So – das müßte das Fenster zum Büro des Ministerpräsidenten sein. Wir lassen die Fliege auf der Fensterscheibe landen, so daß wir hineinschauen können. Hervorragend. Punktlandung. Die Fliege dreht sich einmal auf der Stelle, damit unsere Jungs in der Steuerung sich in Ruhe umschauen können. Ich schätze mal, sie werden die Lüftungsklappe dort oben nehmen… Richtig. Sicherheitshalber bleibt die Fliege am Boden, beziehungsweise an der Scheibe, weil… fünfzehn Millionen Dollar, dafür kann man eine Menge Cadillacs kaufen, nicht wahr?
Ah! Fliegengitter! Das ist jetzt natürlich ein Hindernis. Aber ich schätze, jeder von Ihnen kennt das – man glaubt, man hat das ganze Haus abgedichtet, und trotzdem kommen die Biester irgendwie rein. Ja, und was soll ich sagen: seit wir mit der Fliege durch die Gegend schwirren, wissen wir auch, warum. Wie die das machen. Sehen Sie, hier hat das Fliegengitter im Fenster des chinesischen Ministerpräsidenten eine Lücke. Die haben nicht wir gefunden, die hat die Fliege selber gefunden. Die Burschen aus der Steuerzentrale haben ihr nur das dringende Bedürfnis eingegeben, in den Raum dahinter zu gelangen, und siehe da, unsere Fliege findet einen Weg. Und drin sind wir!
Das ist der besondere Vorteil dieses Verfahrens – daß das Tier lebt. Es ist kein Roboter, kein ferngesteuertes Flugobjekt – es ist ein Lebewesen, das wir lediglich dorthin lenken, wo wir es haben wollen. Alles andere macht es selber. Es fliegt, es versorgt sich mit Nahrung – um all das müssen wir uns nicht kümmern.
So, Ladies und Gentlemen, das ist jetzt der Anflug auf den Schreibtisch. Nein, nein, das ist keine Aufzeichnung, das ist alles live. Natürlich laufen Recorder mit, außerdem sitzen Agenten mit hervorragenden Kenntnissen des Chinesischen im Nebenraum… Wie bitte? Ja, ich glaube, Sie haben recht – die zweite Person ist der Verteidigungsminister! Gut möglich, daß die Papiere auf dem Tisch geheime militärische Unterlagen sind. Sehen Sie nun, wie wunderbar das ist? Eine unscheinbare, absolut unverdächtige Fliege ist unser Auge und unser Ohr. Bitte sehen Sie mir meine Begeisterung nach. Ein harmloses Insekt, nicht der Rede wert, krabbelt am Rand des Tisches, an dem diese beiden Männer sitzen, und sie kommen nicht im Traum auf die Idee, daß sie belauscht und beobachtet werden. Eine kleine Schmeißfliege, die ein besserer Agent ist, als James Bond es je…
Oh! Das ist jetzt natürlich ziemlich… wie soll ich sagen? Bitte – einen Moment… Kann ich eben mal kurz telefonieren? Sicher gibt es dafür einen Grund…
Hi, George? Was ist los? Ihr habt den Funkkontakt verloren.
Nein? Aber hier ist alles tot. Der Bildschirm zeigt nur noch Schneegestöber, und ich glaube nicht, daß es im Sommer in Peking…
Wie? Nein, das habe ich jetzt nicht verstanden. Was hat das letzte Bild damit zu tun? Ihr habt es analysiert, ja, und? Was ist darauf zu sehen?
Ah. Die Peking Rundschau…?
© 1999
Warum es während der Sonnenfinsternis regnen mußte
In der Woche vor der Sonnenfinsternis 1999 war im Himmel die Hölle los. Botenengel flitzten, das Hosiannasingen wurde mehrere Male kurzfristig abgesagt, und das Frohlocken fiel deutlich unfroher aus als üblich. »Wie allgemein bekannt sein dürfte«, eröffnete einer der Erzengel die Krisensitzung und hielt dabei den Fahrplan der Himmelskörper in die Höhe, »findet am 11. August über Europa eine totale Sonnenfinsternis statt.« »Schön!« freute sich der Leiter der Schutzengelstaffel. »Ja, sicher.« Der Erzengel warf ihm einen absolut unlustigen Blick zu. »Eines der ergreifendsten Naturschauspiele, die der Chef erfunden hat, zweifellos – die Situation ist nur, daß wir in einer Weise ausgetrickst worden sind, daß ich mich frage, was die Schutzengel die ganze letzte Zeit eigentlich getan haben.« »Wir haben unseren Dienst getan«, verwahrte der Angesprochene sich. »Ganz normal.« »Ausgetrickst?« fragte ein anderer Engel. »Von wem?« Der Erzengel seufzte. »Von wem wohl?«
»Vom Versucher?« Der Engel kratzte sich am Heiligenschein. »Aber der kann doch nichts ausrichten gegen die Bewegung der Gestirne…?« »Das Problem ist«, setzte der Erzengel auseinander, »daß die Sonne sehr hell ist. Nicht so hell wie Sein Antlitz, natürlich, aber immerhin so hell, daß die Menschen eine Schutzbrille benötigen, um hineinzusehen. Und hineinsehen werden sie, um die Überdeckung von Mond und Sonne zu beobachten.« »Und der Versucher hat verhindert, daß solche Schutzbrillen hergestellt werden!« »Leider war er viel raffinierter. Er hat einige Hersteller solcher Schutzbrillen dazu verführt, den Todsünden des Geizes und der Unmäßigkeit anheimzufallen.« Als er die fragenden Blicke der anderen Konferenzteilnehmer bemerkte, fügte der Erzengel zur Erläuterung hinzu: »Ein paar Geschäftsleute, die den Hals nicht vollkriegen konnten, haben bei der Herstellung ihrer Brillen geknausert und minderwertige Lichtschutzfolie verwendet. Trotzdem haben diese Brillen das Prüfsiegel erhalten – vermutlich haben sich einige Prüfer des weiteren der Todsünde der Trägheit schuldig gemacht -, und als Resultat sind nun Millionen von Schutzbrillen im Umlauf, die die Augen nicht ausreichend schützen, aber von den tauglichen Brillen nicht zu unterscheiden sind.« Empörung und Entsetzen erklang in der Runde. »Die Schutzengel müssen eingreifen!« forderte jemand, ein anderer rief: »Dann muß die Sonnenfinsternis ausfallen!« »Wir tun, was wir können«, erklärte der oberste Schutzengel, »aber ich verwahre mich dagegen, die Lösung des Problems allein auf uns abwälzen zu wollen!« Hier stimmte ihm der Erzengel zu. »Der Chef hat ganz klar gemacht, daß ein Wunder nicht in Frage kommt. Er will, daß wir die Situation möglichst unauffällig bereinigen. Und mir fällt dazu nur eine Lösung ein.« Er sah jeden einzelnen der Anwesenden an, bis sein Blick auf Petrus hängenblieb. »Eine Wolkendecke.« »Ja!« rief jemand. »Genau!« ein anderer. »Genial!« ein dritter. »Moment!« rief Petrus. »Halt! Schlagt euch das aus dem Kopf. Es ist August. Mitten im Sommer. Wir sind gerade dabei, eine richtiggehende Hitzewelle abzufackeln. Da geht gar nichts.« Der Erzengel breitete die Flügel aus, was bei seiner Spannweite ehrfurchtgebietend aussah. »Millionen schwitzender Menschen in den überfüllten Wartezimmern von Augenärzten werden das zu schätzen wissen«, erklärte er sarkastisch. Petrus raufte sich den Bart. »Wo soll ich denn jetzt Wolken hernehmen? Ich habe über Europa gerade nur Hochdruckzonen, heiße Luftmassen, Warmluftfronten… Letztens hieß es noch, ich soll dafür sorgen, daß es ein Jahrhundertereignis wird. Strahlender Himmel und Sonnenschein war gewünscht. Bitte, ist unterwegs. Und jetzt auf einmal soll ich es regnen lassen?« Der Erzengel sah ihn bekümmert an. »Wenn dir das nicht gelingt, und uns nichts anderes einfällt«, meinte er, »dann hat der Verderber gesiegt. So sieht es aus.« Einer der kleinen Rauschgoldengel flötete: »Denk doch an die Kinder und ihre großen, unschuldigen Augen!« Petrus seufzte. »Wolken und Regen, ausgerechnet am Tag der Sonnenfinsternis. Das wird meinen Ruf endgültig ruinieren.« Er zuckte ergeben die Schultern. »Aber gut – ich werde tun, was ich kann…«
© 1999
Jenseits der Berge
Sie hatten Livet erwischt. Sie waren aus dem Nachthimmel heruntergekommen wie ein einstürzendes Dach, schwarzes Geflatter dunkler als die Nacht, wirbelnde Krallen, messerscharf, gierig zischende Mäuler, hatten Livet mit sich fortgetragen und Bran zurückgelassen, einfach so. Und ihr ohrenbetäubendes Kreischen hatte geklungen wie höhnisches Gelächter.