Jared leitete mich durch die größtenteils schlafende Stadt. Die Heileinrichtung war klein. Sie musste früher eher ein Ärztehaus gewesen sein - mit mehreren Arztpraxen - als ein richtiges Krankenhaus. Durch die meisten Fenster und die Glasfront schien Licht. Ich konnte eine Frau hinter dem Empfangstresen sehen. Sie sah nicht auf, als meine Scheinwerfer näher kamen. Ich fuhr in die dunkelste Ecke des Parkplatzes.
Ich steckte die Arme durch die Riemen des Rucksacks. Er war nicht neu, aber in gutem Zustand. Perfekt. Jetzt musste ich nur noch eins tun.
»Schnell, gib mir das Messer.«
»Wanda ... Ich weiß, dass du Jamie liebst, aber ich glaube wirklich nicht, dass du es benutzen könntest. Du bist keine Kämpfernatur.«
»Nicht für sie, Jared. Ich brauche eine Wunde.«
Er keuchte. »Du hast bereits eine Wunde. Das reicht!«
»Ich brauche so eine wie Jamie. Ich verstehe nicht genug vom Heilen. Ich muss genau sehen, was zu tun ist. Ich hätte es vorhin schon gemacht, aber ich war mir nicht sicher, ob ich dann noch würde fahren können.«
»Nein. Nicht schon wieder.«
»Gib es mir jetzt. Sofort. Es fällt auf, wenn ich nicht bald hineingehe.«
Jared dachte schnell nach. Er war der Beste, hatte Jeb gesagt, weil er erkannte, was getan werden musste, und es schnell tat. Ich hörte das metallene Geräusch des Messers, als er es aus der Scheide zog.
»Sei vorsichtig. Nicht zu tief.«
»Willst du es machen?«
Er sog die Luft ein. »Nein.« »Gut.«
Ich nahm das Messer. Es hatte einen schweren Griff und war sehr scharf; am oberen Ende lief es spitz zu.
Ich nahm mir nicht die Zeit, lange darüber nachzudenken. Ich wollte mir nicht die Möglichkeit geben, feige zu sein. In den Arm, nicht ins Bein - das war alles, was ich überlegte. Meine Knie waren vernarbt. Das wollte ich nicht auch noch verbergen müssen.
Ich streckte den linken Ann aus; meine Hand zitterte. Ich stützte ihn auf der Armlehne an der Tür ab und drehte meinen Kopf so, dass ich in die Kopfstütze beißen konnte. Ich hielt den Messergriff unbeholfen, aber fest in meiner rechten Hand. Die Spitze drückte ich gegen die Haut an meinem Unterarm, damit ich nicht danebenstach. Dann schloss ich die Augen.
Jared atmete zu laut. Ich musste mich beeilen, oder er würde mich davon abhalten.
Tu einfach so, als wäre es ein Spaten, mit dem du in die Erde stichst, sagte ich mir.
Ich rammte mir das Messer in den Arm.
Die Kopfstütze dämpfte meinen Schrei, aber er war immer noch zu laut. Das Messer fiel mir aus der Hand - es war vom Muskel abgeprallt - und kam klappernd auf dem Boden auf.
»Wanda!«, keuchte Jared.
Ich konnte noch nicht antworten. Ich versuchte, weitere Schreie, die in mir hochkamen, zu unterdrücken. Es war richtig gewesen, es nicht zu tun, solange ich noch fahren musste.
»Lass mal sehen!«
»Bleib, wo du bist«, keuchte ich. »Rühr dich nicht vom Fleck.«
Trotz meiner Warnung hörte ich die Decke hinter mir rascheln. Ich presste den linken Arm an mich und stieß mit rechts die Tür auf. Jareds Hand strich mir über den Rücken, als ich fast aus der Tür fiel. Sie wollte mich nicht zurückhalten. Sie wollte mich trösten.
»Ich bin gleich wieder da«, stieß ich hervor und trat die Tür hinter mir zu.
Ich stolperte über den Parkplatz und kämpfte gegen die Übelkeit und die Angst an. Sie schienen sich gegenseitig die Waage zu halten - das eine Gefühl verhinderte jeweils, dass das andere die Kontrolle über meinen Körper gewann. Der Schmerz war nicht allzu schlimm - oder zumindest spürte ich ihn nicht mehr so stark. Ich befand mich im Schockzustand. Zu viele Arten von Schmerz, zu nah beieinander. Eine warme Flüssigkeit lief mir die Finger hinunter und tropfte aufs Pflaster. Ich fragte mich, ob ich die Finger wohl noch bewegen konnte. Ich wagte nicht es auszuprobieren.
Die Frau hinter dem Empfang - mittelalt, mit dunkler, schokoladenbrauner Haut und ein paar silbernen Strähnen in ihrem schwarzen Haar - sprang auf, als ich durch die Automatiktür gewankt kam.
»O nein! Oh, Liebes!« Sie griff nach einem Mikrofon und ihre nächsten Worte hallten verstärkt von der Decke wider. »Heilerin Knits! Ich brauche Sie hier am Empfang! Ein Notfall!«
»Nein.« Ich versuchte, ruhig zu sprechen, aber ich schwankte auf der Stelle. »Mir geht es gut. Es war nur ein Unfall.«
Sie ließ das Mikrofon los und eilte um den Empfangstresen herum zu mir. Sie legte mir den Arm um die Taille.
»Oh, Kleines, was ist denn passiert?«
»Ich hab nicht aufgepasst«, murmelte ich. »Ich war auf einer Wandertour ... bin die Felsen runtergestürzt. Ich hab gerade ... nach dem Abendessen aufgeräumt. Hatte ein Messer in der Hand ...«
Mein Zögern interpretierte sie als Teil des Schocks. Sie sah mich nicht misstrauisch an - oder belustigt, wie Ian manchmal, wenn ich log. Nur besorgt.
»Armes Mädchen! Wie heißen Sie?«
»Glass Spires«, erklärte ich. Das war ein relativ weit verbreiteter Name bei den Bären gewesen.
»Okay, Glass Spires. Da kommt die Heilerin. Gleich sind Sie wieder ganz in Ordnung.«
Ich verspürte keinerlei Panik mehr. Die freundliche Frau tätschelte mir den Rücken. So nett, so besorgt. Sie wurde mir niemals etwas zuleide tun.
Die Heilerin war eine junge Frau. Ihr Haar, ihre Haut und ihre Augen waren alle von einem ähnlichen hellen Braunton. Das ließ sie ungewöhnlich aussehen - monochrom. Sie trug hellbraune OP-Kleidung, die diesen Eindruck noch verstärkte.
»Oje«, sagte sie. »Ich bin Heilerin Knits Fire. Ich werde Sie sofort wiederherstellen. Was ist passiert?«
Ich wiederholte meine Geschichte, während die beiden Frauen mich den Flur entlang und dann gleich durch die erste Tür geleiteten. Sie halfen mir, mich auf die papierbedeckte Liege zu legen.
Der Raum kam mir vertraut vor. Ich war erst einmal an einem solchen Ort gewesen, aber Melanies Kindheit war voll solcher Erinnerungen. Die kurze Zeile von Doppelschränken, das Waschbecken, an dem sich die Heilerin die Hände wusch, die hellen, sauberen weißen Wände ...
»Eins nach dem anderen«, sagte Knits Fire fröhlich. Sie öffnete einen Schrank. Ich versuchte etwas zu erkennen, denn ich wusste, dass das jetzt wichtig war. Der Schrank war voll mit vielen Reihen gestapelter weißer Röhrchen. Sie holte eins heraus, nach dem sie gegriffen hatte, ohne zu suchen - sie wusste, was sie wollte. Ich konnte sehen, dass der kleine Behälter ein Etikett hatte, aber ich konnte es nicht lesen. »Ein bisschen Schmerzlos sollte helfen, meinen Sie nicht?«
Ich sah das Etikett erneut, als sie den Deckel aufmachte.
Schmerzlos? Hieß es so?
»Mund auf, Glass Spires.«
Ich gehorchte. Sie nahm ein kleines, dünnes Quadrat - das aussah wie Seidenpapier - und legte es mir auf die Zunge. Es löste sich sofort auf und schmeckte nach nichts. Ich schluckte automatisch.
»Schon besser?«, fragte die Heilerin.
»Ja.«
Und so war es. Sofort. Meine Stimme war klar, mein Kopf war klar. Ich konnte mich problemlos konzentrieren. Der Schmerz war dank des kleinen Quadrats verschwunden. Vollständig. Ich blinzelte erstaunt.
»Ich weiß, Sie fühlen sich jetzt besser, aber bitte bewegen Sie sich nicht. Ihre Verletzungen müssen erst noch behandelt werden.«
»Natürlich.«
»Cerulean, könnten Sie uns ein bisschen Wasser holen? Sie scheint einen ganz ausgetrockneten Mund zu haben.«
»Sofort, Heilerin Knits.«
Die ältere Frau verließ den Raum.
Die Heilerin drehte sich wieder zu ihren Schränken um und öffnete jetzt einen anderen. Er war ebenfalls voll mit weißen Behältern.
»Da haben wir sie ja.« Sie nahm einen von einem Stapel und einen weiteren von der anderen Seite.
Gerade so, als wollte sie mir beim Erfüllen meiner Mission helfen, nannte sie die Namen, als sie danach griff.
»Reinigung - innen und außen ... Heilung ... Versiegelung ... Und wo ist ... ah da, Glättung. Wir wollen doch keine Narbe auf diesem hübschen Gesicht zurückbehalten, nicht wahr?«