Kahlan fragte sich, wo Richard sein mochte, und ob er ebenfalls fror. Sie hoffte nicht. Da er ein paar Tage früher aufgebrochen war, hatte er vermutlich Glück gehabt und war, dem Schnee aus dem Weg gehend, bereits bis hinunter ins Tiefland abgestiegen.
Gemäß seiner Bitte hatten Cara und Kahlan drei Tage in ihrer Hütte ausgeharrt; am Morgen nach seinem Fortgang hatte der Schnee eingesetzt. Kahlan war versucht gewesen, vor ihrem Aufbruch einen Wetterumschwung abzuwarten, doch sie hatte durch Nicci eine bittere Lektion gelernt: Warte niemals ab, sondern handle. Als Richard nicht zurückkam, waren Kahlan und Cara unverzüglich losmarschiert.
Anfangs waren sie nur mühsam vorangekommen, die Pferde mal führend, mal reitend, hatten sie sich durch die Schneeverwehungen gekämpft. Ihre Sicht war stark eingeschränkt, und die meiste Zeit hatten sie, als einzigen Hinweis auf ihre Marschrichtung, ihre rechte Schulter in den aus Westen kommenden Wind halten müssen. Unter diesen Umständen war das Überqueren von Pässen ein gefährliches Unterfangen. Eine Zeit lang befürchteten sie, mit dem Verlassen ihrer sicheren Hütte einen schweren Fehler begangen zu haben.
Am Abend zuvor hatten sie beim Sammeln von Zweigen für ihren Unterschlupf unmittelbar vor dem Dunkelwerden einen kurzen Blick durch eine Wolkenlücke auf die tiefer gelegenen Hügel erhaschen können; sie waren grün und braun gewesen, nicht weiß. Nicht mehr lange, und sie würden sich unterhalb der Schneegrenze befinden. Kahlan war überzeugt, dass sie das Schlimmste hinter sich hatten.
Sie war gerade dabei, ein zusätzliches Hemd über die beiden, die sie bereits trug, zu streifen, als Kahlan das Knirschen von Schritten im Schnee vernahm. Als sie merkte, dass es mehr als ein Schrittepaar war, stand sie hastig auf.
Cara bahnte sich einen Weg durch das dichte Geäst der schützenden Bäume. »Wir haben Besuch«, verkündete sie mit düsterer Stimme. Kahlan sah, dass Cara ihren Strafer in der geballten Faust hielt.
Zwischen den Bäumen erschien, in Caras Fußstapfen folgend, eine in mehrere Kleiderschichten gehüllte, untersetzte Frau. Verborgen unter den Schichten aus Umhängen, Schals und anderen herabhängenden Zipfeln dicken Stoffes, erkannte Kahlan zu ihrer Überraschung Ann, die ehemalige Prälatin der Schwestern des Lichtes.
Hinter Ann folgte eine größere Frau, die Schals aus dem Gesicht zurückgeschlagen, so dass man ihr braunes, grau werdendes, locker auf die Schultern fallendes Haar erkennen konnte. Sie hatte einen durchdringenden, ruhigen, berechnenden Blick, der sich für immer als strahlenförmiges, von ihren tief liegenden Augen ausgehendes feines Faltengeflecht in ihr Gesicht gegraben hatte. Ihre Brauen wirkten weniger ruhig, mehrmals näherten sie sich zuckend ihrer vorspringenden Nase. Sie machte den Eindruck einer Frau, die ihre Kinder mit der Rute erzog.
»Kahlan!« Ann stürzte vor und fasste Kahlan bei den Armen. »O, mein Liebes, was tut es gut, dich wiederzusehen!« Als Kahlan einen Blick über ihre Schulter warf, sah Ann sich um. »Das ist eine meiner Schwestern, Alessandra. Alessandra, darf ich dir die Mutter Konfessor vorstellen – Richards Gemahlin.«
Die Frau trat lächelnd vor. Ihr freundliches Strahlen ließ ihr Gesicht vollkommen verändert erscheinen; augenblicklich wischte eine offene Gutmütigkeit jede Strenge fort, eine Verwandlung, die umso verwirrender war, als sie dadurch wie zwei Menschen mit einem gemeinsamen Gesicht wirkte. Oder aber, überlegte Kahlan, wie ein Mensch mit zwei Gesichtern.
»Mutter Konfessor, es ist schön, Euch kennen zu lernen. Ann hat mir alles über Euch erzählt, und was für ein wundervoller Mensch Ihr seid.« Sie erfasste den Lagerplatz mit einem raschen Blick. »Ich freue mich so für Euch und Richard.«
Anns Augen wanderten suchend nach rechts und links. Am Schwert blieb ihr Blick hängen.
»Wo ist Richard? Cara wollte sich mit keinem Wort dazu äußern.« Sie schaute hoch in Kahlans Augen. »Gütiger Schöpfer«, hauchte sie. »Ist etwas nicht in Ordnung? Was ist passiert? Wo ist Richard?«
Endlich bekam Kahlan ihre Zähne auseinander. »Eine deiner Schwestern hat ihn mitgenommen.«
Ann schob sich die Schals von ihrem grauen Haar und ergriff abermals Kahlans Arm. Sie reichte mit dem Scheitel gerade bis an Kahlans Brust, schien aber fast doppelt so breit zu sein.
»Was sagst du da? Was soll das heißen, eine Schwester hat ihn mitgenommen? Welche Schwester denn?«
»Nicci«, knurrte Kahlan.
Ann fuhr zurück. »Nicci…«
Schwester Alessandra stockte der Atem. »Schwester Nicci?« Sie kreuzte ihre Hände über dem Herz. »Schwester Nicci gehört nicht zu Anns Schwestern, Nicci ist eine Schwester der Finsternis.«
»Oh, das ist mir durchaus bewusst«, erwiderte Kahlan.
»Wir müssen ihn unbedingt zurückholen«, sagte Ann. »Auf der Stelle. Bei ihr ist er nicht sicher.«
»Unmöglich zu sagen, zu was Nicci…« Schwester Alessandra brach unvermittelt ab und schloss den Mund.
Der Wind wehte ihnen eine glitzernde Bö ins Gesicht, die das rötliche Morgengrauen für einen Augenblick hinter einem weißen Schleier verschwinden ließ. Kahlan befreite sich blinzelnd vom Schnee. Cara, in ihrem roten Lederanzug, über dem sie sowohl einen Umhang als auch ihren schweren Fellüberwurf trug, achtete nicht darauf. Die beiden anderen Frauen wischten sich mit ihren schweren Wollfäustlingen über die Augen.
»Es wird sich alles wieder fügen, Kahlan«, versuchte Ann sie zu beruhigen. »Doch jetzt erzähl uns, was ist vorgefallen? Du musst uns alles erzählen. Ist er verletzt?«
Kahlan versuchte ihren aufkommenden Zorn zu unterdrücken. »Nicci hat einen Bann bei mir benutzt, den sie als Mutterbann bezeichnete.«
Ann fiel die Kinnlade herunter; Schwester Alessandra stockte abermals der Atem.
»Bist du sicher?«, fragte Ann vorsichtig nach. »Bist du sicher, dass es sich wirklich darum gehandelt hat? Woher willst du das mit Bestimmtheit wissen?«
»Sie hat mich mit einer Art Magie durchbohrt. Von einem solchen Bann hatte ich noch nie gehört. Ich weiß nur, dass es eine zweifellos mächtige Magie war, von der sie behauptete, sie werde Mutterbann genannt. Dann sagte sie noch, irgendwie seien wir beide mittels dieser Magie miteinander verbunden.«
Alessandra trat einen Schritt vor. »Das macht ihn noch nicht zu einem Mutterbann.«
»Als Cara ihren Strafer gegen Nicci benutzte«, sagte Kahlan, »warf mich das auf die Knie, als ob Cara den Strafer gegen mich eingesetzt hätte.«
Ann und Alessandra sahen sich schweigend an.
»Aber … aber, wenn sie tatsächlich…«, stammelte Ann.
Kahlan nahm Ann die Worte aus dem Mund, die sie nicht auszusprechen wagte. »Sollte dies tatsächlich Niccis Wunsch sein, dann könnte sie den magischen Strang kappen, und ich würde sterben. Auf diese Weise hat sie Richard gefangen genommen. Sie versprach, ich würde überleben, falls Richard sie begleitet. Richard hat sich freiwillig in die Sklaverei begeben, um mir das Leben zu retten.«
»Das ist völlig ausgeschlossen«, meinte Ann und legte ihre behandschuhten Finger ans Kinn. »Nicci kann unmöglich wissen, wie man einen derart ungewöhnlichen Bann einsetzt – dafür ist sie viel zu jung. Außerdem erfordert ein so außergewöhnlicher Bann ein gewaltiges Maß an Kraft. Bestimmt hat sie etwas anderes getan und nur behauptet, es handele sich um einen Mutterbann. Nicci könnte niemals einen solchen Mutterbann bewirken.«
»Doch, das könnte sie«, widersprach Alessandra zögernd. »Sie besitzt sowohl die nötige Kraft als auch die Fähigkeit. Sie brauchte nur jemanden, der über das spezielle Wissen verfügt, um sie darin zu unterrichten. Nicci verfolgt die Magie nicht übermäßig leidenschaftlich, aber befähigt ist sie wie kaum eine andere.«
»Lidmila…«, meinte Ann leise zu Alessandra, als es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel. »Jagang hat Lidmila bei sich.«