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Kahlan schlug ihm mit der Faust vor die Brust. »Aber man wird dich wie einen Sklaven oder gar etwas Schlimmeres halten, und das ist für mich unerträglich!«

»Hör zu, Kahlan. Ich werde die Freiheit stets in meinem Herzen tragen, denn ich weiß, was sie bedeutet und kann deswegen darauf hinarbeiten. Ich werde einen Weg finden, in Freiheit zu leben. Aber ich werde nie einen Weg finden können, dich wieder lebendig zu machen. Die Seelen wissen, dass ich in der Vergangenheit oft bereit war, mein Leben für eine gerechte Sache zu opfern, wenn ich dadurch tatsächlich etwas hätte verändern können. Früher habe ich unser beider Leben oftmals wissentlich aufs Spiel gesetzt, war oft bereit, unser beider Leben zu opfern – aber nicht ohne Gegenleistung. Begreifst du nicht? Es wäre ein schlechter Tausch. Ich werde es nicht tun.«

In kleinen, abgehackten Stößen atmend versuchte Kahlan sowohl ihre Tränen als auch das aufkommende Panikgefühl zu unterdrücken. »Du bist der Sucher. Du musst einen Weg in die Freiheit finden. Natürlich wirst du es schaffen, du wirst es schaffen, das weiß ich.« Sie zwang sich, am Kloß in ihrer Kehle vorbei zu schlucken, während sie versuchte, Richard Mut zu machen, oder vielleicht auch nur sich selbst. »Du wirst einen Ausweg finden. Du wirst einen Weg finden und zurückkommen. Das ist dir bereits einmal gelungen, und du wirst es wieder schaffen.«

Die Schatten auf Richards Gesicht wirkten düster und ernst, eine Maske aus Selbstaufgabe und Verzicht. »Du musst gewillt sein, weiterzuleben.«

»Was meinst du damit?«

»Die Tatsache, dass auch ich weiterlebe, muss dir zum Glück gereichen. Du musst gewillt sein, allein auf Grund dieser Gewissheit und nichts anderem weiterzuleben.«

»Was soll das heißen, nichts anderem?«

Der Blick in seinen Augen war entsetzlich – eine Art trauriger, grimmig entschlossener, von Tragik durchsetzter Selbstaufgabe. Sie wollte ihm nicht in die Augen sehen, doch wie sie dort stand, die Hand auf seiner Brust, seine Wärme und das Leben in seinem Körper spürend, konnte sie sich nicht überwinden, fortzusehen, während er sprach.

»Ich glaube, diesmal ist es etwas anderes.« Kahlan wischte sich das Haar aus der Stirn, als der Wind es ihr über die Augen wehte. »Etwas anderes?«

»Diesmal habe ich ein völlig anderes Gefühl bei der Sache. Anders als die Dinge früher ergibt es einfach keinen Sinn. Nicci hat etwas tödlich Ernstes an sich, etwas Einzigartiges. Sie hat sich dies ganz genau überlegt und ist bereit, dafür zu sterben. Ich kann dich nicht anlügen, um dich zu täuschen. Irgendetwas sagt mir, dass ich diesmal vielleicht nie einen Weg zurück finden werde.«

»Sag so etwas nicht.« Kahlan raffte sein dunkles Hemd mit schwachen, zitternden Fingern zu einem zerknitterten Knäuel.

»Bitte, sag so etwas nicht, Richard. Du musst es versuchen. Du musst einen Weg finden, zu mir zurückzukommen.«

»Denke nicht, ich gäbe nicht mein Bestes.« Seine Stimme war so sehr von Leidenschaft erfüllt, dass sie fast zornig klang. »Ich schwöre dir, Kahlan, solange ich noch Luft zum Atmen in meinen Lungen habe, werde ich niemals aufgeben und stets versuchen, einen Weg zu finden. Aber wir können diese Möglichkeit nicht außer Acht lassen, nur weil sie schmerzlich wäre: Vielleicht kehre ich niemals zurück. Du musst der Tatsache ins Auge sehen, dass du aller Wahrscheinlichkeit nach ohne mich weiterleben musst, wenn auch in der Gewissheit, dass ich noch lebe, genau wie ich das Wissen um deine Existenz in meinem Herzen trage, wo niemand ihm etwas anhaben kann. In unseren Herzen haben wir einander, und daran wird sich niemals etwas ändern. Das war der Schwur, den wir bei unserer Hochzeit geleistet haben – dass wir uns auf ewig lieben und ehren. Nichts – weder Zeit noch Entfernung – vermag daran etwas zu ändern.«

»Richard…« Sie unterdrückte ihr Weinen, konnte aber nicht verhindern, dass ihr die Tränen über das Gesicht liefen. »Mir ist der Gedanke unerträglich, dass du wegen mir zum Sklaven wirst. Begreifst du nicht? Siehst du nicht, was mir das antun würde? Wenn ich muss, werde ich mich umbringen, damit sie dir das nicht antun kann. Ich muss.«

Er schüttelte den Kopf, der Wind zerzauste ihm das Haar. »Dann hätte ich keinen Grund mehr, ihr zu entkommen, nichts, weswegen ich fliehen sollte.«

»Du wirst nicht fliehen müssen, das wäre einfach das Ende – sie wird dich dann nicht mehr halten können.«

»Sie ist eine Schwester der Finsternis.« Er breitete die Hände aus. »Sie wird irgendwelche anderen Mittel einsetzen, gegen die ich mich nicht zu wehren weiß – und wenn du tot bist, werde ich das auch gar nicht wollen.«

»Aber…«

»Begreifst du nicht?« Er packte sie bei den Schultern. »Du musst leben, Kahlan, damit ich einen Grund habe, von ihr zu entkommen.«

»Dein eigenes Leben ist Grund genug«, erwiderte sie. »Frei zu sein, um den Menschen zu helfen, das wird dein Grund sein.«

»Zum Teufel mit den Menschen!« Er ließ sie los und gestikulierte verärgert. »Selbst Menschen aus meiner Heimat haben sich von uns abgewandt und sogar versucht, uns umzubringen, oder hast du das etwa schon vergessen? Selbst die Länder, die sich ergeben haben und dem Bund mit D’Hara beigetreten sind, werden ihre Treue aufkündigen, wenn sie erkennen, wie brutal die Armee der Imperialen Ordnung in Wirklichkeit bei ihrem Vormarsch in die Midlands vorgeht. Am Ende wird D’Hara völlig auf sich gestellt sein. Die Menschen begreifen nicht, was Freiheit heißt und wissen sie nicht zu schätzen. So wie die Dinge derzeit liegen, werden sie nicht dafür kämpfen. Das haben sie sowohl in Anderith als auch in Kernland bewiesen, wo ich aufgewachsen bin. Gibt es einen deutlicheren Beweis als das? Ich mache mir keine falschen Hoffnungen. Sobald der Augenblick kommt, gegen die Imperiale Ordnung zu kämpfen, wird der größte Teil der übrigen Midlands den Mut verlieren. Wenn sie sehen, wie gewaltig die Armee der Imperialen Ordnung ist und mit welcher Brutalität sie gegen alle vorgeht, die sich ihr widersetzen, werden sie ihre Freiheit kampflos aufgeben.«

Er wandte den Blick von ihr ab, so als bedauere er seinen Zornesausbruch in den letzten Augenblicken, die sie gemeinsam hatten. Seine aufrechte, vor der Weite des Himmels und der Berge so unerschütterlich wirkende Gestalt schien ein wenig in sich zusammenzusacken und sich enger an sie zu schmiegen, als hoffte sie dort Trost zu finden.

»Meine einzige Hoffnung ist eine rasche Flucht, damit ich zu dir zurückkehren kann.« Alle Spuren von Erregung waren aus seiner Stimme gewichen, als er kaum hörbar fortfuhr: »Bitte, nimm mir diese Hoffnung nicht, Kahlan – sie ist alles, was ich habe.«

In der Ferne sah sie den Fuchs mit seinem weißspitzigen Schwanz bei seinem Rundgang auf der Suche nach irgendwelchen Nagern über die Wiese traben. Als Kahlan seiner Bewegung mit dem Blick folgte, sah sie aus den Augenwinkeln für einen winzigen Moment die Figur der Seele stolz und aufrecht im Fensterrahmen stehen. Wie war es möglich, dass sie den Mann verlor, der das für sie geschnitzt hatte, als sie es am dringendsten benötigte?

Sie wusste, es war möglich, weil er jetzt etwas brauchte, was nur sie ihm geben konnte. Als sie abermals in seinen grauen Augen sah, wurde ihr bewusst, dass sie ihm seine ernste Bitte und einzigen Wunsch unmöglich abschlagen konnte, nicht in einem solchen Augenblick.

»Also gut, Richard, ich werde nichts Übereiltes tun, um dich zu befreien. Geduldig werde ich ausharren und auf dich warten. Ich kenne dich, ich weiß, du wirst niemals aufgeben. Und du weißt, dass ich nichts Geringeres von dir erwarte. Wenn du entkommst – was du ganz sicher tun wirst –, werde ich auf dich warten, und dann sind wir wieder vereint. In unseren Herzen werden wir uns niemals voneinander trennen. Wie du bereits sagtest, unser Liebesschwur gilt für die Ewigkeit.«

Richard schloss erleichtert die Augen. Er küsste sie zärtlich auf die Stirn, dann löste er ihre Hand von seiner Brust und überhäufte sie mit zarten Küssen. In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, wie viel ihm ihr Versprechen bedeutete.