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Er schwieg eine ganze Weile und wartete weiterhin auf eine Reaktion von mir.

»Du willst offenbar gern allein sein. Das ist in Ordnung. Ich kann sie von dir fernhalten, wenn du das möchtest.«

Ich rührte mich nicht.

Etwas berührte mich an der Schulter. Ich zuckte zurück und drückte mich an die spitzen Steine.

»Entschuldigung«, murmelte er.

Ich hörte, wie er aufstand, und das Licht - rot hinter meinen geschlossenen Augen - wurde langsam schwächer, als er wegging.

Er traf jemanden am Ausgang.

»Wo ist sie?«

»Sie will allein sein. Lass sie in Ruhe.«

«Stell dich nur nicht schon wieder in den Weg, Howe.«

»Glaubst du, sie will von dir getröstet werden? Von einem Menschen?«

»Ich wusste nichts von diesem ...«

Jared antwortete mit leiserer Stimme, aber ich konnte immer noch ihren Widerhall hören. »Diesmal nicht. Du bist einer von uns, Ian. Ihr Feind. Hast du gehört, was sie da drin gesagt hat? >Monster<, hat sie geschrien. So sieht sie uns jetzt. Sie will deinen Trost nicht.«

»Gib mir die Lampe.«

Sie sagten nichts mehr. Eine Minute verstrich und ich hörte ein Paar Füße langsam an der Wand entlangkommen. Schließlich fiel das Licht auf mich und färbte meine Lider wieder rot.

Ich kauerte mich noch fester zusammen, da ich damit rechnete, dass er mich berühren würde.

Ein leiser Seufzer war zu hören und dann das Geräusch, wie er sich auf dem Steinboden niederließ, nicht so nah neben mir, wie ich erwartet hätte.

Mit einem Klicken erlosch das Licht.

Ich wartete lange schweigend darauf, dass er anfangen würde zu sprechen, aber er blieb genauso stumm wie ich.

Schließlich hörte ich auf zu warten und trauerte weiter. Ian unterbrach mich nicht. Ich saß in der Schwärze des großen Lochs in der Erde und trauerte um verlorene Seelen - mit einem Menschen an meiner Seite.

Verschwunden

Ian saß drei Tage mit mir in der Dunkelheit.

Er ging nur ein paarmal kurz weg, um uns Essen und Wasser zu holen. Zuerst aß und trank Ian, obwohl ich es nicht tat. Dann verstand er, dass es nicht Appetitlosigkeit war, die mein Tablett voll zurückließ, und hörte ebenfalls auf zu essen.

Ich nutzte seine kurzen Abwesenheiten immer dazu, meine körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen, die ich nicht ignorieren konnte, und war dankbar für die Nähe des stinkenden Stroms. Mit anhaltendem Fasten verschwanden diese Bedürfnisse.

Ich konnte nicht verhindern, dass ich einschlief, aber ich machte es mir nicht bequem. Am ersten Tag stellte ich beim Aufwachen fest, dass mein Kopf und meine Schultern in seinem Schoß lagen. Ich fuhr von ihm zurück und zitterte so heftig, dass er das nicht wiederholte. Von da an sackte ich dort, wo ich war, auf den Steinen zusammen, und wenn ich aufwachte, rollte ich mich sofort wieder zu einer stummen Kugel zusammen.

»Bitte«, flüsterte Ian am dritten Tag - zumindest glaubte ich, dass es der dritte Tag war; es gab keine Möglichkeit, festzustellen, wie viel Zeit an diesem dunklen, stillen Ort verstrich. Es war das erste Mal, dass er etwas sagte.

Ich wusste, dass ein Tablett mit Essen vor mir stand. Er schob es näher, bis es an mein Bein stieß. Ich zuckte zurück.

»Bitte, Wanda. Bitte iss etwas.«

Er legte mir die Hand auf den Arm, nahm sie aber schnell wieder weg, als ich mich ihm entzog.

»Bitte hass mich nicht. Es tut mir so leid. Wenn ich das gewusst hätte ... hätte ich sie davon abgehalten. Ich werde nicht zulassen, dass das noch einmal passiert.«

Er würde sie nie davon abhalten. Er war nur einer unter vielen. Und er hatte vorher auch nichts dagegen gehabt, genau wie Jared gesagt hatte. Ich war der Feind. Sogar bei denjenigen, die am meisten Mitgefühl zeigten, war die begrenzte menschliche Fähigkeit zur Gnade für ihre eigene Spezies reserviert.

Ich wusste, dass Doc keinem Menschen absichtlich Schmerzen zufügen konnte. Ich bezweifelte sogar, dass er in der Lage war, dabei auch nur zuzusehen, so zartbesaitet war er. Aber ein Wurm, ein Tausendfüßler? Warum sollten ihn die Qualen eines fremden außerirdischen Wesens kümmern? Warum sollte es ihm etwas ausmachen, ein Baby zu ermorden - indem er es langsam Stück für Stück auseinanderschnitt -, wenn es keinen menschlichen Mund zum Schreien hatte?

»Ich hätte es dir sagen sollen«, flüsterte Ian.

Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn ich es einfach gesagt bekommen hätte, anstatt die misshandelten Überreste selbst zu sehen?, fragte ich mich. Wäre der Schmerz weniger heftig gewesen?

»Bitte iss.«

Es kehrte wieder Stille ein. Wir saßen eine Weile so da, vielleicht noch eine Stunde lang.

Ian stand auf und ging leise davon.

Ich war mir über meine Gefühle absolut nicht im Klaren. In diesem Moment hasste ich den Körper, mit dem ich verbunden war. Wieso machte mich Ians Weggehen also traurig? Warum kam mir die Einsamkeit, die ich doch gesucht hatte, plötzlich schmerzlich vor? Ich wollte das Monster zurückhaben und das war vollkommen verkehrt.

Ich blieb nicht lange allein. Ich wusste nicht, ob Ian ihn holen gegangen war oder ob er darauf gewartet hatte, dass Ian wegging, aber ich erkannte Jeb an seinem nachdenklichen Pfeifen, das sich in der Dunkelheit näherte.

Das Pfeifen brach ein paar Fuß vor mir ab und ein lautes Klicken war zu hören. Ein gelber Lichtstrahl blendete mich. Ich blinzelte dagegen an.

Jeb stellte die Taschenlampe aufrecht hin, so dass sie einen Lichtkreis auf die niedrige Decke warf und uns in ein weitreichendes, diffuses Licht tauchte.

Jeb ließ sich neben mir an der Wand nieder.

»Du willst dich also zu Tode hungern? Ist das dein Plan?« Ich sah auf den Steinboden hinunter.

Wenn ich ehrlich mir gegenüber war, musste ich mir eingestehen, dass meine Trauerzeit vorbei war. Ich hatte getrauert. Ich hatte weder das Kind noch die andere Seele in der Höhle des Schreckens gekannt. Ich konnte nicht ewig den Tod von Fremden beklagen. Nein, jetzt war ich wütend.

»Wenn du sterben willst, gibt es einfachere und schnellere Methoden.«

Als ob ich das nicht gewusst hätte.

»Dann liefer mich Doc aus«, krächzte ich.

Jeb war nicht überrascht, mich sprechen zu hören. Er nickte vor sich hin, als hätte er genau gewusst, dass ich das sagen würde.

»Hast du erwartet, wir würden einfach aufgeben, Wanderer?« Jebs Stimme war hart und ernster als je zuvor. »Wir haben einen stärkeren Selbsterhaltungstrieb. Natürlich wollen wir einen Weg finden, unser Bewusstsein wiederzubekommen. Jeden Moment könnte es irgendeinen von uns treffen. Wir haben bereits so viele Leute, die wir lieben, verloren. Es ist nicht leicht. Es bringt Doc jedes Mal fast um, wenn er versagt - das hast du ja gesehen. Aber dies ist unsere Realität, Wanda. Dies ist unsere Welt. Wir haben einen Krieg verloren. Wir sind kurz davor, ausgerottet zu werden. Wir versuchen, einen Weg zu finden, uns selbst zu retten.«

Zum ersten Mal sprach Jeb mit mir wie mit einer Seele und nicht wie mit einem Menschen. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass ihm der Unterschied immer bewusst gewesen war. Er war einfach bloß ein höfliches Monster.

Ich konnte nicht leugnen, dass an dem, was er sagte, etwas Wahres dran war, dass es irgendwie einen Sinn ergab. Mein erstes Entsetzen war abgeklungen und ich war wieder ich selbst. Es lag in meiner Natur, fair zu sein.

Einige wenige dieser Menschen konnten sich in meine Lage versetzen; zumindest Ian. Dann konnte ich mich auch in ihre Lage versetzen. Sie waren Monster, aber vielleicht Monster, deren Tun gerechtfertigt war.

Natürlich mussten sie glauben, dass Gewalt der richtige Weg war. Sie waren nicht fähig, sich andere Lösungen auszudenken. Konnte ich ihnen vorwerfen, dass ihr genetisches Programm ihre Problemlösungsmöglichkeiten derart beschränkt hatte?

Ich räusperte mich, aber meine Stimme war immer noch rau vom mangelnden Gebrauch. »Babys aufzuschlitzen wird niemanden retten, Jeb. Jetzt sind sie alle tot.«