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Kahlan bedachte Alessandra mit einem argwöhnisch funkelnden Blick. »Und wie kommt es, dass Ihr so viel mehr über Niccis Fähigkeiten wisst als selbst die Prälatin?«

Schwester Alessandra raffte ihren Umhang, der sich geöffnet hatte, wieder zusammen. Alles Warme wich aus ihrem Gesicht, und sie verfiel wieder in ihr missbilligendes Stirnrunzeln – diesmal jedoch mit einem Zug von Bitterkeit um den Mund.

»Ich habe Nicci in den Palast der Propheten gebracht, als sie noch ein kleines Mädchen war. Ich war für ihre Erziehung verantwortlich und leitete ihre Ausbildung in der Verwendung der Gabe; ich kenne sie besser als jede andere. Ihre dunklen Kräfte sind mir ebenfalls nicht unbekannt, denn auch ich war eine Schwester der Finsternis. Ich war es, die sie dazu verleitet hat, sich dem Hüter zuzuwenden.«

Kahlan spürte, wie die Wucht ihres klopfenden Herzens sie schüttelte. »Dann seid Ihr also auch eine Schwester der Finsternis.«

»Sie war es«, warf Ann ein, Kahlan mit erhobener Hand warnend.

»Die Prälatin kam in Jagangs Feldlager und rettete mich, nicht nur vor Jagang, sondern auch vor dem Hüter. Jetzt diene ich wieder dem Licht.« Das strahlende Lächeln verwandelte Alessandras Gesicht ein weiteres Mal. »Ann hat mich zum Schöpfer zurückgeführt.«

Was Kahlan anbetraf, so war diese Behauptung es nicht wert, bestätigt zu werden. »Wie habt Ihr uns gefunden?«

Ann überging die unmissverständliche Frage. »Wir müssen uns beeilen und Richard aus Niccis Gewalt befreien, bevor es ihr gelingt, ihn an Jagang auszuliefern.«

Den funkelnden Blick noch immer auf Alessandra gerichtet, antwortete ihr Kahlan: »Sie wird ihn nicht zu Jagang bringen. Sie behauptete, nicht im Namen Seiner Exzellenz zu handeln, sondern in ihrem eigenen Interesse. Das zumindest waren ihre Worte. Sie sagte, sie habe Jagangs Ring aus ihrer Unterlippe entfernt und fürchte sich nicht vor ihm.«

»Hat sie auch gesagt, warum sie dann Richard gefangen genommen hat?«, wollte Ann wissen. »Oder wenigstens, wohin sie ihn bringen will?«

Kahlan richtete ihren forschenden Blick wieder auf Ann. »Sie sagte, sie wolle ihn in die Vergessenheit führen.«

»In die Vergessenheit!«, rief Ann erschrocken.

»Ich habe dir eine Frage gestellt«, sagte Kahlan, deren Stimme einen zunehmend verärgerten Unterton annahm. »Wie habt Ihr uns gefunden?«

Ann tippte gegen ihre Hüfte. »Ich bin im Besitz eines Reisebuches, mit dessen Hilfe ich mich mit Verna bei unseren Truppen in Verbindung gesetzt habe. Verna erzählte mir von den Boten, die euch aufsuchen, daher wusste ich, wo ich euch finden würde. Glücklicherweise bin ich schnell genug aufgebrochen, um ein Haar hätten wir euch verfehlt. Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich bin, dich wieder bei Kräften zu sehen, Kahlan. Wir haben uns solche Sorgen gemacht.«

Kahlan sah, dass die hinter den beiden Frauen stehende Cara noch immer ihren Strafer in der Hand hielt. Kahlan brauchte keinen Strafer; ihre brodelnde Konfessorkraft war nie weiter als ein impulsives Zucken entfernt. Aus Vorsicht würde sie bestimmt keinen Fehler mehr begehen.

»Das Reisebuch, natürlich. Dann wird Verna dir auch von Richards Vision berichtet haben, dass er unsere Truppen auf keinen Fall gegen die Imperiale Ordnung führen darf.«

Ann, ganz offenkundig nicht erpicht darauf, eine derartige Vision zu diskutieren, nickte zögernd. »Vor ein paar Tagen, wir waren bereits ganz in der Nähe, ließ Verna uns die Nachricht zukommen, die D’Haraner seien ziemlich aufgebracht, weil sie plötzlich Richards Ortung verloren hätten. Sie sagte, zwar seien sie aufgrund ihrer Bande zu Lord Rahl noch immer vor dem Traumwandler sicher, hätten jedoch ganz plötzlich das Gespür dafür verloren, wo Richard sich befindet.«

»Nicci hat die Bande vor uns verborgen«, knurrte Cara.

»Wie auch immer, wir müssen ihn finden«, sagte Ann. »Wir müssen ihn aus Niccis Gewalt befreien. Er ist unsere einzige Chance. Was immer er auch denkt, es ist Unfug, und es ist unsere Pflicht, ihn eines Besseren zu belehren, aber zuallererst müssen wir ihn zurückholen. Er muss unsere Truppen gegen die Imperiale Ordnung führen, er ist es, der in der Prophezeiung genannt wurde.«

»Deswegen seid ihr also hergekommen«, sagte Kahlan leise bei sich. »Du hast von Verna gehört, dass er es ablehnt, die Armee zu führen oder ihr auch nur Befehle zu erteilen. Du bist hergekommen, weil du dir Hoffnungen machst, du könntest ihn zum Kämpfen zwingen.«

»Er muss kämpfen«, beharrte Ann.

»Nein, das muss er nicht«, erwiderte Kahlan. »Er ist zu der Erkenntnis gelangt, dass wir den Kampf um unsere Freiheit auf Generationen hinaus verlieren würden, wenn er uns in die Schlacht führt. Er sagte, er habe erkannt, dass die Menschen mit der Freiheit noch nichts anfangen können und deshalb nicht bereit sind, für sie zu kämpfen.«

»Er muss sich einfach dem Volk gegenüber beweisen.« Anns finsteres Gesicht wurde rot. »Er muss beweisen, dass er sein Anführer ist, was er ansatzweise bereits getan hat. Dann wird das Volk ihm auch folgen.«

»Richard sagte, er habe erkannt, dass nicht er sich dem Volk, sondern das Volk sich ihm gegenüber beweisen muss.«

Ann kniff überrascht die Augen halb zusammen. »Aber das ist Unsinn.«

»Ist es das?«

»Natürlich ist es das. Der Junge wurde bereits vor Jahrhunderten in einer Prophezeiung genannt. Hunderte von Jahren habe ich darauf gewartet, dass er geboren wird, um uns in dieser Auseinandersetzung anzuführen.«

»Was du nicht sagst. Und wer bist du, dass du Richards Entschluss rückgängig zu machen versuchst – wo du doch angeblich so entschlossen bist, ihm zu folgen? Er hat einen Entschluss gefasst. Wenn er der von dir herbeigesehnte Anführer ist, dann musst du dich seiner Führung unterwerfen, und damit auch seinem Entschluss.«

»Aber das ist nicht das, was in der Prophezeiung verlangt wird!«

»Richard glaubt nicht an Prophezeiungen, er glaubt, wir haben unser Schicksal selber in der Hand. Ganz allmählich begreife ich, was ihn zu der Behauptung veranlasst hat, der Glaube an Prophezeiungen beeinflusse künstlich die Ereignisse. Es ist der blinde Glaube an die Prophezeiung selbst – an irgendwelche mystisch verklärte Folgen –, der sich schädlich auf das Leben der Menschen auswirkt.«

Anns graue Augen weiteten sich bestürzt, um sich gleich darauf wieder zu verengen. »Richard ist der in der Prophezeiung Genannte, der uns gegen die Imperiale Ordnung führen soll. In diesem Kampf geht es um die blanke Existenz der Magie in dieser Welt – begreifst du das nicht?! Für ebendiesen Kampf wurde Richard geboren. Wir müssen ihn zurückholen!«

»Du bist an allem schuld«, sagte Kahlan leise.

»Was?« Anns Stirnrunzeln ging in ein gutmütiges Lächeln über. »Was redest du da, Kahlan?« Ihr Tonfall wurde wieder freundlich. »Du kennst mich doch, du bist über unseren Kampf für das Überleben der Freiheit der Magie informiert. Wenn Richard uns nicht führt, haben wir nicht die geringste Chance.«

Kahlan ließ ihren Arm vorschnellen und packte die verblüffte Schwester Alessandra an der Kehle; die Augen der Frau weiteten sich.

»Keine Bewegung«, presste Kahlan zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »oder ich entfessele meine Konfessorkraft.«

Ann hob flehend die Hände. »Hast du den Verstand verloren, Kahlan? Lass sie in Frieden. So beruhige dich doch.«

Mit ihrer freien Hand deutete Kahlan ins Feuer. »Das Reisebuch. Wirf es ins Feuer.«

»Was? Ich werde nichts dergleichen tun!«

»Auf der Stelle«, presste Kahlan zwischen den Zähnen hervor. »Oder Schwester Alessandra gehört mir. Und wenn ich mit ihr fertig bin, wird Cara dafür sorgen, dass du das Reisebuch ins Feuer wirfst, und wenn du es mit gebrochenen Fingern tun musst.«

Ann drehte sich kurz zu der Mord-Sith um, die hinter ihrer Schulter wartete.

»Ich weiß, du bist erregt, und dafür habe ich volles Verständnis, aber wir stehen in dieser Angelegenheit auf derselben Seite, wir lieben Richard genau wie du. Auch wir wollen die Imperiale Ordnung daran hindern, sich der gesamten Welt zu bemächtigen. Wir…«