»Was können wir tun? Wisst Ihr eine Möglichkeit, es wiederherzustellen?«
Kopfschüttelnd betrachtete Ann das sich wellende, verkohlte Reisebuch. »Ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt wiederhergestellt werden kann, ich sage nur, es ist ein Gegenstand der Magie; und wo Magie ist, da besteht noch Hoffnung.«
Ann zog ein Taschentuch aus einer tief unter den Schichten ihrer Kleider verborgenen Tasche. Das Buch in der Mitte des Taschentuchs platzierend, faltete sie es vorsichtig, damit es nicht auseinanderfiel, zusammen, anschließend flocht sie um alles einen Bann, der es schützen und fürs Erste konservieren sollte.
»Ich muss versuchen, einen Weg zu finden, es wiederherzustellen – wenn ich kann, und falls es überhaupt möglich ist.«
Alessandra rieb sich die Hände. »Bis dahin werden wir auf unsere Augen in der Armee verzichten müssen.«
Ann nickte. »Wir werden nicht wissen, ob sich die Imperiale Ordnung nicht doch noch dazu durchringt, ihre Stellung im Süden zu verlassen und nach Norden in die Midlands vorzurücken. Ich kann Verna keine Unterweisung geben.«
»Was glaubt Ihr, Prälatin, wird geschehen, wenn die Imperiale Ordnung endlich beschließt anzugreifen – und Richard nicht bei ihnen ist? Was werden sie tun, ohne einen Lord Rahl, der ihre Führung übernimmt …?«
Ann gab sich alle Mühe, zu verdrängen, wie entsetzlich schwer Alessandras Worte wogen, und versuchte sich auf ihre unmittelbare Situation zu konzentrieren.
»Verna ist zurzeit Prälatin – zumindest, soweit es die Schwestern bei der Armee betrifft. Sie wird sie mit Klugheit führen. Außerdem ist Zedd bei ihnen, der den Schwestern bei den Vorbereitungen für die Schlacht helfen wird, sollte es tatsächlich so weit kommen. Sie können keinen besseren Ratgeber in ihren Reihen haben als einen Zauberer mit Zedds Erfahrung. Er hat als Oberster Zauberer bereits mehrere große Kriege mitgemacht.
Wir werden ganz darauf vertrauen müssen, dass der Schöpfer ein Auge auf sie hält. Solange ich das Reisebuch nicht wiederherstellen kann, kann ich ihnen keinen Rat erteilen; bis es so weit ist, bin ich nicht einmal über ihre Lage informiert.«
»Ihr könntet Euch selbst dorthin begeben, Prälatin.«
Ann wischte sich an der Stelle, mit der sie auf der Erde gelegen hatte, den Schnee vom Oberarm, und spielte diese Möglichkeit in Gedanken durch.
»Die Schwestern des Lichts halten mich für tot, jetzt glauben sie an Verna, ihre neue Prälatin. Wenn ich unter solch misslichen Umständen wieder von den Toten auferstünde, würde ich damit Verna – und den übrigen Schwestern – etwas Entsetzliches antun. Bestimmt wären viele erleichtert, mich wieder im Amt zu sehen, gleichzeitig aber würde ich damit den Samen der Verwirrung und des Zweifels säen. Für das Keimen dieser Saat ist eine Schlacht ein denkbar ungeeigneter Zeitpunkt.«
»Aber alle würden neuen Mut schöpfen durch Euer…«
Ann schüttelte den Kopf. »Verna ist ihre Anführerin. So etwas könnte das Vertrauen in ihre Machtbefugnis für immer untergraben; sie dürfen auf keinen Fall den Glauben an ihre Führerschaft verlieren. Im Augenblick muss ich das Wohlergehen der Schwestern des Lichts über alles andere stellen und ihre Belange stets beherzigen.«
»Aber Ihr seid die Prälatin, Ann.«
Ann starrte ins Nichts. »Was hat das irgend jemandem genützt?«
Alessandra senkte den Blick. Der Wind fuhr mit einem sorgenvollen Stöhnen durch die Bäume. Vereinzelte Böen wirbelten blaugraue Schneeschleier auf und peitschten sie durch das Lager. Die Sonne war hinter dunklen Wolken verschwunden. Ann wischte sich die Nase mit dem Saum ihres gefrorenen Umhangs ab.
Alessandra legte Ann mitfühlend eine Hand auf den Arm. »Ihr habt mich vom Hüter zurückgeholt, zurück in das Licht des Schöpfers. Ich war in Jagangs Gewalt und habe Euch, als man Euch dort gefangen nahm, fürchterlich behandelt, und doch habt Ihr mich nie im Stich gelassen. Wer sonst hätte sich diese Mühe gemacht? Ohne Euch wäre meine Seele für alle Zeiten verloren gewesen. Ich bezweifle, dass Ihr ermessen könnt, wie dankbar ich Euch bin, Prälatin.«
Trotz Alessandras offenkundiger Rückkehr in das Licht des Schöpfers hatte sich Ann schon einmal von dieser Frau täuschen lassen. Viele Jahre zuvor hatte Alessandra sich dem Hüter zugewandt und war, ohne dass Ann davon erfahren hatte, eine Schwester der Finsternis geworden. Wie konnte sie einem Menschen nach einem solchen Verrat noch Glauben schenken?
Ann hob den Kopf und sah Alessandra in die Augen. »Das will ich hoffen, Schwester. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass es wirklich stimmt.«
»Das tut es, Prälatin.«
Ann deutete auf die hinter einem Wolkenschleier verborgene Sonne. »Und wenn ich in der nächsten Welt in das Licht des Schöpfers eintrete, wird diese eine gute Tat den Verlust der vielen tausend Menschenleben aufwiegen, an dem ich schuldig bin?«
Alessandra wandte den Blick ab, rieb sich durch die Kleiderschichten hindurch die Arme, drehte sich um und legte zwei Äste ins Feuer nach.
»Wir sollten etwas Warmes zu uns nehmen; danach werdet Ihr Euch besser fühlen, Prälatin. Wir beide werden uns danach besser fühlen.«
Auf dem Boden sitzend beobachtete Ann, wie Alessandra ihre herzhafte Suppe zubereitete. Sie bezweifelte, dass selbst der angenehme Duft der Suppe ihren Appetit anregen konnte.
»Was glaubt Ihr, warum hat Nicci Richard mitgenommen?«, fragte Alessandra, während sie aus einem Beutel getrocknete Pilze in die Suppe gab.
Ann hob den Kopf und schaute in Alessandras verwirrtes Gesicht. »Ich kann mir keinen Grund vorstellen, außer vielleicht, dass sie gelogen hat und ihn stattdessen zu Jagang bringt.«
Alessandra zerbröckelte etwas Trockenfleisch und ließ es in den brodelnden Suppentopf fallen. »Aber warum? Wenn sie ihn in ihrer Gewalt hat und er tun muss, was sie verlangt – warum sollte sie dann lügen? Was hätte das für einen Sinn?«
»Sie ist eine dem Hüter treu ergebene Schwester.« Ann warf die Hände in die Luft und ließ sie in den Schoß zurückfallen. »Das ist Grund genug für eine Lüge, oder nicht? Lügen ist verkehrt, es ist sündhaft. Das ist Grund genug.«
Alessandra schüttelte den Kopf und widersprach. »Ich war selbst eine Schwester der Finsternis, Prälatin. Habt Ihr das schon vergessen? Das kann mir niemand weismachen, so verhält es sich keineswegs. Sagt Ihr immer die Wahrheit, nur weil Ihr dem Licht des Schöpfers treu ergeben seid? Nein, man lügt für den Hüter ebenso, wie man für den Schöpfer lügen würde – zu seinem Nutzen, falls eine Lüge dafür erforderlich sein sollte. Warum sollte Nicci in diesem Punkt die Unwahrheit sagen? Sie hatte die Situation unter Kontrolle und das nicht nötig.«
»Kann ich mir nicht vorstellen.« Ann hatte Mühe, genug Interesse aufzubringen, um über die Frage nachzudenken. Ihr Verstand war in einem klebrigen Sumpf aus Gedanken der Hoffnungslosigkeit gefangen. Sie und nicht Nicci war schuld daran, dass Richard in Feindeshand gefallen war.
»Ich glaube, sie hat es um ihrer selbst willen getan.«
Ann sah auf. »Was willst du damit sagen?«
»Ich glaube, Nicci ist noch immer auf der Suche nach etwas.«
»Auf der Suche nach etwas? Was in aller Welt meinst du damit?«
Alessandra faltete ein Stück Wachspapier auseinander und schnippte mit dem Finger eine Prise Kräuter in den Topf. »Vom allerersten Tag an, seit ich sie von zu Hause abgeholt und in den Palast der Propheten gebracht habe, hat Nicci sich irgendwie immer … mehr abgesondert. Immer tat sie alles in ihrer Macht Stehende, um den Menschen zu helfen, gleichzeitig gab sie mir als Kind stets das Gefühl, ich sei nicht fähig, ihre Bedürfnisse zu erfüllen.«
»Als da wären?«
Alessandra schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Sie schien fortwährend auf der Suche nach etwas zu sein. Damals glaubte ich, sie müsse nur das Licht des Schöpfers erblicken, also trieb ich sie unerbittlich an, in der Hoffnung, ihr so die Augen für Seinen Weg zu öffnen und ihrem Bedürfnis nachzukommen. Ich ließ ihr für andere Gedanken keinen Raum und hielt sie sogar von ihrer Familie fern. Ihr Vater war egoistisch und verliebt in seinen Reichtum, und ihre Mutter … nun ja, ihre Mutter hatte stets die besten Absichten, trotzdem fühlte ich mich in ihrer Gegenwart stets unwohl. Ich war überzeugt, der Schöpfer würde diese ganz persönliche Leere bei Nicci füllen.« Alessandra zögerte. »Und später dann glaubte ich, es sei der Hüter, den sie braucht.«