, war Kahlan aufgefallen, dass Richard mit ruhigen, fließenden Bewegungen ging, während Cara dahinzockelte, auf Steine und vorspringende Simse hinauf und wieder heruntersprang, fast wie ein übermütiges Fohlen. Cara hatte die meiste Zeit ihres Lebens hinter verschlossenen Türen verbracht, daher wusste sie nicht, dass es eine Rolle spielte, wie man sich in einem solchen Gelände fortbewegte.
Geduldig hatte Richard ihr erklärt: »Passt genau auf, wo Ihr Eure Füße hinsetzt, damit Eure Schritte ungefähr auf gleicher Höhe bleiben. Setzt den Fuß nicht ohne Not auf eine tiefer gelegene Stelle, wenn Ihr, um Euren Anstieg den Pfad hinauf fortzusetzen, unmittelbar darauf wieder nach oben steigen müsst. Klettert niemals unnötig hinauf, nur um gleich wieder abzusteigen. Und solltet Ihr tatsächlich mal auf einen höher gelegenen Punkt treten müssen, braucht Ihr nicht immer Euren ganzen Körper hochzudrücken – winkelt einfach die Beine an.«
Cara beschwerte sich, es sei zu kompliziert, sich jedesmal zu überlegen, wo man seine Füße hinsetzte. Er erwiderte, so wie sie sich bewege, besteige sie den Berg in Wahrheit zweimal, wo er nur einmal hinaufklettere. Er riet ihr, beim Gehen nachzudenken, dann werde es ihr schon bald in Fleisch und Blut übergehen, und jede bewusste Überlegung werde überflüssig. Als Clara daraufhin feststellte, dass ihre Waden- und Oberschenkelmuskeln weder so rasch ermüdeten noch zu schmerzen begannen, wenn sie auf seinen Rat hörte, entwickelte sie sich zu einer lebhaft interessierten Schülerin. Mittlerweile fragte sie eher nach, als ständig zu widersprechen. Meistens jedenfalls.
Kahlan sah, dass Cara beim Abstieg über den steilen Pfad Richards Rat befolgte und einen Stock als Wanderstab zu Hilfe nahm, mit dem sie verdächtige, mit Laub gefüllte Mulden untersuchte, bevor sie ihren Fuß hineinsetzte. Dies war kaum der geeignete Ort, sich den Knöchel zu brechen. Richard schwieg, manchmal aber, wenn sie statt mit dem Fuß mit ihrem Stab ein Loch entdeckte, schmunzelte er.
Auf einem steilen Berghang wie dem, den sie jetzt hinunterkletterten, einen neuen Pfad begehbar zu machen, war ein gefährliches Unterfangen. Oft liefen in Frage kommende Wege aus und endeten in einer Sackgasse, dann war man gezwungen, denselben Weg zurückzugehen. An weniger schwierigen Hängen, an Böschungen und vor allem in ebenerem Gelände, schufen Tiere oft ausgezeichnete Pfade. Wenn sich ein brauchbarer Pfad in einem Tal verlor, war das nicht übermäßig problematisch, denn dort konnte man sich durch das Gestrüpp in offeneres Gelände durchschlagen, wollte man sich dagegen seinen eigenen Pfad an einem jähen Abgrund in tausend Fuß Höhe bahnen, war das stets beschwerlich und oft frustrierend. Unter diesen Umständen, vor allem, wenn der Tag zur Neige ging, verleitete einen der Wunsch, einen schwierigen Anstieg nicht noch einmal durchklettern zu müssen, oft zu Risiken.
Richard erklärte, es sei ein hartes Stück Arbeit, das es erforderlich machte, die Vernunft über den Wunsch zu stellen, nach unten, nach Hause oder an einen Lagerplatz zu gelangen. »Wünsche können Menschen umbringen«, sagte er oft, »der Gebrauch des Verstandes bringt sie jedoch ans Ziel.«
Cara bohrte ihren Stab in einen Blätterhaufen zwischen zwei blanken Granitfelsen. »Tretet hier nicht in die Blätter«, rief sie über ihre Schulter, während sie auf den nächsten Felsen sprang. »Hier ist ein Loch.«
»O ja, danke, Cara«, antwortete Richard in gespielter Dankbarkeit, so als wäre er ohne ihre Warnung hineingetreten.
Die steile Felswand, in der sie sich befanden, wies eine Reihe verhältnismäßig breiter, mit knorrigen Bäumen und Gestrüpp bestandener Vorsprünge auf, die einen festen Untergrund und sicheren Halt boten. Unterhalb davon fiel die Bergflanke vor ihnen jäh bis in eine üppig bewachsene Schlucht in die Tiefe. Jenseits dieses Hohlwegs stieg sie als steiler, mit immergrünen Pflanzen und den tristen, grauen Skeletten von Eichen, Ahornbäumen und Birken bewachsener Hang erneut an.
Solange sie vorhanden war, hatte die unebene Schicht aus Herbstlaub in den buntesten Farben geleuchtet, jetzt jedoch lag sie kaum dichter als Konfetti auf dem Boden und wurde rasch spärlicher. Normalerweise behielten Eichen ihre Blätter wenigstens bis in die ersten Wintertage, manche sogar bis in den Frühling, hoch oben in den Bergen jedoch hatten eiskalte Winde und frühe Unwetter selbst die Eichen ihres hartnäckigen, braunen Blätterkleids beraubt.
Cara trat auf eine vorspringende Felsplatte, die über den darunter liegenden Abgrund ragte. »Da«, sagte sie und deutete hinüber auf die andere Seite. »Dort oben. Seht Ihr?«
Richard schützte seine Augen gegen das warme Sonnenlicht und schaute aus zusammengekniffenen Augen zu einer höher gelegenen Stelle auf dem gegenüberliegenden Hang hinüber. Brummig bestätigte er, dass er es ebenfalls gesehen hatte. »Ein hässlicher Ort zum Sterben.«