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Sie beobachtete ihn, wie er sich an die Arbeit machte, nicht offen, sondern eher wie zufällig und verstohlen aus den Augenwinkeln. Er war genau so, wie sie ihn in Erinnerung hatte, und mehr – was nicht so sehr nur an seiner Körpergröße lag, er hatte ein alles beherrschendes Auftreten an sich, das seit ihrer letzten Begegnung noch gereift war. Damals war sie manchmal versucht gewesen, ihn für wenig mehr als einen kleinen Jungen zu halten, doch das war vorbei.

Jetzt glich er einem kraftvollen, wilden Hengst, gefangen in seinem selbst errichteten Verschlag. Sie wahrte die Distanz und erlaubte ihm, gegen die Wände seines Verschlags zu treten. Es konnte für Nicci nicht von Vorteil sein, dieses wilde Tier zu zähmen. Ihn zu verhöhnen, ihn in seinem Schmerz auch noch zu quälen, war das Letzte, was sie wollte.

Nicci hatte Verständnis für seinen glühenden Zorn; der war zu erwarten gewesen. Ihr war nicht entgangen, was er für die Mutter Konfessor empfand, und sie für ihn. Allein der fein verflochtene Lattenzaun seiner Gefühle für diese Frau gewährleistete die Festigkeit der Wände seines Verschlags. Zwar weckte seine Qual Niccis Mitgefühl, trotzdem war ihr bewusst, dass gerade sie nicht zu ihrer Linderung beitragen konnte. Es würde dauern, bis seine Wunden verheilt waren, und mit der Zeit würden die Latten seines Zauns durch andere ersetzt werden.

Eines Tages würde er sich mit dem Unabänderlichen abfinden und lernen, die Wahrheit der Dinge zu begreifen, die sie ihm zu zeigen beabsichtigte. Eines Tages würde er das Unumgängliche ihres Tuns verstehen, geschah dies alles doch in bester Absicht.

Nicci ließ sich am Rand der Lichtung auf eine graue Granitplatte nieder, die nach den ungewöhnlichen Ecken und Kanten ihrer zerklüfteten Oberfläche zu urteilen früher ein Teil jenes Felsenriffs gewesen sein musste, das unter dem satten Grün der Balsamtannen und Föhren in ihrem Rücken herausragte, das die unerbittlichen Kräfte der Natur jedoch im Laufe der Zeit davon abgerückt hatten, so dass zwischen den einst miteinander verbundenen Kanten eine Lücke in Form eines Blitzes zurückgeblieben war.

Nicci saß mit durchgedrücktem Rücken da, eine Angewohnheit, die ihre Mutter ihr bereits in jungen Jahren eingetrichtert hatte, und beobachtete, wie Richard sich an das Absatteln der Pferde machte. Er ließ die beiden ein wenig Hafer aus Leinenfuttersäcken fressen, während er Steine aus der Lichtung zusammentrug. Anfangs vermochte sie sich überhaupt nicht vorzustellen, was er da tat. Als er sie dann zusammen mit dem eingesammelten Holz unter die Zweige des Schutzbaums schleppte, erkannte sie, dass er mit den Steinen einen Ring um die Feuerstelle legen wollte. Er blieb lange drinnen, daher wusste sie, dass er damit beschäftigt war, mit dem feuchten Holz ein Feuer zu entfachen. Wäre sie stark genug gewesen, nasses Holz zu entzünden, hätte sie ihm mit ihrer Gabe helfen können, doch das war sie nicht.

Richard schien der Aufgabe allerdings gewachsen zu sein; noch am Abend zuvor hatte sie ihm zugesehen, wie er – erst mit Birkenrinde und Spänen, anschließend mit kleinen Zweigen – Feuer gemacht hatte. Für derartige Aktivitäten unter freiem Himmel war Nicci nie zu haben gewesen, daher überließ sie diese ihm und nahm stattdessen die bescheidene Reparatur des Sattelgurtes bei ihrem Pferd in Angriff. Der Regen hatte vorläufig nachgelassen, und sie spürte nur noch das feine Prickeln von Nebel auf ihren Wangen.

Gerade war sie dabei, die losen Schnüre des schweren, geflochtenen Sattelgurtes wieder mit seiner Schnalle zu verknoten, als sie hörte, wie ein leises Knistern unter dem Baum hervordrang. Das Zischen und Knacken verriet ihr, dass es Richard gelungen war, das Feuer in Gang zu bringen. Sie vernahm das Scheppern eines Topfes auf einem Stein und schloss daraus, dass er Wasser zum Kochen aufsetzte.

Nicci saß schweigend auf der Granitplatte und entwirrte den verhedderten Sattelgurt, als Richard wieder zum Vorschein kam, um sich um die Pferde zu kümmern. Von ihren Futtersäcken befreit, tranken die Pferde aus einem in einer Vertiefung des glatten, gelbbraunen Felsenriffs liegenden Wassertümpel. Richard trug zwar dem Wald angemessene dunkle Kleidung, allerdings nahm diese seiner Haltung dennoch nichts von ihrer Würde. Mit einem einzigen Blick aus seinen grauen Augen erfasste er, was sie gerade tat. Er überließ sie ihrem Knoten und ging daran, die Pferde zu striegeln. Seine großen Hände arbeiteten ruhig und geschmeidig, sicher und mit Feingefühl. Die Pferde wussten es bestimmt zu schätzen, wenn ihnen jemand all den Matsch von den Fesseln entfernte. Sie an ihrer Stelle wäre jedenfalls froh gewesen.

»Ihr habt gesagt, wir müssten uns unterhalten«, wandte sich Richard schließlich an sie, während er mit der Striegelbürste über das Hinterteil der Stute strich und die letzten Schlammspritzer entfernte. »Ich nehme an, diese Unterhaltung wird darauf hinauslaufen, dass Ihr mir die Bedingungen meiner Gefangenschaft diktiert. Ich könnte mir denken, dass Ihr für Eure Gefangenen gewisse Regeln habt.«

Sein eisiger Ton klang, als hätte er beschlossen, sie sei wenig zu provozieren, um ihre Reaktion zu testen. Nicci legte den Sattelgurt beiseite und antwortete auf seinen herausfordernden Ton mit ehrlichem Mitgefühl.

»Dass dir einmal etwas zugestoßen ist, Richard, sollte dich nicht zu der Annahme verleiten, es werde dir noch mal passieren. Das Schicksal gebiert nicht ein ums andere Mal dasselbe Kind. Jedes ist anders, diesmal verhält es sich anders als die beiden vorigen Male.«

Wie schon der mitfühlende Blick in ihren Augen, so schien auch ihre Entgegnung ihn in einem unbedachten Augenblick zu erwischen. Einen Moment lang starrte er sie an, dann ging er in die Hocke, um den Striegel in ein Seitenteil der Satteltasche zurückzustecken und einen kleinen Meißel hervorzuziehen.

»Die beiden vorigen Male?« Er konnte sie unmöglich missverstanden haben. Seinem ausdruckslosen Gesicht war nicht anzusehen, was er dachte, als er den rechten Vorderhuf des Hengstes anhob, um den Schmutz zu entfernen. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon Ihr redet.«

Wie er mit dem Meißel in den Huf eindrang, versuchte er auch in ihre Gedanken vorzudringen, um herauszufinden, wie viel sie von diesen beiden Malen wusste und was ihrer Meinung nach diesmal anders war. Zweifellos würde er, wie jeder Krieger, in Erfahrung bringen wollen, wie sie die Fehler seiner früheren Häscher vermeiden wollte.

Noch war er nicht bereit zu glauben, dass es diesmal grundsätzlich anders war.

Richard nahm sich die Hufe des Hengstes der Reihe nach vor und säuberte sie, bis er schließlich am linken Vorderbein anlangte, unmittelbar neben ihr.

Schließlich war er fertig und setzte das Bein des Hengstes auf dem Boden ab; Nicci stand auf. Als er sich daraufhin umdrehte, stand sie so nahe, dass sie seinen warmen Atem auf ihrer Wange spürte. Er bannte sie mit seinem wütenden Funkeln, einem Blick, der jedoch längst nicht mehr so beunruhigend auf sie wirkte wie noch zu Beginn.

Statt zurückzuschrecken, ertappte sie sich dabei, wie sie in seine durchdringenden Augen schaute und staunte, dass sie ihn in ihrer Gewalt hatte. Endlich! Ihre Verwunderung hätte kaum größer sein können, wäre es ihr gelungen, das Licht von Mond und Sternen auf Flaschen zu ziehen.

»Du bist ein Gefangener«, sagte Nicci, »das macht deine Wut und deinen Groll vollkommen verständlich. Ich habe zu keinem Zeitpunkt erwartet, dass du dich darüber freust, Richard. Trotzdem ist es nicht dasselbe wie die beiden Male zuvor.« Sie legte ihm behutsam die Hand an den Hals. Er reagierte überrascht, spürte aber gleichzeitig, dass er nicht unmittelbar in Gefahr war. »Damals«, versuchte sie ihn mit ihrer Ruhe zu beschwichtigen, »hattest du einen Ring um deinen Hals, und zwar beide Male.«