»Wir? Wären die Schwestern und du nicht gewesen, es wäre niemals so weit gekommen. Du bist an allem schuld. Nicht Jagang, nicht die Imperiale Ordnung, sondern du.«
»Hast du jetzt endgültig den Verstand verl…«
»Du allein trägst die Verantwortung für das, was der Welt widerfuhr. So wie Jagang seinen Ring durch die Unterlippe seiner Sklavinnen bohren lässt, so hast du den deinen durch die Nase deines Sklaven bohren lassen – durch Richards! Du allein trägst die Verantwortung und für die bereits erlittenen Verluste und für die Menschenleben, die in dem blutigen Gemetzel, das über das Land hinwegfegen wird, noch verloren gehen werden. Du, und nicht Jagang, bist es, der wir das alles zu verdanken haben!«
Trotz der Kälte war Anns Stirn mit Schweißperlen übersät. »Was im Namen des Schöpfers redest du da? Du kennst mich, Kahlan, ich war bei deiner Hochzeit. Ich stand stets auf deiner Seite und habe mich nur deshalb an die Prophezeiungen gehalten, weil ich den Menschen helfen wollte.«
»Du hast die Prophezeiungen selbst hervorgebracht! Ohne dein Zutun wären sie niemals eingetreten! Sie haben sich nur deshalb ereignet, weil du sie erfüllt hast. Du hast den Ring durch Richards Nase gezogen!«
Ann reagierte mit Gelassenheit auf Kahlans Zornesausbruch.
»Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlen musst, aber jetzt geht dir jeder Sinn für Vernunft abhanden.«
»Ach, wirklich? Ist das so, Prälatin Ann? Warum hat Schwester Nicci meinen Gemahl in ihrer Gewalt? Antworte mir. Warum?«
Anns Gesichtsausdruck erstarrte zu einer grollend finsteren Maske. »Weil sie böse ist.«
»Nein.« Kahlans Griff um Alessandras Hals schloss sich fester. »Der wahre Grund dafür bist du. Hättest du Schwester Verna gar nicht erst in die Neue Welt geschickt und ihr befohlen, Richard über die Barriere in die Alte Welt zu schaffen…«
»Aber die Prophezeiungen besagen, dass die Imperiale Ordnung sich erheben wird, um die Welt zu erobern und die Magie zu vernichten, wenn es uns nicht gelingt, ihr Einhalt zu gebieten! In den Prophezeiungen heißt es weiter, Richard sei der Einzige, der uns führen könne, der Einzige, der überhaupt eine Chance habe!«
»Und du hast diese veraltete Prophezeiung zum Leben erweckt, du ganz allein. Und das alles nur, weil du eher blutleeren Worten traust als deinem eigenen Verstand. Du bist heute nicht hier, weil du die Entscheidungen deines erklärten Anführers unterstützen willst oder um vernünftig mit ihm zu reden, sondern um ihm eine Prophezeiung aufzuzwingen – und ihn diesen Ring spüren zu lassen. Hättest du Verna damals nicht ausgesandt, um Richard abermals in deine Gewalt zu bringen, was wäre dann wohl geschehen, Prälatin?«
»Nun, die Imperiale Ordnung…«
»Die Imperiale Ordnung? Sie säße noch immer in der Alten Welt fest, jenseits der Barriere! Oder etwa nicht? Drei Jahrtausende lang hat diese von Zauberern geschaffene Barriere dem Druck der Imperialen Ordnung und ihresgleichen sowie deren Wunsch, in Massen zur Eroberung entschlossen in die Neue Welt einzufallen, unüberwindbar standgehalten.
Nur weil du Richard gegen seinen Willen hast gefangen nehmen lassen und angeordnet hast, ihn in die Alte Welt zu schaffen – alles nur aus sklavischer Ehrfurcht vor nichts sagenden Worten in alten, verstaubten Büchern –, war er gezwungen, die Barriere zu zerstören; dadurch wurde es der Imperialen Ordnung erst möglich, in gewaltigen Massen in die Neue Welt einzufallen, in die Midlands, in meine Midlands, wo sie mein Volk abschlachtet und mir meinen Ehemann stiehlt – und das alles nur, weil du dich unbedingt einmischen musstest!
Ohne dich wäre nichts von alledem geschehen! Es gäbe keinen Krieg, keine Berge dahingemetzelter Menschen in den Städten der Neuen Welt, nicht Tausende von toten Männern, Frauen und Kindern, abgeschlachtet durch die Hand brutaler Halsabschneider der Imperialen Ordnung – nichts von alledem!
Wegen dir und deiner ach so geschätzten Prophezeiungen wurde der Schleier zerrissen und die Welt von einer Epidemie heimgesucht. Ohne deine Unternehmungen, mit denen du uns alle vor den Prophezeiungen ›retten‹ wolltest, wäre all dies niemals geschehen. Ich wage gar nicht daran zu denken, wie viele Kinder ich allein deinetwegen am schwarzen Tod habe leiden und sterben sehen, Kinder, die mir in die Augen schauten und mich fragten, ob sie wieder gesund werden würden, was ich bejahen musste, obwohl ich ganz genau wusste, dass sie die nächste Nacht nicht überleben würden.
Niemand wird die genaue Zahl der Toten je erfahren, es ist niemand mehr übrig, der sich noch an all die kleinen Orte erinnern könnte, die von jener Pest für immer ausgelöscht wurden. Ohne deine Einmischung würden diese Kinder noch leben, ihre Mütter würden ihnen lächelnd beim Spielen zuschauen, und ihre Väter würden ihnen beibringen, wie es in der Welt zugeht – eine Welt, die du ihnen vorenthalten hast, weil du an Prophezeiungen glaubst!
Du behauptest, dies sei ein Kampf um den Fortbestand der Magie in dieser Welt – dabei hat dein Wirken zur Erfüllung der Prophezeiungen die Welt womöglich längst zum Untergang verdammt. Ohne dein Zutun wäre es nie dazu gekommen, dass man die Chimären auf die Welt losgelassen hätte. Es stimmt, Richard ist es gelungen, sie zu vertreiben, aber welcher nicht wieder gut zu machende Schaden ist dadurch entstanden? Mag sein, dass wir unsere Kraft zurückerhalten haben, während jener Zeit jedoch, als die Chimären der Welt die Magie entzogen, sind ganz sicherlich einige Geschöpfe der Magie ausgestorben, Wesen, die für ihre nackte Existenz auf Magie angewiesen waren. Magie bedarf für ihren Fortbestand der Ausgewogenheit. Die Ausgewogenheit der Magie in dieser Welt war gestört. Vielleicht hat die unwiderrufliche Vernichtung von Magie längst eingesetzt. Und das alles, weil du den Prophezeiungen geradezu sklavisch huldigst.
Wärst du nicht gewesen, Prälatin Ann, Jagang, die Armee der Imperialen Ordnung sowie alle deine Schwestern befänden sich noch dort, jenseits der Barriere, und wir hier könnten in Sicherheit und Frieden leben. Du hast die Schuld überall verteilt, nicht nur dort, wo sie hingehört. Wenn Freiheit und Magie, wenn gar die Welt selbst vernichtet wird, dann allein durch deine Hand, Prälatin Ann.«
Das einzige Geräusch war das leise Stöhnen des Windes, das die plötzliche Stille umso quälender erscheinen ließ. Ann sah Kahlan aus tränenüberströmten Augen an. Der Schnee glitzerte in den Sonnenstrahlen einer kalten Dämmerung.
»So verhält es sich nicht, Kahlan. In deinem Schmerz erscheint es dir nur so.«
»Doch, genauso verhält es sich«, erwiderte Kahlan entschieden.
Anns Mund bewegte sich, doch diesmal brachte sie kein Wort hervor.
Kahlan streckte ihre Hand aus, die Handfläche nach oben.
»Das Reisebuch. Wenn du glaubst, ich werde das Leben dieser Frau nicht zerstören, dann hast du nicht die leiseste Ahnung, wer ich bin. Entweder ist sie eine deiner Schwestern, die mithilft, die Welt im Namen des Guten zu zerstören, oder sie ist eine der Schwestern des Hüters, die mithilft, die Welt im Namen des Todes zu vernichten. So oder so, händigst du mir das Reisebuch nicht aus, und zwar auf der Stelle, hat sie ihr Leben verwirkt.«
»Was glaubst du damit zu erreichen?«, fragte Ann leise, voller Verzweiflung.
»Es wird ein Anfang sein, deiner Einmischung in das Leben der Menschen aus den Midlands und dem Rest der Welt – in mein Leben und das Richards – Einhalt zu gebieten. Es ist der einzige Anfang, den ich mir vorzustellen vermag, ohne euch beide auf der Stelle umzubringen; ganz bestimmt wollt ihr nicht wissen, wie kurz davor ich bereits war. Und jetzt gib mir das Buch.«
Ann starrte auf Kahlans offene Hand vor ihrem Gesicht. Sie blinzelte ihre Tränen fort, dann streifte sie einen wollenen Fäustling ab und zog das kleine Buch hinter ihrem Gürtel hervor. Einen Augenblick lang hielt sie, es voller Ehrfurcht betrachtend, inne, schließlich aber legte sie es Kahlan in die Hand.
»Gütiger Schöpfer«, sagte Ann leise, »vergib deinem armen gequälten Kind für das, was es gleich tun wird.«