zum Geißeltheater der menschlichen Schutzschilde (besucht den Irak! lacht in die Kameras nehmt 20, 30, 100 Landsleute als Souvenir mit nachhause Kurt Waldheim Jesse Jackson Willi Brandt Edward Heath)
der PRÄSIDENT beugt sich herab legt dem schreckensstarren siebenjährigen englischen Jungen eine Hand auf die Schulter und fragt ihn auf Arabisch ob er schon seine
MILCH
bekommen habe)
die Milch des Todes aus der Kuh des internationalen Abscheus floss
rot und schwarz
über den Irak und ich erwachte am frühen Morgen unter Verputzsplittern jemand hatte das ganze Haus an der Schulter gerüttelt (das moderne heute für mich unbezahlbare Mietshaus in dem wir damals logierten aber womöglich ist der Preis jetzt schon am Sinken) Farida trug Sami und ich die fünfjährige Muna auf die Straße (sie war nicht aufgewacht und atmete mir ruhig ins Ohr) die Sirenen heulten nach der dritten Explosion allmählich los aber wir waren doch noch weit weg von den Einschlägen
worüber sollen wir uns beschweren
vielleicht über das Ausmaß der Zerstörungen und die Präzisionsmängel der Präzisionswaffen wir könnten die Frage stellen weshalb so viele Schulen und Krankenhäuser getroffen wurden und weshalb Zehntausende von Zivilisten starben weshalb man es für nötig befand schon in den ersten beiden Wochen des Luftkriegs mehr Bomben abzuwerfen als die Alliierten im gesamten Zweiten Weltkrieg vielleicht könnte man von einem unendlich selbstgerechten Hass des von vornherein ausgemachten Siegers sprechen der wohl auf Aussagen gewartet hat wie die unendlich grausame lauthals verkündete Hoffnung unseres PRÄSIDENTEN auf einen so blutigen Bodenkrieg dass ihn die zimperlichen westlichen Regierungen nicht ertragen würden im Gegensatz zum
ausblutungswilligen ausblutungsstarken
irakischen Volk
wenn in einer Kriegswoche 150 000 irakische Soldaten fallen und 376 Alliierte (die Letzteren hauptsächlich durch Unfälle) dann taucht die Frage der Grausamkeit vielleicht noch einmal auf die durch vernebelte gemaßregelte kontrollierte arretierte Journalisten der
FREIEN WELT
erst lauter gestellt wurde als auf dem
Highway des Todes jener schnurgeraden Straße nach Kuwait
auf der auch die beiden Söhne meines alten Englischlehrers/Gewürzhändlers in der gleichen Sekunde zu Asche wurden
von laufenden internationalen TV-Kameras (versehentlich) ein
Luftschlachthaus
bei der Arbeit bestaunt werden konnte weswegen dann der Abbruch der Operation Zerstörung der irakischen Armee auf der Flucht allmählich geboten schien aber für uns die seit zehn Jahren in unserem Fleisch brennende und weitermordende Frage offenblieb weshalb man nach so vielen Opfern uns nicht auch von unserem PRÄSIDENTEN befreit hatte (plötzlich aufgekommene Stabilitätserwägungen Berücksichtigung der öffentlichen Meinung jäher Gedanke an die Möglichkeit einer Machtstärkung der iranischen Mullahs …) was doch ein Leichtes gewesen wäre glaubt man den Aussagen etlicher US-Generäle
nach 42 Tagen Krieg
auf dem Leichenberg von 200 000 oder 250 000 Irakern
hatte unser PRÄSIDENT nun
schon wieder
GEWONNEN
wirsehenunserenSiegalshistorisches
DuellnichtalsKampfzwischeneiner
Armeeundverschiedenenanderen
undihrseidsiegreichweilihrEin-
schüchterungundUnterdrückung
zurückgewiesenhabt
der alte Englischlehrer sitzt immer noch auf seinem Stuhl vor meinem Praxis-Schreibtisch und erzählt von seinen Söhnen während sein Enkel dem ich etwas heiße Watte getränkt mit ätherischem Öl ins Ohr gestopft habe enerviert auf meinen durch Regungslosigkeit stromsparenden Deckenventilator starrt
ich bin immer in Bagdad geblieben (denke ich plötzlich) weil hier die Menschen miteinander reden so könnte man es im Nachhinein begründen aber damals stellte ich einfach an einem gewissen Punkt fest dass ich es wieder einmal versäumt hatte zu fliehen mich dem großen
brain drain
anzuschließen der Tausende von Ärzten Lehrern Wissenschaftlern aus dem Land gespült hatte ich war wohl zu langsam gewesen ich weiß es nicht einmal mehr so genau weshalb wir geblieben sind ich erinnere mich nur dass ich damals hin- und hergerissen zwischen Angst und Wut auf jedermann wie ein verwirrtes Kamel auf dem schwarz verbrannten Wüstenboden zwischen den Riesenfackeln brennender Ölbohrlöcher durchs Leben taumelte ausgelaugt von Tages- und Nachtschichten zu denen ich dienstverpflichtet worden war und schon
hatte ich wieder einen Krieg mit-gewonnen und meldete meine beiden jüngeren Kinder auf den ramponierten Schulen von Embargoland an mit irgendeiner Art von Trauer und Stolz
wenn die SCHURKEN so litten wie wir litten
dann musste ich bleiben
wenigstens
als Arzt
Perspektive
Für Fadhil al-Azzawi
Einem Storch fiel ich aus dem Schnabel,
hoch über Bagdad.
Mit meinem Vater ging ich nach Babylon.
Meine Mutter brachte mich nach Nadschaf.
Ich floh den Turm und die Moschee,
den Rachen des Löwen und das Feuer des Islam.
Brennend wurde ich gefressen,
von einem alten geflügelten Ungeheuer.
Martin
Das Blau
am Morgen es
ist fast ein Jahr her es ist wieder
September
das Ende eines Sommers das wolkenlose Blau schneidet durch die Vorhänge nein dringt durch einen senkrechten Spalt dazwischen es ist natürlich nicht das Blau sondern nur die Helligkeit das weiße Licht das meine geschlossenen Lider trifft die unerträgliche Energie und Brillanz des späten Sommertages immer wieder kommt es mir so vor als erwachte ich
taub (betäubt)
als wäre es möglich dass mich das Licht die Helligkeit das gnadenlos unempfindliche Blau vor allen profanen Geräuschen einholt und mir eine örtliche Betäubung (Betäubung des Ortes) verpasst es scheint mir als erwachte ich
auf einer ungeheuren Fläche dem
Blue Screen mitten im
HEITEREN HIMMEL
ich kann das deutsche Wort nur noch als Drohung denken als blankes zerstörerisches Potenzial aus einem solchen Himmel kann man nur
fallen
wenn man Glück hat in einen Traum das ist das Beste was mir geschehen kann ich höre dann immer noch nichts und schließlich nur ganz leise Wellen und Seevögel und ich erwache am Strand am Morgen in jenem
Traum vom Fragen und Antworten
der wie die Mondsichel geschwungene Sandstreifen bei Rockport der graue Strand die Hunde und Möwen der frische Wind Schlaf in meinen in ihren Augen die immer noch kleinkindhafte weiche Hand in meiner Hand sie ist sechs oder sieben ich kann es nicht mehr unterscheiden kurz nach oder vor Schulbeginn Amanda liegt noch im Bett und wir gehen über den glatten fast unberührten vom Wasser wie mit glänzendem Lack überzogenen Strand die Hand löst sich kurz aus meiner Hand für das Aufheben einer Muschel eines Schneckenhauses eines Steins und kehrt feucht und kühl und sandig wieder zurück putze eine triefende kalte Kindernase es ist
die Zeit der Fragen
in der Stille der kühlen Luft
ich will nur noch
zurück ich will nur noch an diesem Strand sein
das PARADIES
(sagt es den Mördern überschreibt die so genannten Heiligen Bücher schreit es in die Welt)
ist nichts
als eine einzige Szene in der Vergangenheit
die man immer wieder betreten kann
ohne zu wissen dass man hier schon tausendmal war und ohne zu wissen was kommt
sie sieht auf und fragt (es ist wie ein Rausch ein Kinderrausch der Sauerstoff sie kann gar nicht aufhören zu fragen)