»Ihr wart im Palast der Propheten, als man mich dorthin brachte.« Sie spürte, wie er schlucken musste. »Aber das andere Mal…«
Sie nahm ihre Hand von seinem Hals. »Ich verwende keinen Ring, wie es die Schwestern des Lichts taten, um dich zu beherrschen, um dir Schmerzen zuzufügen, damit du gehorchst, oder um dich ihren lächerlichen Prüfungen zu unterziehen. Mein Vorhaben hat damit nichts gemein.«
Sie zog ihren Überwurf nach vorne über die Schultern und lächelte kühl. »Erinnerst du dich noch, wie du den Palast der Propheten zum ersten Mal betratst? Erinnerst du dich noch an die Rede, die du damals hieltest?«
Richards Vorsicht ließ seine Worte brüchig klingen. »Nicht … Wort für Wort.«
Ihr Blick war noch immer in die Vergangenheit gerichtet. »Ich schon. Damals sah ich dich zum ersten Mal. Ich erinnere mich noch an jedes einzelne Wort.«
Richard schwieg, doch sie sah ihm an den Augen an, wie die Schattenbilder seiner Erinnerung in Bewegung gerieten.
»Du bekamst einen Wutanfall – ganz ähnlich wie jetzt, und hast uns einen roten Lederstab gezeigt, der an deinem Hals hing. Erinnerst du dich jetzt, Richard?«
»Schon möglich.« Sein wütend argwöhnischer Blick brach. »Seitdem ist eine Menge passiert. Vermutlich habe ich es einfach verdrängt.«
»Du hast erzählt, man habe dir bereits früher einen Halsring angelegt, und dass die Person, die dies getan hat, dir Schmerzen zugefügt hat, um dich zu bestrafen und dich auszubilden.«
Seine Körperhaltung wurde angespannt und wachsam. »Und weiter?«
Sie konzentrierte sich abermals ganz auf seine grauen Augen, Augen, denen kein Lidzucken und kein Atemzug von ihr entging, während er jedes ihrer Worte sorgfältig abwog. Sie wusste, das alles floss ein in eine innere Berechnung – eine grundlegende Analyse, wie hoch das Hindernis war, und ob er es überwinden konnte. Er konnte es nicht.
»Ich habe immer schon darüber nachgedacht«, sagte sie. »Über das, was du damals darüber sagtest, dass man dir bereits einmal einen Halsring angelegt habe. Vor ein paar Monaten nahmen wir eine Frau in roter Lederkleidung gefangen, eine Mord-Sith.« Seine Gesichtsfarbe wurde eine winzige Spur blasser. »Sie behauptete, sie sei auf der Suche nach Lord Rahl und wolle ihn beschützen. Ich konnte sie überreden, mir alles zu erzählen, was sie über dich wusste.«
»Ich stamme nicht aus D’Hara.« Seine Stimme klang selbstsicher, dennoch spürte sie darunter einen reißenden Strom der Angst. »Eine Mord-Sith dürfte nahezu nichts über mich wissen.«
Nicci langte unter ihren Überwurf und holte den Gegenstand hervor, den sie mitgebracht hatte. Sie ließ den kleinen roten Lederstab aus ihren Fingern gleiten, so dass er vor seinen Füßen landete. Er straffte sich.
»O nein, das stimmt nicht, Richard. Sie wusste eine ganze Menge.« Sie lächelte ein dünnes Lächeln, weder aus Freude noch aus Spott, sondern aus einer unbestimmten Traurigkeit im Angedenken dieser tapferen Frau. »Sie kannte Denna. Sie war im Palast des Volkes in D’Hara, wohin man dich brachte, nachdem Denna dich gefangen genommen hatte. Sie wusste alles darüber.«
Richard senkte den Blick. Er ging in die Hocke, hob voller Ehrfurcht den roten Lederstab vom feuchten Boden auf und wischte ihn an seinem Hosenbein ab, als wäre er von unschätzbarem Wert.
»Eine Mord-Sith würde Euch niemals etwas erzählen.« Er richtete sich auf und sah ihr unerschrocken in die Augen. »Eine Mord-Sith ist das Produkt von Folterqualen. Sie würde bestenfalls so viel preisgeben, dass Ihr sie für willig haltet. Sie würde Euch eine geschickte Lüge auftischen, um Euch zu täuschen. Eher würde sie sterben, als etwas zu verraten, was ihrem Lord Rahl schaden könnte.«
Mit einem ihrer schlanken Finger strich Nicci sich eine durchnässte Strähne ihres blonden Haars aus dem Gesicht. »Du unterschätzt mich, Richard. Diese Frau war überaus tapfer. Sie hat mir äußerst Leid getan, andererseits gab es Dinge, die ich unbedingt wissen wollte. Sie hat alles erzählt. Sie hat mir alles erzählt, was ich wissen wollte.«
Nicci sah, wie der Zorn in ihm aufstieg und seine Wangen erröten ließ. Das hatte sie weder beabsichtigt noch gewollt. Sie sprach die Wahrheit, er aber wollte nichts davon wissen und versuchte sie mit seinen falschen Vermutungen in den Hintergrund zu drängen.
Ein kurzer Augenblick verstrich, dann endlich fand die Wahrheit ihren Weg in seine Augen. Der Zorn fiel zögernd von ihm ab und machte einer schweren Traurigkeit Platz, die ihn aus Kummer über diese Frau schlucken ließ. Nichts anderes hatte Nicci von ihm erwartet.
»Offenbar«, sagte Nicci leise, »war Denna für das Foltern überaus begabt…«
»Ich kann auf Euer Mitgefühl verzichten, ich brauche es nicht.«
»Aber genau das empfand ich, Richard, für das, was diese Frau dich durchmachen ließ, aus keinem anderen Grund, als dir Schmerzen zuzufügen. Das sind die allerschlimmsten Schmerzen, hab ich Recht? Schmerzen, von denen niemand etwas hat, die zu keinem Geständnis führen. Die Sinnlosigkeit verschlimmert ihre quälende Wirkung noch. Das war es, worunter du so sehr gelitten hast.«
Nicci deutete auf die rote Lederwaffe in seiner Hand. »Diese Frau hat diese Art von Schmerzen nicht erlitten. Ich wollte nur, dass du das weißt.«
Misstrauisch presste er die Lippen aufeinander, wich ihrem Blick aus und starrte hinaus in die aufkommende Dunkelheit.
»Du hast sie getötet, diese Mord-Sith mit Namen Denna, aber erst, nachdem sie dir unsägliches Leid zugefügt hatte.«
»Genau wie ich ihr.« Die stillschweigende Drohung in Richards Worten machte seinen Gesichtsausdruck hart.
»Du hast den Schwestern des Lichts gedroht, weil auch sie dir einen Halsring angelegt haben, und ihnen erklärt, sie seien es nicht einmal wert, dieser Frau, dieser Denna, die Stiefel zu lecken. Du hast den Schwestern erklärt, sie glaubten, die Leine deines Halsrings in der Hand zu halten, und ihnen versichert, sie würden schon noch merken, dass sie einen Blitz in Händen hielten. Glaube keinen Augenblick, ich hätte für deine Gefühle oder deine Entschlossenheit in dieser Sache kein Verständnis.«
Nicci streckte die Hand aus und tippte ihm mitten auf die Brust.
»Diesmal aber, Richard, umschließt der Ring dein Herz, und es ist Kahlan, die du im Falle eines Fehlers verlieren wirst.«
Er ballte die Fäuste, seine Arme waren völlig starr. »Kahlan würde eher sterben, als hinzunehmen, dass ich ihretwegen zum Sklaven werde. Sie bat mich, ihr Leben für meine Freiheit zu opfern. Vielleicht kommt einst der Tag, an dem ich gezwungen bin, ihre Bitte zu respektieren.«
Seine Drohungen erfüllten Nicci mit einem Gefühl gelangweilter Mattigkeit. Die Menschen griffen ihr gegenüber zu oft zum Mittel der Drohung.
»Das liegt ganz bei dir, Richard. Aber du machst einen großen Fehler, wenn du glaubst, dass mich das schert.«
Sie konnte sich nicht mal ansatzweise daran erinnern, wie oft Jagang ihr Leben ernsthaft bedroht, oder wie viele Male er ihr dabei die Hände um den Hals gelegt und sie gewürgt hatte, nachdem er sie bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen hatte. Sie vermochte all die unzähligen Male – angefangen mit jenem einen Mal, als ein Mann sie als kleines Mädchen in eine Gasse gezerrt und ausgeraubt hatte – gar nicht zu zählen, die sie ernsthaft geglaubt hatte, sterben zu müssen.
Doch es waren nicht nur Männer wie diese, die ihr Leid versprachen.
»Ich kann dir gar nicht sagen, welche Versprechungen der Hüter der Unterwelt mir in meinen Träumen gemacht hat, Versprechungen endlosen Leides. Das ist mein Schicksal. Also, bitte, Richard, glaube nicht, du könntest mir mit deinen armseligen Drohungen Angst einjagen. Weitaus grausamere Männer als du haben mir glaubwürdig meinen Untergang versprochen. Ich habe mich längst mit meinem Schicksal abgefunden und aufgehört, mich zu ängstigen.«
Ihre Arme fielen schwer an ihrem Körper herab. Sie fühlte sich vollkommen leer. Der Gedanke an Jagang, an den Hüter, erinnerte sie daran, dass ihr Leben sinnlos war. Allein was sie in Richards Augen erblickt hatte, ließ sie ahnen, dass es vielleicht noch etwas anderes gab, etwas, das sie noch entdecken und verstehen musste.