Kahlan kuschelte sich bis zu den Ohren in ihren Wolfspelz, um sie gegen den kalten Wind zu schützen. »Gibt es denn einen schönen?«
Richard nahm die Hand von seiner Stirn. »Vermutlich nicht.«
Ein kleines Stück über der Stelle, auf die Cara gezeigt hatte, endete der Baumbestand an einem Ort mit Namen ›Krüppelwald‹. Oberhalb davon, wo keine Bäume mehr gedeihen konnten, bestand der Berg aus nackten Felsvorsprüngen und Geröll. Noch ein Stückchen weiter oben glitzerte zuckerweißer Schnee im schräg einfallenden Sonnenlicht. Unterhalb von Schnee und nacktem Fels war der Krüppelwald schroffen Winden und rauhem Wetter ausgesetzt, was zur Folge hatte, dass die Bäume zu gequälten Formen verwachsen waren. Der Krüppelwald bildete eine Grenzlinie zwischen jener Ödnis, wo außer Flechten kaum etwas überleben konnte, und dem dichten, baumreichen, weiter unten gelegenen Wald.
Richard deutete nach links hinüber. »Wir sollten trotzdem keine Zeit verschwenden. Ich möchte hier nicht von der Dunkelheit überrascht werden.«
Kahlan blickte hinüber zu der Stelle, wo sich das Gebirge zu einem großartigen Ausblick auf schneebedeckte Gipfel, Täler und das wogende Grün scheinbar end- und wegloser Wälder weitete. Eine aufgewühlte Schicht aus schweren Wolken war in diese Täler vorgedrungen, hatte sich an den Bergen vorbei heimlich herangeschlichen und rückte klammheimlich immer näher. In der Ferne ragten einige schneebedeckte Gipfel aus einem grauen Wattemeer. Tiefer unten in den Bergen, unter den dichten, dunklen Wolken, war das Wetter mit Sicherheit erbärmlich.
Sowohl Richard als auch Cara warteten ab, wie Kahlan sich entscheiden würde. Die Vorstellung, im Krüppelwald dem eiskalten Nebel und dem Nieselregen ausgesetzt zu sein, behagte ihr ganz und gar nicht. »Ich fühle mich pudelwohl, bringen wir es hinter uns und gehen wir weiter, bis wir tiefer nach unten gelangen; dort suchen wir uns eine Launenfichte, unter der wir die Nacht im Trockenen verbringen können. Gegen ein ordentliches warmes Feuer und eine Tasse heißen Tee hätte ich nichts einzuwenden.«
Cara blies sich in die hohlen Hände, um sie zu wärmen. »Klingt ganz vernünftig.«
Als Kahlan und Richard sich vor mittlerweile mehr als einem Jahr begegnet waren, hatte er sie gleich am ersten Tag zu einer Launenfichte geführt. Damals hatte Kahlan nicht gewusst, dass es in den weiten Wäldern Westlands solche Bäume gab. In ihren Augen besaßen Launenfichten noch immer die gleichen mystischen Eigenschaften wie damals, beim ersten Mal, als sie einen solchen Baum als eine alle anderen Bäume ringsum überragende Silhouette vor dem dunkler werdenden Abendhimmel erblickt hatte. Diese ausgewachsenen Bäume waren der Freund der Reisenden und alles andere als ein herkömmlicher Unterschlupf.
Die Zweige einer großen Launenfichte reichten rundherum bis auf den Boden. Die Nadeln wuchsen größtenteils am äußeren Rand, wodurch die inneren Zweige kahl blieben. Drinnen, unter ihrem dichten Kleid aus Grün, boten Launenfichten einen ausgezeichneten Schutz vor schlechtem Wetter. Eine Eigenschaft seines Harzes machte den Baum beständig gegen Feuer, so dass man, bei entsprechender Vorsicht, ein gemütliches Lagerfeuer entzünden konnte, während es draußen regnete und stürmte.
Wenn sie in den Bergen unterwegs waren, machten Richard, Kahlan und Cara oft unter Launenfichten Halt. Die Nächte unter dem Baum, an einem kleinen Lagerfeuer, ließen sie enger zusammenrücken und gaben ihnen Zeit zum Nachdenken, miteinander zu sprechen und sich Geschichten zu erzählen. Manche dieser Geschichten brachten sie zum Lachen, andere schnürten ihnen die Kehle zu.
Nachdem Kahlan ihnen versichert hatte, sie fühle sich dem gewachsen, nickten Richard und Cara einander zu und begannen den Abstieg über die steile Felswand. Sie hatte sich von ihren entsetzlichen Verletzungen erholt, aber die Entscheidung, ob sie bereit war, die Mühen eines solchen Abstiegs, Wiederaufstiegs und abermaligen Abstiegs auf sich zu nehmen, bevor sie einen geschützten Lagerplatz – hoffentlich unter einer Launenfichte – fanden, überließen sie noch immer ihr.
Kahlans Genesung hatte lange Zeit in Anspruch genommen. Natürlich war sie sich darüber im Klaren gewesen, dass Wunden wie die ihren eine Weile brauchen würden, bis sie verheilt waren. Nach so langer Bettlägerigkeit waren ihre Muskeln geschwunden, sie waren schwach und nahezu nutzlos. Lange Zeit war es ihr schwer gefallen, genügend Nahrung zu sich zu nehmen; sie war zu einem Skelett abgemagert. Die Erkenntnis, wie schwach und hilflos sie in Wirklichkeit geworden war, hatte sie im Laufe ihrer Genesung immer tiefer in einen Zustand äußerster Niedergeschlagenheit sinken lassen.
Kahlan hatte sich keinen rechten Begriff davon gemacht, welche qualvollen Mühen erforderlich sein würden, wenn sie wieder sie selbst werden wollte. Richard und Cara versuchten sie aufzuheitern, doch ihre Bemühungen wirkten lahm, sie verstanden einfach nicht, wie einem dabei zumute war. Ihre Beine magerten ab, bis sie zu knochigen Stöcken mit knotigen Knien wurden. Sie kam sich nicht nur hilflos, sondern hässlich vor. Richard schnitzte Tiere für sie: Habichte, Füchse, Ottern, Enten und sogar Backenhörnchen; für sie schienen sie nicht mehr zu sein als eine Kuriosität. An ihrem Tiefpunkt wünschte sich Kahlan beinahe, sie wäre zusammen mit ihrem Kind gestorben.
Ihr Leben verkam zu einem Einerlei ohne jeglichen Reiz. Alles, was sie sah, Tag für Tag, Woche auf Woche, waren die vier Wände ihres Krankenzimmers. Die Schmerzen erschöpften sie, und die Eintönigkeit ließ sie abstumpfen. Sie begann, den bitteren Schafgarbentee, den sie ihr zu trinken gaben, ebenso zu verabscheuen wie die Breiumschläge aus Fingerkraut und Schafgarbe. Als sie sich nach einer Weile weigerte, Schafgarbentee zu trinken, wechselten sie manchmal zu Lindenholztee, der nicht ganz so bitter schmeckte, aber auch nicht so gut wirkte – allerdings half er ihr einzuschlafen. Schädeldach war oft bei Kopfschmerzen hilfreich, aber so adstringierend, dass sich ihr Mund noch lange Zeit danach zusammenzog. Manchmal wichen sie zur Linderung ihrer Schmerzen auch auf eine Tinktur aus Mutterkraut aus. Kahlan begann sich vor der Einnahme von Kräutern zu ekeln und behauptete oft unwahrheitsgemäß, sie habe keine Schmerzen, nur um irgendeinem widerlichen Absud zu entgehen.
Richard hatte das Fenster im Schlafzimmer nicht übermäßig groß angelegt; in der sommerlichen Hitze wurde es im Zimmer oft drückend heiß. Draußen vor ihrem Fenster konnte Kahlan nur ein winziges Stück des Himmels, ein paar Baumwipfel und die schroffe blau-graue Silhouette eines Berges in der Ferne erkennen.
Richard wollte sie nach draußen mitnehmen, doch Kahlan sträubte sich dagegen, da sie überzeugt war, es lohne die Schmerzen nicht. Es brauchte keine große Überzeugungskraft, ihm auszureden, ihr wehzutun. Die unterschiedlichsten Tage kamen und gingen, von strahlend sonnig bis hin zu grau und düster. In ihrem winzigen Zimmer liegend, während die Zeit verstrich und sie langsam gesund wurde, dachte Kahlan oft daran, dass dies ihr ›verlorener Sommer‹ war.
Eines Tages war sie völlig ausgetrocknet, und Richard hatte vergessen, den Becher nachzufüllen und ihn dort abzustellen, wo sie ihn, auf dem einfachen Tisch neben dem Bett, erreichen konnte. Als sie um Wasser bat, kam Richard mit dem Becher und einem vollen Wasserschlauch herein, stellte beides auf dem Fensterbrett ab und rief Cara draußen etwas zu. Daraufhin eilte er, Kahlan im Gehen noch zurufend, sie müssten nach den Angelschnüren sehen und würden so schnell wie möglich zurück sein, aus dem Zimmer. Bevor Kahlan ihn bitten konnte, das Wasser näher zu rücken, war er auch schon verschwunden.
Kahlan lag wütend in der Stille, sie konnte kaum glauben, dass Richard so gedankenlos war, das Wasser außerhalb ihrer Reichweite abzustellen. Für die spätsommerliche Jahreszeit war es ungewöhnlich warm. Ihre Zunge fühlte sich geschwollen an. Hilflos starrte sie hinüber zu dem hölzernen Becher auf dem Fensterbrett.