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Kahlan schleuderte das Buch ins Feuer.

Mit aschfahler Miene starrten Ann und Alessandra auf das in den zischenden Flammen verschwindende Buch.

Kahlan schnappte sich Richards Schwert. »Gehen wir, Cara.«

»Die Pferde stehen bereit. Ich war gerade dabei, sie zu satteln, als die beiden auftauchten.«

Kahlan schüttete das heiße Wasser aus, während Cara daran ging, rasch ihre Habseligkeiten zusammenzusuchen. Beide stopften Gegenstände in ihre Satteltaschen, anderes Gerät nahmen sie über die Schulter und trugen es hinüber zu den Pferden, um es an den Sätteln festzuzurren.

Ohne sich noch einmal nach Ann und Alessandra umzusehen, schwang Kahlan sich hinauf in ihren kalten Sattel. Die finster drein blickende Cara neben sich, ließ sie ihr Pferd wenden und entschwand in leichtem Galopp im Schneegestöber.

28

Als sie Kahlan und Cara, Racheengeln gleich, im undurchdringlichen Weiß verschwinden sah, warf Ann sich sofort auf die Knie und griff mit den Händen ins Feuer, um das brennende Reisebuch seinem Scheiterhaufen aus weiß glühenden Zweigen zu entreißen.

»Prälatin!«, rief Alessandra. »Ihr werdet Euch verbrennen!«

Ann zuckte unter der grausamen Heftigkeit der Schmerzen zurück, ignorierte den atemberaubenden Gestank verbrennenden Fleisches, bohrte ihre Hände abermals in die flirrende Hitze der Flammen und sah es mehr statt es zu fühlen, dass sie das kostbare Reisebuch in Händen hielt.

Die Bergung des brennenden Buches hatte insgesamt nicht mehr als eine Sekunde gedauert, durch das Prisma der Schmerzen betrachtet kam es ihr jedoch vor wie eine Ewigkeit.

Sich gegen die Qualen auf die Unterlippe beißend, ließ Ann sich auf die Seite fallen. Alessandra kam herbeigerannt, die Arme voller Schnee, mit dem sie Anns blutige, schwarzverkohlte Finger und das von ihnen fest umklammerte Reisebuch bedeckte.

Als der Schnee mit ihren Verbrennungen in Berührung kam, wimmerte Ann leise vor Schmerzen. Alessandra ließ sich neben ihr auf die Knie fallen, fasste die Hände an den Handgelenken und rief mit tränenerstickter, angstvoller Stimme: »Prälatin! Ach, Prälatin, das hättet Ihr nicht tun sollen!«

Die Schmerzen hatten Ann in einen Schockzustand versetzt. Alessandras schrille Stimme war kaum mehr als ein entferntes Klingen.

»O Ann! Warum habt Ihr nicht Magie benutzt oder wenigstens einen Stock?«

Die Frage überraschte Ann. In ihrer panischen Angst um das kostbare, dort im Feuer verbrennende Reisebuch, hatte sie nur einen einzigen Gedanken gehabt: es herauszufischen, bevor es zu spät war. Der bittere Schmerz, den Kahlans Anschuldigungen bei ihr hervorgerufen hatten, hatte ihrer leichtsinnigen Tat Vorschub geleistet, dessen war sie sich bewusst.

»So haltet doch still«, ermahnte Alessandra sie, selbst in Tränen aufgelöst. »Haltet still und lasst mich sehen, wie ich Euch heilen kann. Alles wird wieder gut werden. Haltet einfach still.«

Benommen vom Schmerz und von den Worten, die noch immer aus dem Innern ihres Kopfes auf sie einhämmerten, hockte Ann auf dem schneebedeckten Boden und ließ Alessandra ihre Hände heilen.

Ihr Herz vermochte die Schwester nicht zu heilen.

»Sie täuscht sich«, sagte Alessandra, als könnte sie Anns Gedanken lesen. »Sie täuscht sich, Prälatin.«

»Tut sie das?«, fragte Ann benommen, als der sengende Schmerz in ihren Fingern endlich nachzulassen begann und einem schmerzhaft unangenehmen Kribbeln der ihr Fleisch durchströmenden, ihr Werk verrichtenden Magie wich. »Tut sie das wirklich, Alessandra?«

»Ja. Sie weiß längst nicht so viel, wie sie zu wissen glaubt. Sie ist doch noch ein Kind – sie kann nicht einmal drei armselige Jahrzehnte alt sein. In dieser kurzen Zeit lernen Menschen nicht einmal, sich selbst die Nase zu putzen.« Alessandra plapperte einfach drauflos, das wusste Ann, sie plapperte drauflos aus Sorge um das Reisebuch und aus Sorge um den Kummer, den Kahlans Worte ausgelöst hatten. »Sie ist nichts weiter als ein albernes junges Ding, das von nichts auch nur die leiseste Ahnung hat. Es steckt viel mehr dahinter, sehr viel mehr. So einfach ist es nicht, wie sie glaubt, ganz und gar nicht.«

Ann war sich dessen nicht mehr so sicher. Alles erschien ihr leer und sinnlos. Fünfhundert Jahre Arbeit – war alles nur eine irre, selbst auferlegte Pflicht gewesen, zu der sie selbstsüchtige Begehrlichkeiten und ein törichter Glaube getrieben hatten? Hätte sie es an Kahlans Stelle nicht ganz genau so gesehen?

Vor ihrem inneren Auge spielte sich ein Gerichtsverfahren ab, in dem sie endlose Reihen von Toten vor sich liegen sah. Was ließe sich zu ihrer Verteidigung vorbringen? Sie wusste tausend Antworten auf die Vorwürfe der Mutter Konfessor, doch in diesem Augenblick erschienen sie ihr allesamt gegenstandslos. Wie konnte Ann sich nur vor all diesen Toten rechtfertigen?

»Ihr seid die Prälatin der Schwestern des Lichts«, fuhr Alessandra mit ihrem unzusammenhängenden Geplapper fort, als sie kurz ihre Arbeit unterbrach. »Sie hätte sich genauer überlegen müssen, mit wem sie redet, mehr Respekt zeigen müssen. Sie weiß doch überhaupt nicht, was dabei alles eine Rolle spielt. Es steckt eine Menge mehr dahinter, eine große Menge mehr. Schließlich wählen die Schwestern des Lichts ihre Prälatin nicht nach Gutdünken aus.«

Ebensowenig wie die Konfessoren ihre Mutter Konfessor.

Eine Stunde verging, dann noch eine, bevor Alessandra das schwierige und mühsame Werk, Anns Verbrennungen zu heilen, abschließen konnte. Verbrennungen waren überaus schwer zu heilende Verletzungen. Hilflos und frierend miterleben zu müssen, wie die Magie heiß durch ihren Körper strömte, während Kahlans Worte sie bis in ihre Seele trafen, war überaus ermüdend.

Als Alessandra fertig war, beugte und streckte Ann ihre Finger. Noch immer war ein letzter Rest der brennenden Schmerzen zu spüren, und daran würde sich, wie sie wusste, auch noch eine ganze Weile nichts ändern. Aber die Finger waren geheilt, und sie konnte ihre Hände wieder gebrauchen.

Bei genauem Abwägen jedoch fürchtete sie, dass sie sehr viel mehr verloren als wiedergewonnen hatte.

Erschöpft und frierend legte Ann sich zu Alessandras Leidwesen neben den zischenden Überresten jenes Feuers nieder, das ihr so übel mitgespielt hatte. In diesem Augenblick verspürte sie nicht den geringsten Wunsch, sich jemals wieder zu erheben. Ihre Jahre, nahezu eintausend an der Zahl, schienen sie alle mit einem Schlag eingeholt zu haben.

In diesem Moment vermisste sie Nathan fürchterlich. Zweifellos hätte der Prophet das eine oder andere kluge oder auch törichte Wort für sie gehabt; getröstet hätte sie beides, denn um Worte war Nathan nie verlegen. Seine prahlerische Stimme, seine freundlichen, kindlichen, wissenden Augen fehlten ihr. Ihr fehlte die Berührung seiner Hand.

Leise vor sich hinwimmernd weinte Ann sich in den Schlaf, doch ihre Träume verhinderten einen erholsamen und tiefen Schlaf. Sie erwachte am späten Vormittag, als sie Alessandras tröstende Hand auf ihrer Schulter spürte; die Schwester hatte noch etwas Holz ins Feuer nachgelegt, damit es etwas Wärme spendete.

»Fühlt Ihr Euch schon besser, Prälatin?«

Ann nickte, aber es war gelogen. Ihr erster Gedanke galt dem Reisebuch. Sie betrachtete es, wie es sicher in Alessandras Schoß lag. Ann setzte sich behutsam auf und nahm das schwarzverbrannte Buch aus der von Alessandras Kleid gebildeten Schlinge.

»Ich bin überaus besorgt um Euch, Prälatin.«

Ann tat ihre Besorgnis mit einer mürrischen Handbewegung ab.

»Während Ihr schlieft, habe ich mir das Buch angesehen.«

Ann grunzte. »Es ist in einem schlimmen Zustand.«

Alessandra nickte. »Das ist auch meine Meinung. Ich glaube nicht, dass man es retten kann.«

Mit Hilfe eines leichten, zarten Stroms ihres Han hielt sie die aus kaum mehr als Asche bestehenden Seiten fest, während sie sie behutsam umblätterte.

»Drei Jahrtausende hat es überdauert. Wäre es gewöhnliches Papier, es wäre unrettbar verloren, aber das hier ist ein magischer Gegenstand, Alessandra, gehärtet in den Flammen der Magie, von mächtigen Zauberern, wie man sie in all den drei Jahrtausenden nicht gesehen hat … bis Richard in Erscheinung trat.«