»Ganz recht, und sogar noch mehr. Viel mehr. Wie du siehst, sind wir jetzt über einen Mutterbann verbunden. Ein seltsamer Name für einen Bann, nicht wahr? Der Name geht zum Teil auf die nährenden und erziehenden Aspekte zurück, ganz so wie in dem Begriff Lebensspenderin – die Mutter, die ihr Kind ernährt, aufzieht und am Leben erhält. Das Licht, das du gesehen hast, war eine Art Nabelschnur, eine Nabelschnur der Magie. Sie verbindet unsere beiden Leben miteinander, indem sie das Wesen dieser Welt verbiegt, ganz gleich, wie weit wir voneinander entfernt sind. Wie ich die Tochter meiner Mutter bin, und das durch nichts jemals geändert werden kann, so kann auch diese Magie nicht verändert werden.«
Sie sprach wie eine Lehrerin, so wie sie einst im Palast der Propheten zu ihm gesprochen hatte, als sie eine seiner Ausbilderinnen gewesen war; stets bediente sie sich ruhiger, leicht verständlicher Worte, die, so hatte er damals geglaubt, ihrem Auftreten einen Hauch von Erhabenheit verliehen. Damals hatte Richard sich nicht vorstellen können, dass jemals ein derbes Wort über Niccis Lippen kommen könnte, doch was sie jetzt von sich gab, war geradezu abstoßend.
Noch immer bewegte sie sich mit einer unvergleichlichen, lasziven Eleganz. Er hatte ihre Art sich zu bewegen stets als verführerisch empfunden; jetzt sah er darin die mäandernden Bewegungen einer Schlange.
Die Magie seines Schwertes toste durch seinen Körper und schrie danach, entfesselt zu werden. Die Magie des Schwertes war eigens geschaffen worden, alles zu bekämpfen, was der Besitzer des Schwertes als böse erachtete, eine Bedingung, die Nicci in diesem Augenblick in einem Maß erfüllte, dass die Magie ihn jeden Augenblick zu überwältigen drohte und fast die Herrschaft an sich riss, um dem Spuk ein Ende zu machen. Solange der Schmerz des Strafers noch in seinem Kopf pochte, kostete es ihn einige Mühe, die Kontrolle über die Kraft des Schwertes zu behalten. Richard spürte, wie sich die erhabenen Buchstaben des Wortes WAHRHEIT in seine Handfläche pressten.
Einem solchen Augenblick, vielleicht mehr als jedem anderen, konnte man nur mit der Wahrheit gegenübertreten, und nicht mit kruden Wünschen. Es ging um Leben oder Tod.
»Richard«, sagte Kahlan im Tonfall der Vernunft. Sie wartete, bis ihre Blicke sich begegneten. »Töte sie.« Sie sprach mit einer Ruhe und Machtbefugnis, die Gehorsam forderte. In ihrem weißen Mutter-Konfessor-Kleid hatten ihre Worte das unmissverständliche Gewicht eines Befehls. »Tu es. Zögere keinen Augenblick länger. Töte sie. Denke nicht darüber nach, tu es.«
Ganz ruhig beobachtete Nicci, wie er sich verhalten würde. Zu was er sich letztendlich durchrang, schien für sie bestenfalls von beiläufigem Interesse. Richard brauchte weder nachzudenken noch einen Entschluss zu fassen.
»Ich kann nicht«, sagte er zu Kahlan. »Du würdest ebenfalls getötet werden.«
Nicci zog eine Braue hoch. »Sehr gut, Richard. Ausgezeichnet.«
»Tu es!« Kahlans Stimme überschlug sich fast. »Tu es jetzt, solange du noch Gelegenheit dazu hast!«
»Bleib ganz ruhig«, erwiderte er mit ruhiger Stimme. Er sah wieder zu Nicci. »Lasst hören.«
Sie faltete die Hände, ganz so, wie es die Schwestern des Lichts zu tun pflegten, nur war sie keine Schwester des Lichts. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sich hinter dem Blick aus ihren blauen Augen etwas tief Empfundenes verbarg, doch weder wusste er, welcher Art diese Gefühle waren, noch wagte er, es sich vorzustellen. Es war einer dieser intensiven, angestrengten Blicke, hinter denen sich eine ganze Gefühlswelt, von Sehnsucht bis hin zu Hass, verbarg. Eins gewahrte er dort jedoch ganz zweifellos: eine absolut ernst zu nehmende Entschlossenheit, die ihr wichtiger war als das Leben selbst.
»Es verhält sich wie folgt, Richard. Du wirst mich begleiten. Solange ich lebe, wird auch Kahlan leben. Sterbe ich, so stirbt auch sie. So einfach ist das.«
»Und weiter?«, fragte er gebieterisch.
»Weiter was?« Nicci sah ihn verständnislos an. »Nichts weiter.«
»Was ist, wenn ich beschließe, Euch zu töten?«
»Dann werde ich sterben, aber Kahlan wird mit mir in den Tod gehen – unsere beiden Leben sind jetzt miteinander verknüpft.«
»Das meinte ich nicht. Ich meinte, Ihr müsst doch irgendeine Absicht verfolgen. Was bedeutet es noch, wenn ich beschließe, Euch zu töten?«
Nicci zuckte mit den Achseln. »Nichts. Die Entscheidung liegt ganz bei dir. Unser Leben liegt in deinen Händen. Solltest du beschließen, ihr Leben zu erhalten, wirst du mich begleiten müssen.«
»Und was habt Ihr mit ihm vor?«, fragte Kahlan, sich ganz langsam an seine Seite schiebend. »Wollt Ihr ein falsches Geständnis aus ihm herausfoltern, damit Jagang ihm einen Schauprozess machen und ihn anschließend in aller Öffentlichkeit hinrichten kann?«
Wenn überhaupt, so wirkte Nicci überrascht, so als sei ihr ein solcher Gedanke nie gekommen, so als finde sie ihn geradezu verwerflich. »Nein, nichts dergleichen. Ich habe nicht die Absicht, ihm ein Haar zu krümmen. Jedenfalls nicht im Augenblick. Irgendwann natürlich werde ich ihn höchstwahrscheinlich töten müssen.«
Richard funkelte sie an. »Natürlich.«
Als Kahlan einen Schritt vortreten wollte, packte er sie am Arm und hielt sie zurück; was sie vorhatte, wusste er, nur wusste er weder genau, was geschehen würde, wenn Kahlan, solange sie über den Bann verbunden waren, ihre Konfessorkraft gegen Nicci entfesselte, noch hatte er die Absicht, es herauszufinden, denn das konnte mit Sicherheit kein gutes Ende nehmen. Für sein Empfinden war Kahlan viel zu bereit, ihr Leben zu verwirken, nur um seines zu retten.
»Warte jetzt erst einmal ab«, raunte er ihr zu.
Kahlan zeigte mit ausgestrecktem Arm auf sie. »Sie hat soeben zugegeben, dass sie die Absicht hat, dich umzubringen!«
Nicci lächelte beschwichtigend. »Macht Euch darüber fürs Erste keine Sorgen. Wenn es überhaupt dazu kommt, dann wird es bestimmt noch lange dauern. Vielleicht ein ganzes Leben.«
»Und bis dahin?«, wollte Kahlan wissen. »Was habt Ihr mit ihm vor, bevor Ihr sein Leben wegwerft, als sei es nichts mehr wert?«
»Nichts mehr wert?« Nicci breitete die Hände in einer unschuldigen Geste aus. »Ich habe gar nichts vor, ich erwarte lediglich, ihn mitzunehmen.«
Richard hatte geglaubt zu verstehen, was hier geschah, doch diese Gewissheit wurde mit jedem Wort geringer, das Nicci sagte. »Soll das heißen, Ihr wollt mich fortbringen, damit ich nicht gegen die Imperiale Ordnung kämpfen kann?«
Ihre Stirn zuckte. »Wenn du so darüber denken willst, bitte, ich gebe zu, deine Tage als Anführer des d’Haranischen Volkes sind gezählt. Aber darum geht es eigentlich nicht, es geht darum, dass mit dem heutigen Tag dein ganzes bisheriges Leben« – Nicci warf Kahlan einen spitzen Blick zu – »endet.«
Ihre Worte schienen die Luft gefrieren zu lassen; Richard nahmen sie allen Mut.
»Und was weiter?« Er wusste, es musste noch etwas folgen, etwas, das all dem einen Sinn verlieh. »Welche anderen Bedingungen gibt es, wenn ich Kahlans Leben erhalten will?«
»Nun, natürlich darf uns niemand folgen.«
»Und wenn doch?«, fuhr Kahlan sie an. »Ich könnte Euch folgen und Euch eigenhändig töten, selbst wenn das meinen Tod bedeutete.« In Kahlans Augen leuchtete eiskalte Entschlossenheit, als sie die Frau bedrohlich anfunkelte.
Nicci zog mit Bedacht die Brauen hoch und neigte sich ein winziges Stück zu Kahlan, so wie eine Mutter, die ihr Kind warnen will. »Das wäre dann Euer Ende – es sei denn, Richard hindert Euch daran. Dies alles gehört zu den Dingen, in denen er Entscheidungen treffen muss. Aber Ihr verrechnet Euch, wenn Ihr glaubt, es würde mir so oder so etwas ausmachen. Das tut es nicht, müsst Ihr wissen. Nicht im Geringsten.«
»Was soll ich Eurer Ansicht nach denn tun?«, fragte Richard und löste damit ihren verstörend ruhigen Blick von Kahlan. »Was ist, wenn ich dort ankomme, wo Ihr mich hinbringt, und ich nicht tue, was Ihr von mir verlangt?«
»Du missverstehst mich, Richard, wenn du glaubst, ich hätte eine vorgefertigte Idee, wie du dich verhalten sollst. Die habe ich nicht. Ich könnte mir denken, du tust einfach, was immer dir beliebt.«