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Richard saß, das Kreuz an seinen Sattel gelehnt, mit verschränkten Armen auf dem moosbedeckten Waldboden und machte die ganze Nacht über kein Auge zu. Er saß da und schaute Nicci im Licht des wolkenverhangenen und von der anderen Seite von einem nahezu vollen Mond beschienenen Himmels beim Schlafen zu, beobachtete ihren ruhigen, gleichmäßigen Atem, ihre leicht geöffneten Lippen, den langsamen Puls in ihrer Halsschlagader, und dachte die ganze Zeit darüber nach, wie er das, was sie ihnen angetan hatte, ungeschehen machen konnte. Mehr als einmal spielte er mit dem Gedanken, sie zu erwürgen, besann sich aber eines Besseren.

Er hatte bereits früher Magie benutzt und die unglaubliche Kraft seiner Gabe in der Vergangenheit nicht nur gespürt, sondern selbst entfesselt. Er hatte sich Situationen von ungeheurer Gefährlichkeit gegenübergesehen, in denen Magie auf vielfältige Weise eine Rolle spielte. Mit Hilfe seiner Gabe hatte Richard eine Kraft heraufbeschworen, wie sie kein Lebender je zu Gesicht bekommen hatte, und er hatte zugesehen, wie sie unter seiner bewussten Anleitung zum Leben erwacht war.

Meist war es Wut und Verlangen, die seine Gabe auf den Plan rief, beides besaß er im Übermaß, nur wusste er nicht, wie ihm das helfen konnte. Sein Verständnis dessen, was Nicci getan hatte, reichte nicht aus, um auch nur zu erahnen, wie er dem entgegenwirken konnte. Da Kahlans Leben sich am anderen Ende von Niccis unsichtbarem magischem Strang befand, wagte er nicht, etwas zu unternehmen, bevor er seiner Sache sicher war. Irgendwann würde es jedoch sein, er musste es nur erst verstehen. Die Erfahrung lehrte ihn, dass es vernünftig war, von dieser Annahme auszugehen. Er redete sich ein, es sei nur eine Frage der Zeit; wenn er nicht den Verstand verlieren wollte, musste er daran glauben.

Am nächsten Morgen sattelte er ohne ein einziges Wort zu Nicci die Pferde. Sie saß da, beobachtete, wie er die Sattelgurte festzurrte und sich vergewisserte, dass sie die Pferde nicht kniffen, und nippte an einem Wasserschlauch. Ihrer neben ihr liegenden Satteltasche entnahm sie etwas Brot und fragte ihn, ob er ein Stück wolle. Richard überhörte ihre Frage.

Normalerweise wäre er von der langen, kalten schlaflosen Nacht müde gewesen, doch sein Zorn hielt ihn hellwach. Den ganzen Tag über ritten sie in gemächlichem, aber gleich bleibenden Tempo unter einem bleiernen Himmel durch scheinbar endlose Wälder. Es tat gut, die Wärme eines Pferdes unter sich zu spüren. Während des ganzen Tages setzten sie ihren allmählichen Abstieg aus dem höher gelegenen Gebiet, wo die Hütte stand, bis hinunter ins Tiefland fort.

Mit dem Einbruch der Dunkelheit kam der Schnee.

Zuerst waren es nur ein paar verstohlene, durch die Luft wirbelnde Flocken. Als der Schnee immer heftiger zu fallen begann, schien er sowohl den Bäumen als auch dem Erdboden jegliche Farbe zu nehmen. Schließlich verdichtete sich der Schnee zu einer orientierungslos machenden, treibenden, massiven Wand, und ihre Sicht wurde zusehends schlechter. Er war gezwungen, die dicken Flocken unablässig fortzublinzeln.

Zum ersten Mal seit seinem Aufbruch mit Nicci verspürte Richard so etwas wie Erleichterung.

Kahlan und Cara, hoch oben in den Bergen, würden am Morgen erwachen, mehrere Fuß Schnee vorfinden und beschließen, dass es töricht wäre aufzubrechen, da es sich doch nur, wie sie vermutlich glauben würden, um einen frühen Schnee handelte, der in wenigen Tagen so weit heruntergeschmolzen sein würde, dass sie leichter vorankämen. Dort oben in den Bergen wäre dies ein Fehler. Es würde kalt bleiben, ein Schneesturm würde auf den anderen folgen, und schon bald würde der Schnee bis an die Fensterläden reichen. Das Warten würde sie nervös machen, trotzdem würden sie vermutlich zu dem Schluss gelangen, dass es derzeit für sie sinnvoller wäre, ihren Aufbruch bis zu einem Wetterumschwung aufzuschieben – schließlich gab es keinen Grund, sich zu beeilen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach würden sie den Winter über sicher in der Hütte festsitzen. Wenn er sich dann irgendwann aus Niccis Gewalt befreit hatte, würde er Kahlan geborgen in ihrem Zuhause antreffen.

Er entschied, dass es geradezu eine Dummheit wäre, sich von seinem Zorn vorschreiben zu lassen, auf dem nackten Erdboden zu schlafen, dabei konnten sie leicht erfrieren. Er erinnerte sich nur zu gut, dass im Falle von Niccis Tod auch Kahlan sterben würde. Als er eine hoch gewachsene Launenfichte erspähte, lenkte er sein Pferd vom Pfad herunter. Die Äste, die er dabei berührte, überschütteten ihn mit feuchtem Schnee. Richard klopfte ihn von seinen Schultern und schüttelte ihn sich aus dem Haar.

Nicci sah sich verwirrt um, machte aber keine Einwände. Sie stieg ab und wartete, was er tun würde. Als er einen schweren Zweig für sie zur Seite bog, warf sie ihm, bevor sie den Kopf für einen ersten Eindruck nach drinnen schob, einen misstrauischen Blick zu, dann aber straffte sie sich, und ein Ausdruck kindlichen Entzückens erhellte ihr Gesicht. Richard erwiderte ihr strahlendes Lächeln nicht.

Drinnen unter den dichten, mit pappigem Schnee verklebten Zweigen herrschte eine stille, kalte Welt. Da der Schnee den Baum mit einer Eiskruste bedeckte, war es im Innern nicht sehr hell. Im trüben Licht hob Richard eine kleine Feuergrube aus und brachte bald darauf das über den Spänen aufgeschichtete Totholz zum Brennen.

Als die Flammen einen warmen Feuerschein abzustrahlen begannen, sah Nicci sich verwundert um. Das flackernde Licht überzog die speichenähnlichen Zweige der Launenfichte über ihren Köpfen mit einem sanft orangefarbenen Glanz. Das untere Ende des Stammes war frei von Ästen, so dass der Hohlraum unter dem Baum einen Kegel bildete, in dessen unterem Teil sie genügend Platz hatten.

Nicci wärmte sich schweigend die Hände am Feuer und wirkte zufrieden – nicht so, als freue sie sich hämisch, dass er nachgegeben, einen Unterschlupf gefunden und ein Feuer angezündet hatte, sondern einfach nur zufrieden. Sie sah aus, als habe sie eine schwere Prüfung hinter sich und jetzt endlich ihren Frieden gefunden. Sie sah aus wie eine Frau, die keinerlei Erwartungen hatte, aber dankbar war für das, was sie besaß.

Richard hatte weder mit ihr zusammen gefrühstückt, noch überhaupt tags zuvor etwas gegessen. Sein Hunger gewann die Oberhand über seine grimmige Entschlossenheit, also setzte er aus geschmolzenem Schnee ein wenig Wasser auf und kochte Reis mit Bohnen. Sein Hungertod würde weder ihm selbst noch Kahlan etwas nützen. Wortlos reichte er Nicci die Hälfte der Bohnen mit Reis im Endstück seines Brotlaibs. Sich bei ihm bedankend, nahm sie die Brotschale entgegen.

Sie bot ihm ein luftgetrocknetes Fleischstück an. Richard fühlte sich, als er auf ihre schmalen, feingliedrigen Finger starrte, die ihm das Fleisch hinhielten, an jemanden erinnert, der ein Streifenhörnchen fütterte. Schließlich schnappte er sich das Fleisch aus ihrer Hand und biss herzhaft hinein. Um ihrem Blick zu entgehen, schaute er ins Feuer, während er seine Bohnen mit Reis aus dem Brotkanten verspeiste. Vom Knistern des Feuers abgesehen war das dumpfe Geräusch des Schnees, der in dicken Klumpen von den Ästen fiel, die nicht kräftig genug waren, ihre Last zu tragen, das einzige Geräusch. Schnee machte einen Wald oft zu einem Ort gespenstischer Stille.

Als er vor dem heruntergebrannten Feuer hockte und die Wärme der Flammen auf seinem Gesicht spürte und die Erschöpfung sowohl vom langen Ritt als auch seinem Wachsein in der Nacht zuvor, übermannte ihn schließlich die Müdigkeit. Richard schichtete dickere Zweige auf das herunterbrennende Feuer und häufte die Glut darum. Er rollte sein Bettzeug vor dem Feuer aus, Nicci gegenüber, die ihn schweigend beobachtete, krabbelte hinein und fiel, in Gedanken bei Kahlan in ihrer sicheren Hütte, in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Tag waren sie früh auf den Beinen. Nicci sprach kein Wort, drängte ihre Apfelschimmelstute jedoch sofort nach dem Aufsitzen vor den schwarzen Hengst und übernahm die Führung. Der Schnee war in einen kalten, nieselnden Nebel übergegangen. Was vom Schnee noch liegen geblieben war, war zu einem grauen Matsch getaut. Das Tiefland schien noch nicht vollends bereit, sich der Herrschaft des Winters zu überlassen. Weiter oben, wo Kahlan sich befand, war es kälter, dort würde es ernsthaft schneien.