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Welche Magie man auch in ihr entfesselt hatte, Kahlan war überzeugt, dass Nicci bezüglich der Konsequenzen die Wahrheit gesagt hatte. So sehr sie diese Frau hasste, aufgrund des Mutterbanns fühlte Kahlan sich mit ihr verbunden, eine Verbindung, die Kahlan nur als … Zuneigung deuten konnte. Ein verwirrendes Gefühl. Einerseits eindeutig verstörend, erzeugte es andererseits – jenseits ihrer abstoßenden Magie und verschrobenen Ziele – eine Kraft spendende Verbindung zu jener Frau. Irgendwo, tief in Niccis Innenleben, schien es etwas zu geben, das es wert war, geliebt zu werden.

Ungeachtet Kahlans weit hergeholter Empfindungen, ihre Wahrnehmung und Vernunft verrieten ihr, worum es sich in Wahrheit handelte: Diese Eindrücke waren nichts als Einbildung. Sollte sich ihr die Gelegenheit jemals bieten, sie würde nicht noch einmal zögern, Nicci auf der Stelle umzubringen.

»Cara«, sagte Richard, während er zornentbrannt auf Niccis Rücken starrte, die soeben ihr Pferd über die Wiese lenkte. »Ihr dürft nicht einmal mit dem Gedanken spielen, sie zurückzuhalten.«

»Ich lasse nicht zu…«

»Ich meine es ernst, ernster als jeden anderen Befehl, den ich Euch je gegeben habe. Solltet Ihr Kahlan auf diese Weise jemals schaden … nun, ich verlasse mich darauf, dass Ihr mir etwas so Entsetzliches niemals antun würdet. Warum geht Ihr nicht und zieht Euch etwas an?«

Cara knurrte einen leisen Fluch. Als die Mord-Sith Richtung Hütte davon stapfte, wandte Richard sich an Kahlan. Erst da fiel Kahlan wirklich auf, dass Cara nackt war, offenbar hatte sie sich beim Baden gestört gefühlt. Die Magie, die Nicci eingesetzt hatte, musste Kahlans Sinne umnebelt und die Erinnerung an die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit verwischt haben.

Das Gefühl des Strafers war Kahlan allerdings recht deutlich in Erinnerung geblieben. Die nervenzerrüttenden Qualen der Waffe der Mord-Sith war durch Niccis Magie gedrungen wie eine Lanze durch Stroh. Cara hatte ihren Strafer zwar gegen Nicci eingesetzt, trotzdem fühlte sich Kahlan, als hätte man ihn ihr unmittelbar an die eigene Wange gepresst.

Voller Mitgefühl legte Kahlan sachte ihre Hand an Richards Kinn, um gleich darauf, als Richard ihr mit einem Blick zu verstehen gab, dass er kein Mitgefühl gebrauchen konnte, stattdessen seine Oberarme zu ergreifen. Seine großen Hände schlossen sich um ihre Hüfte. Sie ließ sich bereitwillig umarmen und schmiegte ihre Stirn an seine Wange.

»Das kann nicht sein«, sagte sie leise. »Das darf einfach nicht sein.«

»Aber es ist.«

»Es tut mir so Leid.«

»Leid?«

»Dass ich mich habe überraschen lassen.« Kahlan war so wütend auf sich selbst, dass sie zitterte. »Ich hätte wachsamer sein und sie zuerst töten sollen, dann wäre es niemals so weit gekommen.«

Richard strich ihr zärtlich mit der Hand über den Hinterkopf und zog sie an seine Schulter.

»Weißt du noch, wie du mich vor ein paar Tagen bei einem Schwertkampf getötet hast?« Sie nickte in seinen Armen. »Wir alle machen Fehler und lassen uns in einem unbedachten Augenblick erwischen. Mach dir keine Vorwürfe, niemand ist perfekt. Gut möglich, dass sie ein magisches Netz ausgeworfen hat, um deine Aufmerksamkeit zu trüben, damit sie sich anschleichen konnte wie … wie eine lautlose, unsichtbare Mücke.«

Auf den Gedanken war Kahlan noch nicht gekommen. Aber ob sie nun in einem unbedachten Augenblick erwischt worden war oder nicht, sie war trotzdem wütend auf sich selbst. Hätte sie nur nicht auf das alberne Streifenhörnchen geachtet. Hätte sie nur früher den Kopf gehoben. Hätte sie nur gehandelt, ohne einen Sekundenbruchteil abzuwarten, um die Art der Bedrohung zu erkennen und zu entscheiden, ob sie die Entfesselung ihrer alles vernichtenden Kraft rechtfertigte.

Beinahe von Geburt an war Kahlan im Gebrauch ihrer Kraft unterwiesen worden, unter der Bedingung, sie nur dann zu entfesseln, wenn sie von der Notwendigkeit überzeugt war. Durchaus vergleichbar mit dem Tötungsakt, lief die Anwendung der Konfessorkraft auf die völlige Vernichtung der Persönlichkeit hinaus. Danach existierte der Betreffende ausschließlich zum Nutzen und auf Geheiß eines Konfessors. Sie war ebenso endgültig wie der Tod.

Kahlan sah hoch in Richards graue Augen; der bleigraue Himmel in seinem Rücken ließ sie noch grauer erscheinen.

»Mein Leben ist mir kostbar und heilig«, erklärte sie. »Und deines bedeutet dir nicht weniger. Wirf es nicht fort, nur um dich zum Sklaven des meinen zu machen. Das könnte ich nicht ertragen.«

»So weit ist es noch nicht. Ich werde mir etwas einfallen lassen. Im Augenblick jedoch muss ich mit ihr gehen.«

»Wir werden euch folgen, bleiben aber ein gutes Stück zurück.« Er schüttelte bereits den Kopf. »Aber sie wird es nicht einmal merken…«

»Nein. So weit wir wissen, könnte es sein, dass noch andere sie begleiten. Sie könnten euch auflauern, wenn ihr uns folgt. Die Vorstellung, sie könnte jederzeit mit Hilfe irgendeiner Magie oder auf andere Weise herausfinden, dass ihr uns folgt, wäre mir unerträglich. In diesem Fall würdest du einen sinnlosen Tod sterben.«

»Soll das heißen, du glaubst, sie könnte … dir wehtun, nur damit du ihr verrätst, ich hätte vor, euch nachzureiten?«

»Wir sollten unsere Fantasie nicht mit uns durchgehen lassen.«

»Trotzdem wäre ich gerne in der Nähe, wenn du etwas unternimmst – falls du einen Weg findest, ihr Einhalt zu gebieten.«

Richard nahm ihr Gesicht zärtlich in seine Hände. Er hatte einen merkwürdigen Blick in den Augen, einen Blick, der ihr gar nicht gefiel.

»Hör zu. Was gespielt wird, weiß ich nicht, aber du darfst auf keinen Fall sterben, nur um mich zu befreien.«

Tränen der Verzweiflung brannten ihr in den Augen. Sie blinzelte sie fort. Sie hatte größte Mühe zu verhindern, dass ihre Stimme in ein Wimmern umschlug.

»Geh nicht fort, Richard. Es ist mir gleich, was es für mich bedeutet, so lange du in Freiheit leben kannst. Ich würde glücklich sterben, könnte ich dadurch verhindern, dass du in die Hände eines grausamen Feindes fällst. Auch kann ich nicht zulassen, dass die Imperiale Ordnung dich gefangen nimmt. Ich kann nicht zulassen, dass du im Tausch gegen mein Leben den langsamen, qualvollen Tod eines Sklaven stirbst. Ich kann nicht zulassen, dass sie…«

Sie brach unvermittelt ab, denn das fürchtete sie am meisten: Die Vorstellung, er könne gefoltert werden, war für sie unerträglich. Beim Gedanken, er könnte entstellt und verstümmelt werden und müsste völlig allein und vergessen in irgendeinem fernen, stinkenden Verlies ohne Hoffnung auf Hilfe vor sich hinvegetieren, wurde ihr noch schwindliger und übler als zuvor.

Aber Nicci hatte versprochen, sie würde nichts dergleichen tun. Um nicht den Verstand zu verlieren, redete Kahlan sich ein, dass sie Niccis Worten glauben musste.

Kahlan bemerkte Richards versonnenes Lächeln, so als wollte er sich jede Einzelheit ihres Gesichts einprägen, während ihm gleichzeitig tausend andere Dinge durch den Kopf gingen.

»Ich habe keine Wahl«, meinte er leise, »ich muss es tun.«

Sie krallte sich voller Verzweiflung in sein Hemd. »Du tust genau, was Nicci will – sie weiß genau, du wirst mich retten wollen. Ich kann nicht zulassen, dass du dieses Opfer bringst!«

Kurz aufschauend, den Blick starr auf die Bäume und die Berge hinter ihrer Hütte gerichtet, nahm Richard alles in sich auf, ganz so wie ein zum Tode Verurteilter seine Henkersmahlzeit genießt. Dann sah er ihr abermals in die Augen, diesmal ernster.

»Begreifst du nicht? Ich bringe kein Opfer, ich mache ein gerechtes Tauschgeschäft. Die Tatsache, dass du existierst, ist die Grundlage meiner Freude und meines Glücks. Ich bringe kein Opfer«, wiederholte er, jedes Wort einzeln betonend. »Sollte es für mich tatsächlich darauf hinauslaufen, ziehe ich es vor, Sklave zu sein und zu wissen, dass es dich gibt, als frei in einer Welt zu leben, in der du nicht mehr existierst. Mit Ersterem kann ich leben, mit dem zweiten nicht. Die erste Möglichkeit ist schmerzhaft, die zweite vollkommen unerträglich.«