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Er spähte hinunter in das weit unten liegende Tal, über die strohbraune Wiese bis zu ihrer Hütte. Sie war zu weit entfernt, um jemanden zu erkennen. Hoffentlich blieb Kahlan ein paar Tage dort, wie er ihr geraten hatte. Er wollte nicht, dass sie sich der Armee anschloss, einen aussichtslosen Kampf kämpfte und umsonst ihr Leben riskierte.

Richard hatte Verständnis für Kahlans Wunsch, bei ihrem Volk zu sein und ihre Heimat zu verteidigen. Sie war überzeugt, etwas bewirken zu können, doch das konnte sie nicht, noch nicht, und vielleicht würde sich daran niemals etwas ändern. Im Grunde war Richards Vision nicht viel mehr als die Erkenntnis dieser Tatsache. Man verhinderte den Sonnenuntergang auch nicht dadurch, dass man dem Himmel mit dem Schwert drohte.

Richard warf einen abschätzenden Blick in die Wolken. Seit zwei Tagen war er überzeugt, dass die Zeichen auf den ersten Schnee des Winters hindeuteten, der schon bald bis zu ihrem Zuhause im Tal hinunterfallen würde. Aufgrund des Aussehens des Himmels und des Geruchs, den der Wind herantrug, schloss er, dass seine Vermutung richtig gewesen war.

Er war sich darüber im Klaren, dass er Nicci nicht so bald würde entfliehen können, dass er bereits nach wenigen Tagen zu Kahlan zurückkehren konnte; diese Geschichte hatte er sich aus einem anderen Grund ausgedacht. Wenn das Wetter umschlug und der erste Schnee in diesem gebirgigen Hochland fiel, ging das gewöhnlich mit einem gewaltigen Unwetter einher. Falls der Sturm tatsächlich so gewaltig war, wie er es nach seinen Schätzungen für möglich hielt, würden Kahlan und Cara am Ende bis zum Frühling in ihrer Hütte festsitzen. Die auf Vorrat gelegten Lebensmittel und die Vorräte, die er herangeschafft hatte, würden bequem für beide reichen, und das Feuerholz, das er geschlagen hatte, würde sie warm halten.

Dort wäre Kahlan sicher, bei der Armee wäre sie ständig in Gefahr.

Die Apfelschimmelstute kam, um die nicht weit entfernte Kurve biegend, zwischen den Bäumen zum Vorschein. Vom ersten Augenblick ihres Erscheinens an waren Niccis blaue Augen auf Richard gerichtet.

Damals, als die Schwestern des Lichts ihn in den Palast der Propheten in der Alten Welt gebracht hatten, hatte Richard irrtümlich angenommen, Kahlan wolle, dass man ihn fortschafft. Er wusste weder, dass sie ihn nur fortgeschickt hatte, um ihm das Leben zu retten, noch war er im Stande, das damals zu erkennen; er hatte geglaubt, sie wolle ihn nie Wiedersehen.

Während seiner Gefangenschaft im Palast hatte Richard Nicci für die Verkörperung der Lust gehalten; er brachte in ihrer Gegenwart kaum ein Wort hervor und wollte nicht glauben, dass, außer in Tagträumen, ein körperlich so vollkommenes Geschöpf existierte.

Als er jetzt beobachtete, wie sie, leicht im Sattel schwankend und die stechenden Augen auf seine geheftet, ihr Pferd den Pfad hinaufgehen ließ, schien sie ihre Schönheit mit einer Art wild entschlossener Ergebenheit zur Schau zu tragen. Ihre äußere Erscheinung hatte alles Verblüffende so vollständig eingebüßt, dass er sich nicht einmal mehr vorstellen konnte, warum er damals zarte Gefühle für sie gehegt hatte.

Mittlerweile hatte Richard erfahren, was eine richtige Frau ausmachte, und gelernt, was wahre Erfüllung hieß. In diesem Licht betrachtet, verblasste Nicci zu Bedeutungslosigkeit.

Während er beobachtete, wie sie näher kam, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass sie traurig aussah. Fast schien es ihr Leid zu tun, ihn hier anzutreffen, aber eher noch schien ein Anflug von Erleichterung über ihr Gesicht zu huschen.

»Du hast mein in dich gesetztes Vertrauen nicht enttäuscht, Richard.« Ihr Tonfall ließ durchblicken, dass es ohnehin gering gewesen war. »Du bist ganz verschwitzt, möchtest du dich vielleicht ein wenig ausruhen?«

Ihre geheuchelte Freundlichkeit ließ ihm das Blut heiß bis unter die Kopfhaut schießen. Er riss seinen wütenden Blick von ihrem sanftmütigen Lächeln, wandte sich zum Pfad herum und ging vor ihrem Pferd her, denn er hielt es für das Beste, den Mund zu halten, bis er seinen Zorn in den Griff bekam.

Ein kleines Stück den Pfad hinunter trafen sie auf einen schwarzen Hengst mit einer weißen Blesse auf der Stirn. Das groß gewachsene Pferd stand angepflockt auf einer kleinen grasbewachsenen Lichtung inmitten hoch aufragender Föhren.

»Dein Pferd, wie versprochen«, sagte sie. »Ich hoffe, es trifft deinen Geschmack. Nach meiner Einschätzung dürfte es groß und kräftig genug sein, um dich mühelos zu tragen.«

Richard überprüfte die weiche Trense, die seine Billigung fand; wenigstens quälte sie, wie manch eine der anderen Schwestern, die Tiere nicht mit den grausamen Trensen, mit deren Hilfe man ihnen seinen Willen aufzwang. Das übrige Zaumzeug machte einen soliden Eindruck, auch schien das Pferd gesund zu sein.

Richard nahm sich ein paar Augenblicke Zeit, sich mit dem Pferd bekannt zu machen. Er ermahnte sich, dass das Pferd nicht der Grund für seinen Ärger war, und er nicht zulassen sollte, dass sein Verhalten gegenüber Nicci die Art und Weise beeinflusste, wie er dieses prachtvolle Tier behandelte. Ohne sich nach dem Namen des Pferdes zu erkundigen, ließ er das Tier seine Hand mit gerümpfter Schnauze beschnuppern, dann strich er dem Hengst über seinen gestriegelten schwarzen Hals und stellte sich mit einem sachten Klaps auf seine Schulter wortlos vor. Der kräftige schwarze Hengst stampfte mit seinen Vorderhufen; noch war er nicht übermäßig begeistert, Richards Bekanntschaft zu machen.

Vorläufig hatten sie bei der Wahl ihrer Reiseroute keine Alternativen, es existierte nur dieser eine Pfad, und der führte, aus der Richtung jener Hütte kommend, wo Kahlan sich befand, zurück nach Osten. Richard ging voraus, um Nicci nicht ansehen zu müssen.

Er wollte nicht gleich beim ersten Kennenlernen auf dem Hengst aufsitzen und einen schlechten Eindruck hinterlassen, den zu überwinden eine Menge Arbeit kosten würde. Besser, er erlaubte dem Pferd, sich erst einmal langsam an ihn zu gewöhnen, wenn auch nur für vielleicht eine Meile. Die Zügel locker unter dem Kinn des Hengstes haltend, ging er vor ihm her, damit dieser sich daran gewöhnen konnte, dem fremden neuen Besitzer zu folgen. Die Konzentration auf die Arbeit mit dem Pferd half ihm, sich von den Gedanken abzulenken, die ihn in einem Meer von Kummer zu ertränken drohten. Nach einer Weile schien sich der Hengst in Gegenwart seines neuen Herrn wohl zu fühlen, und Richard saß ohne großen Aufhebens auf.

Der schmale Pfad ließ nicht zu, dass Nicci ihr Pferd neben seinem gehen ließ, und ihre Schimmelstute machte ihrem Missfallen darüber, dass sie dem Hengst hinterhergehen musste, schnaubend Luft.

Zufrieden stellte Richard fest, dass er bereits jetzt die Ordnung der Dinge durcheinander gebracht hatte.

Nicci machte keinerlei Anstalten sich zu unterhalten, vermutlich war ihr seine Stimmung nicht entgangen. Er begleitete sie, aber sie konnte nicht erwarten, dass er froh darüber war.

Als es dunkel zu werden begann, saß Richard einfach neben einem kleinen Gebirgsbach ab, wo die Pferde trinken konnten, und warf seine Habe auf den Boden. Nicci nahm seine Wahl des Lagerplatzes schweigend zur Kenntnis und band ihr Bettzeug vom Sattel los, den sie zuvor vom Pferd heruntergenommen hatte. Sie wirkte, mehr als alles andere, ein wenig niedergeschlagen, als sie auf ihrem zusammengerollten Bettzeug hockte und ein Stück Wurst verspeiste, zusammen mit einem harten Zwieback, den sie mit Wasser hinunterspülte. Nach ihrem ersten Bissen bot sie ihm die Wurst an und sah ihm dabei fragend in die Augen. Er würdigte das Angebot keines Blicks. Nicci nahm dies als Ablehnung und aß weiter.

Nachdem sie aufgegessen und sich im Bach gewaschen hatte, verschwand sie für eine Weile hinter dem dichten Unterholz. Als sie zurückkam, krabbelte sie ohne ein Wort in ihr Bettzeug, drehte ihm den Rücken zu und schlief ein.