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Er wollte, mehr als alles andere, kämpfen, nur wusste er beim besten Willen nicht, wie. Wenn er seine Gegnerin doch einfach niedermetzeln könnte. Dann besann er sich, dass Vernunft und nicht Wunschdenken seine einzige Chance war. Er nahm von seinem ruhigen Zentrum Besitz und unterdrückte mit dessen Hilfe seine aufsteigende Panik.

Nicci stand aufrecht, die Schultern durchgedrückt, das Kinn emporgereckt. Sie wirkte wie jemand, der seiner Hinrichtung gefasst ins Auge sieht. In diesem Augenblick wurde ihm bewusst, dass sie tatsächlich auf jede vorstellbare Entwicklung der Dinge vorbereitet war.

»Ich habe dich vor die Wahl gestellt, Richard. Eine andere Möglichkeit hast du nicht. Entscheide dich.«

»Da gibt es nichts zu entscheiden. Ich werde unter keinen Umständen zulassen, dass Kahlan stirbt.«

»Natürlich nicht.« Niccis Körperhaltung entspannte sich kaum merklich. Ein kleines ermutigendes Lächeln ließ ihren Blick ein wenig milder werden. »Es wird ihr nichts geschehen.«

Das Pferd verlangsamte seinen Schritt und kam näher. Als die hübsche Apfelschimmelstute neben ihr stehen blieb, ergriff Nicci die Zügel dicht neben der Trense. Ihre graue Mähne wehte im kalten Wind, die Stute schnaubte und warf den Kopf, sie fühlte sich in Gegenwart von Fremden unwohl und konnte es kaum erwarten, aufzubrechen.

»Aber … aber«, stammelte Richard, als Nicci in den Steigbügel kletterte. »Aber was darf ich mitnehmen?«

Nicci schwang ihr Bein über das Hinterteil des Pferdes und ließ sich in den Sattel sinken. Hin- und herrutschend fand sie ihre Sitzposition, richtete sich auf und drückte die Schultern durch. Ihr schwarzes Kleid und das blonde Haar hoben sich überdeutlich vor dem stählernen Himmel ab.

»Du kannst mitnehmen, was immer du willst, solange es keine Person ist.« Mit einem Zungenschnalzen ließ sie ihr Pferd wenden, bis sie ihm ins Gesicht sah. »Ich schlage vor, du nimmst Kleidung und dergleichen mit, was immer du unterwegs brauchst. Wenn du willst, nimm so viel mit, wie du tragen kannst.«

Ihr Stimme bekam einen scharfen Unterton. »Dein Schwert jedoch lass hier, du wirst es nicht brauchen.« Sie beugte sich hinab, und zum ersten Mal bekam ihr Gesicht etwas Kaltes und Bedrohliches. »Du bist nicht mehr der Sucher, und auch nicht mehr Lord Rahl, der Herrscher über das D’Haranische Reich, und im Übrigen bist du auch nicht mehr der Gemahl der Mutter Konfessor. Von nun an bist du nur noch Richard, niemand sonst.«

Cara stellte sich neben ihn, eine düstere Gewitterwolke finsteren Zorns. »Ich bin eine Mord-Sith. Wenn Ihr glaubt, ich würde Euch erlauben, Lord Rahl gefangen zu nehmen, dann habt Ihr den Verstand verloren. Die Mutter Konfessor hat bereits erklärt, was sie will. Meine Pflicht ist es vor allem, Euch zu töten.«

Nicci umschloss die Zügel mit drei Fingern und hielt sie mit den Daumen fest. »Tut, was immer Ihr meint, tun zu müssen. Die Folgen sind Euch bekannt.«

Richard musste Cara mit ausgestrecktem Arm daran hindern, Nicci hinterher zusteigen und sie vom Pferd zu reißen. »Ganz ruhig«, raunte er ihr zu. »Die Zeit läuft für uns. Solange wir noch am Leben sind, haben wir die Chance, uns etwas einfallen zu lassen.«

Der Druck von Caras Gewicht auf seinen Arm ließ etwas nach. Widerstrebend trat sie einen Schritt zurück.

»Ich muss ein paar Dinge zusammensuchen«, sagte Richard an Nicci gewandt, um zumindest ein bisschen Zeit zu gewinnen. »Wartet wenigstens, bis ich meinen Rucksack gepackt habe.«

Nicci legte die Zügel um, ließ ihr Pferd zu ihm zurückgehen und stützte sich mit ihrem linken Handgelenk auf den Sattelknauf.

»Ich breche auf.« Mit einem langen, eleganten Finger ihrer anderen Hand deutete sie in die Berge. »Siehst du den Pass dort oben? Wenn du mich bis zum höchsten Punkt eingeholt hast, wird Kahlan weiterleben. Muss ich den Pass ohne dich überqueren, stirbt Kahlan. Darauf hast du mein Wort.«

Ihm ging das alles viel zu schnell, er musste überlegen, wie er sie hinhalten konnte. »Aber was hätte Euch dies alles dann genützt?«

»Es hätte mir verraten, was dir mehr bedeutet.« Sie lehnte sich in ihrem Sattel zurück. »Wenn du es dir recht überlegst, ist das eine sehr weitreichende Frage. Noch steht die Antwort darauf aus. Wenn ich den höchsten Punkt des Passes erreiche, werde ich sie kennen.«

Mit einer schaukelnden Hüftbewegung forderte Nicci das Pferd auf, loszugehen. »Vergiss nicht – bis zum höchsten Punkt des Passes, so lange hast du Zeit, dich zu verabschieden, zusammenzupacken, was du mitnehmen möchtest, und mich einzuholen, vorausgesetzt du willst, dass Kahlan weiterlebt. Solltest du aber beschließen hierzubleiben, bleibt dir bis dahin Zeit, dich zu verabschieden, bevor sie stirbt. Eins musst du bei deiner Entscheidung jedoch wissen: Das eine ist ebenso unwiderruflich wie das andere.«

Kahlan wollte sich auf das Pferd stürzen, doch Richard hielt sie mit Gewalt an der Hüfte fest.

»Wohin bringt Ihr ihn?«, fragte sie herrisch.

Nicci ließ ihr Pferd einen kurzen Moment anhalten und schaute mit einem Blick von beängstigender Endgültigkeit auf Kahlan hinab.

»In die Vergessenheit natürlich, was dachtet Ihr.«

22

Noch während sie verfolgte, wie Nicci ihre Apfelschimmelstute Richtung Pass und die fernen blauen Berge jenseits davon lenkte, kämpfte Kahlan damit, des Schwindelgefühls Herr zu werden, das die Frau in ihr verursacht hatte. Vorne, dicht bei den fernen Bäumen, standen eine Rehgeiß und ihr fast ausgewachsenes Kitz mit gespitzten Ohren in Alarmbereitschaft, beobachteten Nicci und warteten, ob sie ihnen vielleicht bedrohlich werden konnte. Als sie sahen, dass Nicci in ihre Richtung schwenkte, ließen sie erschrocken ihre Stummelschwänze senkrecht in die Höhe schnellen und sprangen mit mächtigen Sätzen Richtung Wald.

Kahlan lehnte es ab, sich vom Gefühl der Orientierungslosigkeit überwältigen zu lassen, aber wäre Richards eiserner Griff um ihre Hüfte nicht gewesen, sie hätte sich auf die Schwester der Finsternis gestürzt. Kahlan verspürte das verzweifelte Bedürfnis, ihre Konfessorkraft zu entfesseln. Nie zuvor hatte jemand dies mehr verdient als diese Nicci.

Hätten ihre Sinne nicht noch immer gegen ihre Benommenheit angekämpft, vielleicht hätte sie ihre Kraft mit Hilfe des Con Dar, des Blutrauschs – einer Fähigkeit aus alter Zeit – beschwören können. Eine solch einzigartige Magie hätte die verhältnismäßig kurze Entfernung überbrücken können, doch da ihr noch immer infolge der Nachwirkungen von Niccis Zauber schwindlig war, hatte sich der Versuch als wirkungslos erwiesen. Kahlan konnte sich gerade auf den Beinen halten, ohne ihre letzte Mahlzeit wieder von sich zu geben.

Es war frustrierend und demütigend, und es machte einen rasend, aber Nicci hatte sie überrascht und mit einer ebenso rasch wie ihre Konfessorkraft wirkenden Magie überwältigt, bevor sie reagieren konnte. Einmal in Niccis Gewalt, war Kahlan machtlos gewesen.

Man hatte ihr bereits von klein auf beigebracht, sich niemals überraschen zu lassen. Konfessoren waren immer schon Ziele gewesen, doch Kahlan war klüger. Unzählige Male hatte sie in vergleichbaren Situationen die Oberhand behalten. Eingelullt von monatelanger Ruhe und Abgeschiedenheit, hatte Kahlan ihren Schneid verloren. Sie schwor sich, es nie wieder so weit kommen zu lassen … im Augenblick jedoch nützte ihr das gar nichts.

Sie spürte Niccis kraftvolle Magie noch immer siedend heiß in ihrem Körper, so als habe die Hitze dieser Feuerprobe sie bis in ihre Seele verbrannt; sie war innerlich aufgewühlt, die Wogen dieses Ansturms hatten sich längst noch nicht geglättet. Der kalte, das braune Gras niederdrückende Wind frischte auf und strich eiskalt über ihr glühendes Gesicht. Mit dem Wind wehte ein unvertrauter Geruch ins Tal, ein Geruch, den ihre wirren Sinne als verschwommen unheilvoll wahrnahmen. Die hohen Fichten hinter ihrer Hütte neigten sich und wurden hin- und hergeschüttelt, hielten aber stand, während der Wind sich mit einem Geräusch, das dem gegen eine Felsenklippe schlagender Wellen nicht unähnlich war, an ihnen brach.