Er war den Pfad oft genug gegangen und wusste, wo er laufen konnte und wo er Acht geben musste. Jetzt, da ihm nur wenig Zeit blieb, konnte er sich keine übertriebene Vorsicht leisten, also versuchte er erst gar nicht, einen Blick auf die Hütte zu erhaschen.
Allein hetzte er durch den Wald, seine Gedanken nichts als Salz in einer offenen Wunde. Zum ersten Mal fühlte er sich in den Wäldern fehl am Platz – machtlos, minderwertig, ohne jeden Mut. Kahle Äste stießen im Wind krachend gegeneinander, während andere wie in geheucheltem Kummer über seinen Fortgang knarzten und ächzten. Er versuchte beim Laufen nicht nachzudenken.
Mit dem allmählichen Ansteigen des Talgrunds gewannen Tannen und Fichten die Oberhand. Richards Atem ging in schnellen Stößen; in der schattigen Kühle des Waldbodens glich der Wind einem fernen Verfolger hoch über seinem Kopf, der ihn hetzte, jagte und von jenem Ort vertrieb, an dem er so glücklich gewesen war wie noch nie zuvor. An den tiefer gelegenen Stellen, wo größtenteils Zedern wuchsen, war der Waldboden mit schwammigen Hügeln aus grünlich gelbem Moos übersät, die aussahen wie in intensivem Grün gehaltene, mit winzigen schokoladenbraunen, schuppengleichen Zedernadeln verzierte Hochzeitstorten.
Auf Zehenspitzen über aus dem Wasser ragende Felsen balancierend, querte Richard einen kleinen Wasserlauf, der auf seinem halsbrecherischen Weg den Hang hinunter an manchen Stellen unter Felsen und Flusssteinen hindurchführte und dabei ein hallendes, trommelndes Geräusch erzeugte, das ihn den mächtigen Eichen auf seinem Weg in die Gefangenschaft ankündigte. Im kontrastarmen, grauen Licht übersah er die rötliche Schlinge einer Zedernwurzel, blieb mit dem Fuß darin hängen und stürzte der Länge nach mit dem Gesicht voran auf den Pfad, die endgültige Demütigung nach seiner Verurteilung und der Strafe der Verbannung.
Richard lag inmitten der klaren, feuchten, abgeworfenen Blätter, der abgestorbenen Zweige und des anderen Waldabfalls und spielte mit dem Gedanken, nie wieder aufzustehen. Er konnte einfach liegen bleiben und alles zu Ende gehen lassen, seine Glieder vom gleichgültigen Wind steif frieren, sich von neugierigen Spinnen, Schlangen und Wölfen zerbeißen lassen und verbluten, bis ihn die teilnahmslosen Bäume mit Laub bedeckten; vermisst von bestenfalls einigen wenigen, wäre sein Verschwinden für die meisten eine Erlösung.
Ein Bote mit einer Botschaft, die niemand hören will.
Ein Anführer vor seiner Zeit.
Warum nicht alles enden lassen, zulassen, dass der stumme Tod ihnen beiden ihren Frieden schenkte, und Schluss?
Voller Verachtung blickten die Bäume auf diesen Unwürdigen herab, gespannt, was er tun würde, ob er den Mut besäße, sich aufzurappeln und sich dem zu stellen, was ihn erwartete. Er wusste es nicht einmal selbst.
Der Tod wäre einfacher und in diesem Augenblick der Hölle eine weniger quälende Vorstellung.
So sehr er Kahlan liebte, selbst sie verlangte etwas von ihm, dessen er nicht fähig war: eine Lüge. Sie verlangte von ihm, etwas zu bestreiten, was er mit Bestimmtheit wusste. Er täte alles für sie, aber Tatsachen konnte auch er nicht ändern. Wenigstens war ihr Glaube an ihn so mächtig, dass sie sich von ihm aus den Schatten der Tyrannei führen ließ, die sich über die Welt zu legen drohten. Selbst wenn sie nicht an ihn glaubte, so war sie vermutlich doch die Einzige, die bereit war, sich ihm aus freien Stücken anzuschließen.
In Wahrheit blieb er nur wenige Sekunden auf der Erde liegen, um nach seinem Sturz wieder zu sich zu kommen und zu verschnaufen, während ihm diese Gedanken durch den Kopf schossen – kurze Sekunden, in denen er sich, als Ausgleich für die bevorstehenden harten Zeiten, erlaubte schwach zu sein.
Eine Schwäche als Ausgleich für die Kraft, die er benötigen würde, ein Gefühl des Zweifels als Gegenstück für die Gewissheit seiner Ziele, Angst als Gegengewicht für all den Mut, den er würde aufbringen müssen.
Noch während er überlegte, ob er es schaffen würde wieder aufzustehen, wusste er, er würde es tun; seine Anwandlungen von Selbstmitleid waren mit einem Schlag vorbei. Er würde alles für sie tun, sogar das. Tausendfach, wenn es sein musste.
Mit neu gewonnener Entschlossenheit befreite Richard seinen Verstand gewaltsam aus dem Reich finsterer Gedanken. So hoffnungslos war es nicht, er würde sich nicht beeindrucken lassen, schließlich hatte er bereits weitaus schwierigere Heimsuchungen überstanden als diese eine Schwester der Finsternis. Einmal hatte er Kahlan sogar aus der Gewalt von fünf Schwestern der Finsternis befreit, hier ging es nur um eine einzige. Er würde sie ebenfalls besiegen. Wut stieg in ihm hoch bei dem Gedanken, Nicci könnte sie in ihrer Selbstsucht dazu bringen, nach ihrer Pfeife zu tanzen.
Seine Verzweiflung wich kaltem Zorn.
Und schon rannte er, Bäumen ausweichend, wann immer er den Pfad abkürzte, weiter. Er sprang über umgestürzte Stämme und setzte, statt den sicheren Weg erst hinunter und dann wieder hinauf zu wählen, über Spalten in Felsplatten hinweg. Mit jeder Abkürzung, mit jedem Sprung gewann er wertvolle Sekunden.
Ein abgebrochener Aststumpf verfing sich in seinem Rucksack und riss ihn von seiner Schulter. Er versuchte noch, ihn im Vorübereilen festzuhalten, doch dann entglitt er seiner Hand, und der gesamte Inhalt verteilte sich über den Boden.
Richard bekam einen Wutanfall, so als hätte der Baum dies absichtlich getan, nur um ihn wegen seiner Hast zu verspotten. Er versetzte dem Übeltäter einen Tritt, der ihn aus seiner vertrockneten Höhlung brach. Dann ließ er sich auf die Knie fallen und schaufelte seine Sachen in den Rucksack zurück, klaubte Moos zusammen mit den Gold- und Silbermünzen auf und einen Fichtensämling mit dem Stück Seife, das Kahlan ihm mitgegeben hatte. Er hatte keine Zeit, beim Hineinstopfen darauf zu achten. Diesmal schnallte er sich den Rucksack auf den Rücken, statt ihn über die Schulter zu nehmen. Er hatte dadurch Zeit sparen wollen, stattdessen hatte es ihn nun unnötig aufgehalten.
Der Pfad, an manchen Stellen kaum mehr als ein Stück Wildwechsel, begann steil anzusteigen, so dass Richard sich gelegentlich beim Klettern mit beiden Händen an Felsen oder Wurzeln festhalten musste. Er war hier oft genug hinaufgeklettert und kannte die zuverlässigsten Griffe. Trotz des kalten Tages musste Richard sich den Schweiß aus den Augen wischen. Wenn er die Finger in Spalten hineinstieß, um sich festzuhalten, schürfte er sich die Knöchel am rauen Granitgestein auf.
Vor seinem inneren Auge sah er Nicci, die viel zu schnell ritt, viel zu rasch vorankam und einen viel zu großen Vorsprung gewann. Sich vor dem Aufbruch so viel Zeit zu lassen, im Glauben, er könne dies auf dem Pfad wettmachen, war geradezu tollkühn gewesen. Trotzdem hätte er Kahlan gerne noch länger in die Arme geschlossen.
Die Vorstellung, wie untröstlich Kahlan war, quälte ihn bis auf den Grund seines Wesens; er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es für sie schlimmer war. Obwohl sie frei war und er nicht, setzte es ihr mehr zu, weil sie sich trotz ihrer Freiheit zügeln musste, dabei wünschte sie sich doch nichts mehr als ihm hinterher zureiten. Richard, in der Gefangenschaft einer Herrin, hatte es leichter: Er brauchte nur Befehle zu befolgen.
Er stürzte aus dem dichten Wald auf den am höchsten Punkt des Passes breiteren Pfad. Nicci war nirgendwo zu sehen. Mit angehaltenem Atem blickte er suchend nach Osten und befürchtete, sie just in diesem Augenblick die andere Seite des Passes hinunterreiten zu sehen. Jenseits der leichten Anhöhe, auf der er stand, sah er die sich endlos ausbreitenden Wälder vor sich, einen Baumteppich, der zu beiden Seiten zu den Bergen hin anstieg. In der Ferne schwangen sich noch weit mächtigere Berge, deren Gipfel sowie weite Teile ihrer Hänge sich grellweiß gegen die Düsterkeit des bleigrauen Himmels abhoben, hinauf in Schwindel erregende Höhen.
Richard konnte keine Reiterin auf einem Pferd erkennen; da aber der Pfad unweit der Stelle, wo er stand, sich mäandernd zwischen den Bäumen verlor, hatte das im Grunde nichts zu bedeuten. Der höchste Punkt des Passes bestand aus einem kahlen Stück frei liegenden Felsenriffs, wohingegen sich der Rest des Reiterpfades über weite Strecken durch tiefen Wald wand. Rasch untersuchte er den Erdboden nach Spuren, in der Hoffnung, dass sie noch keinen allzu großen Vorsprung vor ihm hatte und er sie einholen konnte, bevor sie etwas Fürchterliches tat.