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Kahlan fiel auf die Knie und ließ ihren Gefühlen freien Lauf. Den Kopf in den Händen überließ sie sich hilflos ihren Tränen über das, was ihr wie das Ende der Welt vorkam.

Cara hockte sich neben sie und legte ihr einen Arm um die Schultern. Kahlan konnte es nicht ertragen, dass Cara sie so weinen, sie so hilflos sah. Mit einem verschwommenen Gefühl der Dankbarkeit nahm sie zur Kenntnis, dass Cara ihren Kopf an ihre Schulter zog und kein Wort sprach.

Wie lange sie in ihrem weißen Mutter-Konfessor-Kleid schluchzend auf dem Lehmboden gehockt hatte, wusste sie nicht, nach einer Weile jedoch gelang es Kahlan, damit aufzuhören, obwohl ihr Herz noch immer jäh in hoffnungsloser Traurigkeit versank. Jeder Augenblick, der verstrich, wurde ihr zur Qual; denn vor ihr lag eine Zukunft ohne Freude, eine Ödnis voller Seelenqualen.

Schließlich hob sie den Kopf und sah sich in der Hütte um. Ohne Richard wirkte sie leer. Er hatte ihr Leben verliehen, jetzt war sie ein toter Ort.

»Was wollt Ihr nun tun, Mutter Konfessor?«

Es wurde dunkel, ob wegen des Sonnenuntergangs oder der dichter werdenden Wolken, vermochte Kahlan nicht zu sagen; sie rieb sich die Augen.

»Fangen wir an, unsere Sachen zusammenzusuchen. Wir werden ein paar Tage hier bleiben, wie Richard uns gebeten hat, anschließend sollten wir alles, was die Pferde nicht tragen können, vergraben und die Fenster mit Brettern vernageln. Wir werden die Hütte fest und sicher verschließen.«

»Für den Fall, dass wir eines Tages ins Paradies zurückkehren?«

Kahlan sah sich nickend um und versuchte verzweifelt, sich statt auf ihre erdrückenden Gedanken auf irgendeine Aufgabe zu konzentrieren. Am schlimmsten würde es nachts werden, wenn sie allein im Bett lag und er nicht bei ihr war.

Im Augenblick kam ihr dieses Tal eher vor wie ein verlorenes Paradies. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass Richard tatsächlich fort war. Ihr kam es so vor, als sei er nur kurz fortgegangen, um ein paar Fische zu fangen, Beeren zu suchen oder die Hügel zu erkunden, und als müsste er ganz sicher bald zurückkommen.

»Ganz recht, wenn wir eines Tages zurückkehren, wird es wieder unser Paradies sein. Ich bin überzeugt, wenn Richard tatsächlich zurückkommt, wird unser Paradies dort sein, wo immer wir uns gerade befinden.«

Kahlan merkte, dass Cara ihre Antwort gar nicht mitbekommen hatte. Die Mord-Sith starrte unverwandt durch die Tür nach draußen.

»Cara, was ist?«

»Lord Rahl ist fort.«

Kahlan legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter. »Ich weiß, es schmerzt, aber wir müssen jetzt all unsere Gedanken auf…«

»Nein.« Cara wandte sich um, ihre blauen Augen wirkten seltsam verstört. »Nein, das meinte ich nicht. Was ich meinte, war, ich kann ihn nicht mehr spüren. Ich spüre die Bande zu Lord Rahl nicht mehr. Wo er sich befindet, weiß ich – er läuft den Pfad zu diesem Pass hinauf –, aber ich fühle es nicht mehr.« Sie wirkte verängstigt und erschrocken. »Bei den gütigen Seelen, es ist, als würde man blind. Ich weiß nicht, wie ich ihn finden soll. Ich kann Lord Rahl nicht finden.«

In einem ersten Anfall von Panik dachte Kahlan, er sei vielleicht zu Tode gestürzt, oder Nicci habe ihn hingerichtet. Sie versuchte, sich ihre Befürchtungen auszureden.

»Nicci weiß von den Banden. Vermutlich hat sie sie mit Hilfe ihrer Magie überlagert oder gar gekappt.«

»Sie hat sie irgendwie überlagert.« Cara ließ den Strafer durch die Finger rollen. »Das muss es sein. Meinen Strafer spüre ich noch, daher weiß ich, dass Lord Rahl noch lebt. Die Bande existieren noch … nur spüre ich sie nicht, um zu wissen, wo er sich befindet.«

Kahlan atmete erleichtert auf. »Das muss es sein. Nicci will nicht, dass sie verfolgt wird, und hat daher die Bande zu ihm mit Hilfe von Magie überdeckt.«

Kahlan erkannte, dass die Menschen, wenn sie durch ihre Bande zu Richard vor dem Traumwandler geschützt sein wollten, jetzt auch ohne die Rückversicherung der Bande an ihn würden glauben müssen. Wenn sie überleben wollten, mussten sie die Verbindung in ihren Herzen bewahren.

Waren sie dazu im Stande? Waren sie eines solchen Glaubens fähig?

Cara starrte zur Tür hinaus, über die Wiese und auf die Berge, in denen Richard verschwunden war. Glühend orangefarbene Streifen durchzogen, Wundmalen gleich, den blauvioletten Himmel jenseits der blaugrauen Berge. Die schneebedeckten Gipfel reichten tiefer herunter als zuvor, der Winter nahte mit Riesenschritten. Wenn Richard nicht bald fliehen konnte und zurückkehrte, würden Kahlan und Cara noch vor seinem Eintreffen fortgehen müssen.

Schübe Schwindel erregenden Kummers drohten sie in einer Flut aus Tränen zu ertränken. Sie musste etwas tun, also ging sie ins Schlafzimmer, um ihr Konfessorkleid auszuziehen. Sie würde an die Arbeit gehen und mit dem Verschließen der Hütte und den Vorbereitungen für ihre Abreise beginnen.

Kahlan war gerade dabei, sich das Kleid über den Kopf zu ziehen, als Cara in der Tür erschien.

»Wohin wollen wir überhaupt gehen, Mutter Konfessor? Ihr sagtet, wir würden fortgehen, aber wohin, davon habt Ihr nichts gesagt.«

Kahlan sah Seele im Fenster stehen, die Fäuste seitlich am Körper, den Blick nach draußen in die Welt gerichtet. Sie nahm die Schnitzerei vom Fensterbrett und ließ die Finger über ihre fließenden Formen wandern.

Der Anblick der Figur, das Berühren, das Gefühl ihrer Kraft erweckte in Kahlan das Bedürfnis, in sich zu gehen und ihren Entschluss zu festigen. Schon einmal hatte sie alle Hoffnung aufgegeben, doch dann hatte Richard ihr diese Figur geschnitzt. Sie ließ ihre andere Hand sinken und stieß mit den Fingern gegen Richards Schwert, das quer über ihrem Bett lag. Kahlan konzentrierte sich und bündelte ihre wild kreisenden, verzweifelten Gedanken zu einem Gefühl des Zorns.

»Zur Imperialen Ordnung, um sie zu vernichten.«

»Ihr wollt die Imperiale Ordnung vernichten?«

»Diese Bestien haben mir mein ungeborenes Kind genommen und jetzt auch noch Richard. Ich werde dafür sorgen, dass sie das tausendfach und abertausendfach bereuen. Ich habe der Imperialen Ordnung einst den erbarmungslosen Tod geschworen. Jetzt ist die Zeit gekommen. Und wenn ich sie bis auf den letzten Mann töten muss, um Richard wiederzubekommen, dann werde ich genau das tun.«

»Ihr habt Lord Rahl einen Eid geschworen.«

»Richard hat nicht gesagt, ich darf sie nicht töten, sondern nur, wie ich dabei nicht vorgehen darf. Mein Eid bezog sich darauf, ihnen kein Schwert ins Herz zu stoßen; dass ich sie nicht an ihren zahllosen Wunden verbluten lassen darf, davon war nicht die Rede. Ich werde meinen Eid nicht brechen, aber ich habe die feste Absicht, sie bis zum letzten Mann zu töten.«

»Das dürft Ihr nicht, Mutter Konfessor.«

»Warum nicht?«

Caras blaue Augen funkelten bedrohlich. »Weil Ihr mir eine Hälfte übrig lassen müsst.«

24

Nur ein einziges Mal, kurz bevor er zwischen die Bäume gelangte, war Richard im Laufen stehen geblieben, um sich nach ihr umzusehen. Sie hatte in ihrem weißen Konfessorkleid und ihrem langen, über die Schulter fallenden Haar in der Tür gestanden, ihre Formen ein Sinnbild weiblicher Anmut, und genauso bezaubernd ausgesehen wie bei ihrer allerersten Begegnung. Einen kurzen Moment hatten sie sich in die Augen geblickt. Er war zu weit entfernt, um das Grün in ihren Augen zu erkennen, eine Farbe, die er noch bei keinem anderen Menschen gesehen hatte, eine Farbe von einer solchen ans Herz gehenden Vollkommenheit, dass sein Atem nicht selten stockte und dann schneller ging.

In Wahrheit aber waren es Herz und Verstand der Frau hinter diesen Augen, die ihn für sie eingenommen hatten. Einem Menschen wie ihr war Richard noch nie zuvor begegnet.

Seine Zeit schien knapp bemessen, das wusste er. So sehr es ihm zuwider war, den Blick von Kahlan zu lösen, ihr Leben stand auf der Kippe. Sein Entschluss stand fest. Richard stürzte in den Wald hinein.