Als Cara aus der Türöffnung verschwand, zog Richard eine Handvoll Gold und Silber aus einer Innentasche seines ledernen Rucksacks. Hastig warf er ungefähr die Hälfte zurück in den Rucksack, dann hielt er ihr das Übrige hin.
»Nimm das. Kann sein, dass du es brauchst.«
»Ich bin die Mutter Konfessor. Ich brauche kein Gold.« Offenbar nicht gewillt, mit ihr in den letzten gemeinsamen Augenblicken, die ihnen noch blieben, zu streiten, warf er es ihr trotzdem aufs Bett.
»Möchtest du einige der Schnitzereien mitnehmen?«, fragte sie. Die Frage war albern, das war ihr klar, aber sie musste die entsetzliche Stille füllen, und abgesehen von einer aussichtslosen Bitte kam ihr nichts in den Sinn.
»Nein, ich habe keine Verwendung dafür. Denk an mich, wenn du sie anschaust, und vergiss niemals, dass ich dich liebe.« Er rollte eine Decke fest zusammen, wickelte sie in ein kleines Stück Öltuch und zurrte beides mit Lederriemen an der Unterseite seines Rucksacks fest. »Wenn ich wirklich eine will, kann ich sie mir jederzeit schnitzen.«
Kahlan reichte ihm ein Stück Seife.
»Ich brauche deine Schnitzereien nicht, um an deine Liebe zu denken. Schnitze etwas, damit Nicci einsieht, dass du frei sein solltest.«
Richard sah bitter lächelnd auf. »Ich habe die Absicht, ihr unmissverständlich zu verstehen zu geben, dass ich mich weder ihr noch der Imperialen Ordnung jemals unterwerfen werde, dazu brauche ich keine Schnitzereien. Sie glaubt, sie hat sich das alles wunderbar zurechtgelegt, aber sie wird feststellen müssen, dass ich sehr unangenehme Gesellschaft sein kann.« Richard rammte seine Faust in den Rucksack, um mehr Platz zu schaffen. »Überaus unangenehme Gesellschaft.«
Cara kam ins Zimmer zurückgestürzt, kleine, obenauf an den Ecken zusammengebundene Pakete in den Händen, die sie nacheinander aufs Bett fallen ließ.
»Ich habe Euch ein paar Vorräte zusammengestellt, Lord Rahl, Kleinigkeiten für unterwegs, die sich halten – Trockenfleisch und -fisch und Ähnliches. Etwas Reis mit Bohnen. Obenauf habe ich … ein selbst gebackenes Brot gelegt, das esst bitte zuerst, solange es noch frisch ist.«
Er dankte ihr, stopfte die kleinen Pakete in seinen Rucksack und hielt das Brot schnuppernd unter die Nase, bevor er es verstaute. Dann bedachte er Cara mit einem anerkennenden Lächeln.
Richard straffte sich. Sein Lächeln erlosch, auf eine Weise, die Kahlan aus irgendeinem Grund das Blut gefrieren ließ. Offenkundig mit sich ringend, ob er sich zu einem letzten, grausamen Schritt hinreißen lassen sollte, streifte Richard den Waffengurt über den Kopf. Mit der Linken die in Gold und Silber gehaltene Scheide festhaltend, zog er das Schwert der Wahrheit mit seiner rechten Hand, deren Knöchel sich weiß verfärbten.
Mit einem einzigartigen, metallischen Klirren verkündete die Klinge ihre Freiheit.
Richard krempelte seinen Ärmel hoch und zog das Schwert über seinen Unterarm. Kahlan zuckte zusammen, als sie es sah; sie wusste nicht, ob er sich aus Versehen oder mit Absicht einen so tiefen Schnitt beigebracht hatte. Dann fiel ihr ein, dass Richard jede scharfe, stählerne Klinge präzise zu führen wusste, und ein eiskalter Schauder überlief sie.
Er drehte die Klinge und zog beide Seiten durch das sanft hervorsprudelnde, leuchtend rote Blut. Anschließend tauchte die Klinge darin ein, ließ sie ausgiebig davon kosten und weckte ihre Gier nach mehr. Kahlan hatte keine Ahnung, was er damit bezweckte oder warum er es ausgerechnet in diesem Augenblick tat, trotzdem war es beängstigend, Zeugin dieses Rituals zu sein. Hätte er das Schwert doch nur früher gezogen und Nicci niedergemetzelt; vor ihrem Blut hätte sich Kahlan nicht gefürchtet.
Richard nahm die Scheide in die Hand und rammte das Schwert der Wahrheit hinein. Das über seine Hand rinnende Blut hinterließ auf der Waffe schmierig rote Flecken, als er der Länge nach, bis hin zur Spitze, mit der Hand darüberfuhr und sie mitsamt Scheide anschließend in der Mitte mit der Faust umschloss. Den Kopf gesenkt, die Augen auf die matten, silbernen und goldenen Spiegelbilder gerichtet, deren Glanz selbst noch durch sein eigenes Blut hindurchschimmerte, beugte er sich näher zu ihr.
Als Richard aufblickte, sah Kahlan den tödlichen Zorn der Magie in seinen Augen flackern. Er hatte den fürchterlichen Zorn des Schwertes beschworen, ihn auf den Plan gerufen, und es wieder zurückgeschoben.
Richard reichte ihr das Schwert in seiner Scheide. Vor Anstrengung traten die Sehnen auf seinem Handrücken hervor, und durch das Blut waren seine weißen Knöchel zu erkennen.
»Nimm es«, sagte er mit heiserer Stimme, die verriet, wie sehr er mit sich rang.
Wie gebannt wog Kahlan die Scheide in den Händen. In diesem kurzen Augenblick, bevor er seine blutverschmierte Hand zurückzog, verspürte sie einen vibrierenden Schlag, so als habe ein bislang ungekannter, glühend heißer Zorn sie mit der Waffe verschweißt; fast erwartete sie, Funken stieben zu sehen. Sie spürte, wie der kalte Stahl einen Zorn verströmte, der sie fast auf die Knie warf. Hätte sie sie loslassen können, sie hätte die Waffe um ein Haar fallen lassen. Doch sie konnte es nicht.
Als Richard seine Hand zurückgezogen hatte, büßte das in seiner Scheide steckende Schwert seinen leidenschaftlichen Zorn ein und fühlte sich nicht anders an als jede andere Waffe auch.
Richard hob warnend einen Finger, den gefährlichen Glanz der Magie noch immer in den Augen. Seine Kiefermuskeln spannten sich, bis sie hinauf bis zu den Schläfen deutlich hervortraten.
»Ziehe dieses Schwert niemals«, warnte er mit jener Ehrfurcht gebietend rauen, leisen Stimme, »es sei denn, dein Leben steht auf dem Spiel. Du weißt, welch grauenhafte Dinge diese Waffe anrichten kann, nicht nur bei dem, der durch die Macht der Klinge fällt, sondern auch bei dem, der der Macht ihres Heftes ausgeliefert ist.«
Kahlan, wie gelähmt von seinem eindringlichen Blick, konnte bloß nicken. Nur zu deutlich erinnerte sie sich an das erste Mal, als Richard einen Mann mit diesem Schwert getötet hatte. Er hatte es – damals, als er zum ersten Mal mit dem Grauen des Tötens Bekanntschaft gemacht hatte – zu ihrem Schutz getan.
Als die Waffe damals das erste Mal zum Einsatz kam und ihre Magie zum ersten Mal entfesselt wurde, hätte dies um ein Haar auch Richard das Leben gekostet. Er hatte sich sehr schwer getan, zu lernen, wie man den vom Schwert der Wahrheit entfesselten Sturm der Magie beherrschte.
Auch ohne den magischen Zorn des Schwertes konnten Richards Augen Bedrohlichkeit vermitteln; Kahlan erinnerte sich an mehrere Gelegenheiten, als er allein mit seinem Raubtierblick einen ganzen Saal zum Schweigen gebracht hatte. Es gab nur wenig Schlimmeres als das Gefühl, sich dem Blick aus diesen Augen entziehen zu müssen. Jetzt gierten sie danach zu töten.
»Sei zornig, wenn du es benutzen musst«, knurrte er. »Sei sehr zornig, denn das wird deine einzige Rettung sein.«
Kahlan musste schlucken. »Verstehe.« Sie nickte. »Ich werde es beherzigen.«
Aufrichtiger Zorn war der einzige Schutz gegen die lähmenden Schmerzen, die das Schwert als Preis für seine Dienste forderte.
»Leben oder Tod, es gibt keinen anderen Grund. Was geschehen wird, weiß ich nicht, und mir wäre es sehr recht, du müsstest es nicht erfahren. Aber lieber das, als dass du ohne diese fürchterliche Waffe bist, wenn du sie brauchst. Ich habe sie Blut kosten lassen, sie wird unersättlich danach gieren. Wird sie gezogen, wird sie im Blutrausch sein.«
»Verstehe.«
Endlich beruhigte sich sein Blick. »Es tut mir Leid, dich mit der fürchterlichen Verantwortung dieser Waffe belasten zu müssen, erst recht auf diese Weise, aber es ist der einzige Schutz, den ich dir bieten kann.«
Die Hand sachte zum Trost auf seinen Arm gelegt, erwiderte Kahlan: »Ich werde es nicht benutzen müssen.«
»Gütige Seelen, das will ich auch hoffen.« Über seine Schulter schauend warf er einen letzten Blick auf ihr gemeinsames Zimmer und schließlich auf Cara. »Ich muss aufbrechen.«