Ich schauderte und schob die Zeitung weg, zurück in den dunklen Schrank.
Das waren die Ausnahmen, nicht die Regel, dachte Melanie ruhig und versuchte, das ungefilterte Entsetzen meiner Reaktion davon abzuhalten, in ihre Erinnerungen an diese Jahre einzusickern und sie zu trüben.
Aber verstehst du jetzt, warum wir dachten, wir könnten es besser? Warum uns der Gedanke gekommen ist, dass ihr all die wunderbaren Dinge auf dieser Welt vielleicht gar nicht verdient?
Sie antwortete bissig: Wenn ihr den Planeten säubern wolltet, warum habt ihr ihn dann nicht einfach in die Luft gesprengt?
Auch wenn eure Science-Fiction-Autoren davon träumen, wir haben einfach nicht die nötige Technologie dafür.
Sie fand meinen Witz nicht lustig.
Außerdem, fügte ich hinzu, wäre das eine solche Verschwendung gewesen. Es ist ein herrlicher Planet. Abgesehen von dieser grässlichen Wüste natürlich.
So haben wir übrigens gemerkt, dass ihr hier wart, sagte sie, wobei sie sich wieder auf die ekelhaften Schlagzeilen bezog. Als die Abendnachrichten aus nichts anderem mehr bestanden als aus erbaulichen, anrührenden Meldungen, als die Pädophilen und Junkies vor den Krankenhäusern Schlange standen, um sich selbst einzuliefern, als sich alles in eine gewaltfreie Idylle verwandelte, da habt ihr euch verraten.
»Was für eine schreckliche Veränderung!«, sagte ich trocken und wandte mich dem nächsten Schrank zu.
Ich zog die verklemmte Tür auf und stieß auf eine Goldmine. »Cracker!«, rief ich, als ich nach der ausgeblichenen, halb zerdrückten Packung mit Salzgebäck griff. Dahinter stand noch eine zweite Packung, die aussah, als wäre jemand draufgetreten. »Cremeschnitten!«, jubelte ich.
Sieh mal!, sagte Melanie eindringlich und richtete meine Aufmerksamkeit auf drei verstaubte Flaschen mit Desinfektions- mittel hinten im Schrank.
Was willst du denn damit?, fragte ich, während ich bereits die Schachtel mit den Crackern aufschlitzte. Es irgendwem in die Augen spritzen? Oder ihm mit der Flasche den Schädel einschlagen?
Zu meiner großen Freude waren die Cracker zwar völlig zerkrümelt, aber noch in ihrer Plastikverpackung. Ich riss eine davon auf und begann mir die Krümel in den Mund zu schütten und sie halb zerkaut zu schlucken. Ich konnte sie gar nicht schnell genug in den Magen kriegen.
Mach eine Flasche auf und riech dran, wies sie mich an, ohne auf meinen Kommentar einzugehen. So hat mein Vater Wasser in der Garage aufbewahrt. Der Rückstand des Desinfektionsmittels sorgt dafür, das Wasser nicht verdirbt. Sofort.
Ich hatte eine Packung Krümel aufgegessen und öffnete gerade die nächste. Sie waren altbacken, aber verglichen mit dem Geschmack in meinem Mund waren sie eine Offenbarung. Als ich die dritte Packung verschlungen hatte, merkte ich, wie das Salz auf meinen rissigen Lippen und in den Mundwinkeln brannte. Ich hievte eine der Flaschen aus dem Schrank und hoffte, dass Melanie Recht hatte. Meine Arme fühlten sich schwach an, wie Pudding, und waren kaum in der Lage, sie anzuheben. Das beunruhigte uns beide. So sehr hatte unsere Kondition schon gelitten? Wie weit würden wir wohl noch kommen?
Der Deckel saß so fest, dass ich mich fragte, ob er mit der Flasche verschmolzen war. Aber schließlich gelang es mir, ihn mit den Zähnen aufzudrehen. Ich schnüffelte vorsichtig an der Öffnung, nicht besonders erpicht darauf, giftige Dämpfe einzuatmen. Der Geruch nach Desinfektionsmittel war nur ganz schwach. Ich roch etwas mutiger daran. Es war eindeutig Wasser. Abgestandenes, modriges Wasser, aber immerhin Wasser. Ich trank einen kleinen Schluck. Kein frischer Bergquell, aber nass. Ich begann es hinunterzustürzen.
Langsam, warnte mich Melanie und ich musste ihr Recht geben. Wir hatten Glück gehabt, auf diesen Vorrat zu stoßen, aber es war leichtsinnig, ihn zu verschwenden. Außerdem wollte ich jetzt wieder feste Nahrung, nachdem das Brennen des Salzes nachgelassen hatte. Ich griff nach der Packung mit den Cremeschnitten und leckte drei der zerquetschten Kuchen aus der Plastikfolie. Der letzte Schrank war leer.