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Während sie vorsichtig eine schmale, an einem Berghang vorbeiführende Straße entlang ritten, versuchte Richard zur Ablenkung den Wald im Auge zu behalten, trotzdem konnte er nicht verhindern, dass sein Blick gelegentlich auf die vor ihm reitende Nicci fiel. Es war kalt und feucht; über ihrem schwarzen Kleid trug sie einen schweren schwarzen Überwurf. Mit ihrem durchgedrückten Rücken, dem hoch erhobenen Kopf und dem blonden, sich über den Überwurf breitenden Haar, bot sie einen stattlichen Anblick. Er trug seine dunkle Waldkleidung und war unrasiert.

Niccis Schimmelstute war dunkelgrau, mit helleren, grauen Streifen am Körper. Auch ihre Mähne war dunkelgrau, ebenso wie die mit feinen Haarbüscheln besetzten Beine, der Schwanz dagegen hatte eine milchig weiße Farbe. Es war eines der schönsten Pferde, das Richard je zu Gesicht bekommen hatte. Er konnte es jedoch nicht ausstehen, denn es gehörte ihr.

Gegen Nachmittag querten sie einen in südlicher Richtung verlaufenden Pfad. Nicci, immer noch in Führung, ritt weiter Richtung Osten. Noch bevor der Tag zur Neige ging, würden sie auf einige weitere Pfade stoßen, die hauptsächlich von gelegentlich des Weges kommenden Jägern oder Fallenstellern benutzt wurden. Das Gebirge war unwirtlich, selbst wenn man den Boden rodete, war die Erdschicht dünn und mit Steinen durchsetzt. An einigen, näher an Kernland oder anderen Siedlungszentren gelegenen Orten weiter nördlich oder südlich gab es grasbewachsene Hänge, die spärliche Schaf- und Ziegenherden zu ernähren vermochten.

Das Spiel der Muskeln seines Hengstes unter sich spürend, betrachtete Richard ein Land, das ihm vertraut war und das er liebte. Er wusste nicht, wie lange es dauern würde, bis er wieder nach Hause kommen würde – wenn überhaupt. In der Annahme, Nicci werde es ihm so früh ohnehin noch nicht verraten, hatte er sich gar nicht erst nach ihrem Ziel erkundigt. Dass sie nach Osten ritten, musste im Augenblick noch nicht viel bedeuten, denn ihre Wahl an Strecken war begrenzt.

Eingelullt von den rhythmischen Bewegungen des Reitens, wanderten Richards Gedanken immer wieder zu seinem Schwert und wie er es Kahlan zum Geschenk gemacht hatte. Zu jenem Zeitpunkt schien es die einzige Möglichkeit gewesen zu sein. Die Art und Weise der Übergabe behagte ihm ganz und gar nicht, andererseits hatte er keine andere Möglichkeit gesehen, sie zu beschützen. Er betete, dass sie das Schwert niemals würde benutzen müssen. Sollte dem doch einmal so sein, hatte er ihm ja eine gehörige Portion seines Zornes mitgegeben.

Obwohl er ein hervorragendes Messer im Gürtel trug, fühlte er sich ohne sein Schwert nackt. Die uralte Waffe und ihre Art, seine dunklen Seiten ans Licht zu bringen, war ihm zutiefst verhasst, gleichzeitig aber vermisste er sie. Oft musste er an Zedds Worte denken, es sei lediglich ein Werkzeug.

Doch es war auch mehr als das. Das Schwert war ein Spiegel, obgleich einer, der der Magie verpflichtet und fähig war, entsetzliche Zerstörungen zu bewirken. Das Schwert der Wahrheit zerstörte alles, was ihm in die Quere kam – sei es aus Fleisch oder Stahl –, solange es feindlich war; einen Freund dagegen hätte es nicht einmal verletzen können. Eben darin lag der scheinbare Widerspruch seiner Magie: Das Böse wurde allein durch die Wahrnehmung der Person bestimmt, die das Schwert in Händen hielt, durch das, was diese Person für richtig hielt .

Richard war der wahre Sucher und Erbe der während des Großen Krieges von Zauberern erschaffenen Kraft des Schwertes. Eigentlich sollte er es bei sich tragen und dieses Schwert beschützen.

Eine Menge Dinge waren nicht so, wie sie sein sollten, überlegte er bei sich.

Am späten Nachmittag verließen sie den nach Osten verlaufenden Pfad und wählten stattdessen einen in südöstlicher Richtung. Richard kannte den Pfad; nach einem Tag würde er durch ein Dorf hindurchführen, um schließlich in eine schmale Straße überzugehen. Da Nicci den neuen Weg absichtlich eingeschlagen hatte, war ihr das offenbar ebenfalls bekannt.

Kurz bevor es endgültig dunkel wurde, passierten sie das nördliche Ufer eines Sees von beträchtlichen Ausmaßen. Ein kleiner Schwarm Möwen segelte fast genau über der Mitte der regengepeitschten Wasserfläche. Möwen waren in dieser Gegend nicht alltäglich, allerdings auch nicht völlig ungewöhnlich. Er musste an all die Seevögel denken, die er bei seinem Aufenthalt in der Alten Welt gesehen hatte; das Meer hatte ihn fasziniert.

In einer kleinen Bucht am gegenüberliegenden Ufer konnte Richard gerade eben zwei Männer beim Angeln ausmachen. Auf der dortigen Seeseite gab es einen über viele Generationen von Menschen, die von einem weiter südlich gelegenen, kleinen Weiler zum Fischen heraufkamen, zu einer tiefen Furche ausgetretenen Pfad.

Die beiden auf einem breiten, flachen, in den See hineinragenden Felsen sitzenden Männer winkten ihnen zum Gruß zu; es geschah nicht oft, dass man hier draußen Reitern begegnete. Richard und Nicci waren zu weit entfernt, als dass die Männer sie genau hätten erkennen können, vermutlich hielten sie sie für Fallensteller; Nicci erwiderte den Gruß ganz zwanglos, so als wollte sie sagen: »Viel Glück beim Angeln, wir wünschten, wir könnten euch Gesellschaft leisten.«

Hinter einer Wegbiegung verschwanden sie aus dem Blickfeld der Männer. Richard strich sich das verklebte Haar aus der Stirn, während sie am See entlang ritten und auf das Plätschern der kleinen Wellen am schlammigen Ufer lauschten. Als der Pfad beim Queren eines sachten Hanges anstieg, ließen sie den See hinter sich und drangen in den Wald ein. Nicci hatte gegen den immer wieder einsetzenden Nieselregen, der leise rieselnd durch die Bäume fiel, die Kapuze übergestreift. Eine zunehmende Düsternis senkte sich auf den Wald herab.

Richard hatte nicht die Absicht, Kahlans Leben auf irgendeine Weise zu gefährden; und so war schließlich der Augenblick gekommen, da er sprechen musste.

»Was soll ich sagen, wenn wir jemandem begegnen? Euch dürfte kaum daran gelegen sein, wenn ich den Leuten erzähle, dass Ihr eine Schwester der Finsternis auf Menschenfang seid. Oder wäre es Euch vielleicht lieber, ich übernehme eine stumme Rolle?«

Nicci warf ihm einen versteckten Seitenblick zu.

»Sowie es irgendwelche Außenstehenden betrifft, bist du mein Ehemann«, antwortete sie ohne Zögern. »Ich erwarte, dass du, ganz gleich, was geschieht, an dieser Geschichte festhältst. Von diesem Augenblick an bist du praktisch mein Gemahl, und ich deine Gemahlin.«

Richards Faust schloss sich fester um die Zügel. »Ich habe bereits eine Gemahlin. Die seid Ihr nicht, und ich werde auch nicht so tun, als wäre es so.«

Nicci, sachte in ihrem Sattel schwankend, schien seine Worte und die damit verbundenen Gefühle mit Gleichgültigkeit aufzunehmen. Sie schaute nach oben und betrachtete aufmerksam den dunkler werdenden Himmel.

Unten im Tiefland war es zu warm für Schnee. Hinter den gelegentlich aufreißenden Wolken hatte Richard einen Blick auf die windumtosten, von dichten, weißen Schneeverwehungen verhüllten Berghänge erhascht. Kahlan saß bestimmt sicher und geborgen an einem warmen und trockenen Ort fest.

»Meinst du, du könntest noch einen dieser schützenden Bäume für uns finden?«, fragte Nicci. »Wo es trocken ist, so wie gestern Abend? Ich würde mich wirklich von Herzen gerne trocknen lassen und etwas aufwärmen.«

Suchend ließ Richard den Blick durch die wenigen Lücken zwischen den Fichten und durch das Gewirr der kahlen Erlen- und Eschenäste über den vor ihnen abfallenden Berghang gleiten.

»Ja.«

»Gut, wir haben nämlich miteinander zu reden.«

25

Als Richard am Rand einer kleinen, leicht abfallenden grasbewachsenen Lichtung in der Nähe eines seiner Schutzbäume abstieg, übernahm Nicci die Zügel seines Pferdes. Sie spürte seinen zornig glühenden Blick auf ihrem Rücken, als sie die Pferde an den mächtigen Ästen einer dicht mit Weidenkätzchen überwucherten Erle festband. Die Pferde waren hungrig und gingen sofort daran, das feuchte Gras abzufressen. Wortlos begann Richard sich umzusehen und unter den undurchdringlichen Föhrendickichten abgestorbene Äste und Zweige einzusammeln, wo es, wie sie vermutete, ein wenig trockener war.