Выбрать главу

»Und was wollt Ihr jetzt von mir?«, fragte Richard herrisch.

Nicci holte ihre Gedanken in das Hier und Jetzt zurück. »Das sagte ich bereits. Deine Pflicht in diesem Leben besteht von nun an darin, mein Ehemann zu sein. Genau so wird es sein – falls du möchtest, dass Kahlan überlebt. Ich habe dir in allen Punkten die Wahrheit erzählt. Begleitest du mich und erfüllst mir die kleinen Wünsche, um die ich dich bitte, indem du beispielsweise die Rolle meines Gemahls übernimmst, wird Kahlan ein langes Leben beschert sein. Ich kann natürlich nicht behaupten, dass es ein Leben ungetrübten Glücks sein wird, schließlich weiß ich, dass sie dich liebt.«

»Wie lange, glaubt Ihr, könnt Ihr mich halten, Nicci?« Richard fuhr sich verzweifelt mit den Fingern durch sein nasses Haar. »Was immer Ihr Euch wünscht, es wird niemals funktionieren. Wie lange wird es dauern, bis Ihr diese absurde Posse leid werdet?«

Ihr Blick verengte sich, als sie ihn in seiner vollkommenen Unschuld, wenn nicht gar Unwissenheit betrachtete.

»Mein lieber Junge, wie du weißt, wurde ich vor einhundertundeinundachtzig Jahren in diese erbärmliche Welt hineingeboren. Glaubst du vielleicht, ich hätte in dieser langen Zeit nicht eine Menge Geduld gelernt? Obwohl wir nach außen hin vielleicht so aussehen, als wären wir im selben Alter, und ich in vielerlei Hinsicht tatsächlich nicht älter bin als du, habe ich bereits das Siebenfache deines Lebensalters auf dem Buckel. Glaubst du allen Ernstes, du bist geduldiger als ich? Hältst du mich für ein albernes junges Ding, das du übertölpeln oder durch Abwarten ausstechen kannst?«

Er wurde beherrschter. »Nicci, ich…«

»Und glaube ja nicht, du kannst dich mit mir anfreunden oder mich für dich einnehmen. Ich bin weder Denna noch Verna oder Warren, und, was das anbelangt, nicht einmal Pasha. Freundschaft interessiert mich nicht.«

Er drehte sich ein wenig zur Seite und strich dem Hengst, als das Tier wegen des Geruchs des Holzrauchs, der kräuselnd durch die oberen Ästen des Schutzbaumes aufstieg, schnaubend mit einem Huf aufstampfte, mit der Hand über die Schulter.

»Ich will wissen, was Ihr dieser armen Frau Abscheuliches angetan habt, dass sie Euch von Denna erzählt hat.«

»Die Mord-Sith hat es mir im Tausch für eine Gefälligkeit erzählt.«

Ungläubig die Stirn runzelnd, wandte er sich wieder zu ihr herum. »Welchem Gefallen könntet Ihr einer Mord-Sith tun?«

»Ich habe ihr die Kehle durchgeschnitten.«

Richard schloss die Augen und ließ vor Kummer über diese unbekannte Frau, die seinetwegen hatte sterben müssen, den Kopf sinken. Er presste die Waffe in seiner Faust auf sein Herz, ihre Waffe.

Alle Lebendigkeit war aus seiner Stimme gewichen. »Ich nehme an, Ihr kennt ihren Namen nicht?«

Da war es wieder, dieses Mitgefühl für andere – sogar für Menschen, die er nicht einmal kannte –, das ihn einerseits zu dem Mann machte, der er war, und ihm andererseits gleichzeitig die Hände band. Mit der Zeit würde ihm sein Interesse für andere auch helfen, die Rechtschaffenheit ihres Vorgehens einzusehen. Dann würde auch er bereitwillig für die gerechte Sache der Imperialen Ordnung kämpfen.

»Doch, ich kenne ihn«, sagte Nicci. »Hania.«

»Hania.« Erwirkte zutiefst betrübt. »Ich kannte sie nicht einmal.«

»Richard.« Nicci legte ihm einen Finger unters Kinn und bog sein Gesicht sachte nach oben. »Du sollst wissen, dass ich sie nicht gequält habe. Als ich sie fand, wurde sie gerade gefoltert, und was ich dabei zu sehen bekam, hat mich alles andere als froh gemacht. Ihren Folterknecht habe ich getötet, Hania selbst war unrettbar verloren. Ich bot ihr an, sie von ihren Schmerzen zu erlösen, ihr ein rasches Ende zu bereiten, vorausgesetzt, sie erzählt mir von dir. Ich habe sie zu keinem Zeitpunkt gebeten, dich auf eine Weise zu verraten, die der Imperialen Ordnung nützlich sein könnte. Ich habe mich lediglich nach deiner Vergangenheit erkundigt, nach deiner ersten Gefangenschaft, weil ich verstehen wollte, was du damals, an deinem ersten Tag im Palast der Propheten, gesagt hast.«

Entgegen ihrer Absicht wirkte Richard keinesfalls erleichtert.

»Ihr habt ihr eine rasche Erlösung, wie Ihr es nennt, verwehrt, bis sie Euch gab, was Ihr verlangt habt, und das macht Euch an ihrer Folter mitschuldig.«

Die Erinnerung an diese blutige Tat, für die sie schon seit langem kaum mehr als den Schatten eines Gefühls zu empfinden vermochte, ließ Nicci im trüben Licht den Blick abwenden.

Es gab so viele, die von ihrem Leid erlöst werden mussten – so viele Alte und Kranke, so viele weinende Kinder, so viele Mittellose, Verzweifelte, Verarmte. Diese Frau war nichts als eines jener vielen Opfer des Lebens gewesen, die nach Erlösung schrien. Es war in bester Absicht geschehen.

Nicci hatte sich vom Schöpfer losgesagt und dem Hüter der Unterwelt ihre Seele versprochen, um Sein Werk zu tun. Sie hatte keine andere Wahl gehabt, nur ein gottloser Mensch wie sie brachte es fertig, angesichts des Leidens und der Verzweiflung keine angemessenen Gefühle zu empfinden. Welch bittere Ironie, den Bedürftigen auf diese Art zu dienen.

»Du siehst es vielleicht so, Richard«, sagte sie mit belegter Stimme, den Blick in diesen Albtraum aus empfindungslosen Erinnerungen gerichtet. »Ich tat es damals nicht, ebenso wenig wie Hania. Bevor ich ihr die Kehle durchschnitt, hat sie sich bei mir bedankt für das, was ich zu tun im Begriff war.«

In Richards Augen war keine Spur von Mitleid zu erkennen. »Und warum habt Ihr sie gezwungen, Euch von mir – und Denna – zu erzählen?«

Nicci raffte ihren Überwurf fester um die Schultern. »Ist das nicht offenkundig?«

»Ihr könnt unmöglich den gleichen Fehler begangen haben wie Denna. Ihr seid keine Frau wie sie, Nicci.«

Sie war müde. In der ersten Nacht hatte er nicht geschlafen, das wusste sie; sie hatte seine Augen auf ihrem Rücken gespürt und wusste, wie sehr er litt. Ihm den Rücken zukehrend, hatte sie lautlos geweint, über den Hass in seinen Augen, über die Belastung, immer das Richtige tun zu müssen. Die Welt war so verdorben.

»Vielleicht«, meinte sie mit leiser Stimme, »wirst du mir eines Tages den Unterschied erklären.«

Sie war so ungeheuer müde. Als er am Abend zuvor seiner Müdigkeit erlegen war und sich von ihr fortgedreht hatte, um zu schlafen, war zur Abwechslung Nicci die ganze Nacht wach geblieben, hatte zugesehen, wie er tief und fest schlief und dabei ihre magische Verbindung zur Mutter Konfessor gespürt. Über diese Verbindung empfand Nicci auch für sie starkes Mitgefühl.

Alles geschah nur zum Besten.

»Jetzt sollten wir erst einmal dafür sorgen, dass wir aus diesem schlechten Wetter herauskommen«, sagte Nicci. »Mir ist kalt und ich bin hungrig. Außerdem müssen wir uns dringend ein wenig ausruhen. Und wie gesagt: Zuvor haben wir noch etwas zu besprechen.«

Ihr war bewusst, dass sie ihn nicht würde anlügen können. Alles konnte sie ihm natürlich nicht erzählen, aber ihn bei den Dingen, die sie ihm erzählte, anzulügen, wagte sie ebenso wenig.

Das Spiel hatte begonnen.

26

Richard zerbröckelte die Wurst, die Nicci ihm aus ihrer Satteltasche gegeben hatte, und warf sie in den Topf mit dem köchelnden Reis. Soeben hatte sie ihm Dinge anvertraut, die ihm, während er sie richtig einzuordnen versuchte, immer wieder wie laut schreiend durch den Kopf gingen.

Er wusste nicht, wie viel er von dem, was sie erzählt hatte, zu glauben wagte, befürchtete jedoch, dass alles stimmte. Nicci machte einfach nicht den Eindruck, als habe sie es nötig, ihn anzulügen – zumindest nicht bei dem, was sie ihm bislang erzählt hatte. Sie wirkte längst nicht so … feindselig, wie er vermutet hatte. Wenn, dann wirkte sie eher traurig –, auch wenn ihm die Vorstellung schwer fiel, dass eine bekennende Schwester der Finsternis unter einem schlechten Gewissen leiden könnte. Wahrscheinlich war es einfach ein exzentrischer Aspekt ihrer Rolle, irgendein Trick, mit dem sie ihre Interessen durchzusetzen versuchte.