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wie ein Anatomieatlas und so verrückt wie

Dinarasad es könnte ja doch sein (und dies würde vieles erklären) dass der König und die wunderbar erzählende Schwester und alle Geschichten die wir hörten nichts weiter als Dinarasads Erfindungen wären ich bin zu übermütig zu aufgeregt

vor Glück

aber die Lässigkeit und die Zuversicht an diesem Abend unter diesen eleganten Leuten hier (wohl größtenteils Ingenieure und Wissenschaftler aus der Dora-Raffinerie) beruhigen mich sie sind so anders als die Nachbarn in Betawiyn die sich immer schon unter den Peitschenschlägen einer nächsten Katastrophe ducken in einer Woche spricht Bush vor den UN und er wird uns neue Waffeninspektoren zum Versteckspielen schicken erklärt einer und ein anderer entgegnet egal was er schickt er wird es in zwei Hälften geteilt zurückbekommen

ganz gewiss sogar in drei Hälften das ist

irakische Arithmetik sagt meine Schwester im Vorübergehen rasch leise spöttisch funkelnd sie ist irgendwie aufgeladen aber man weiß nicht mit was sie begrüßt einen mächtigen dicken älteren Mann mit Schnauzbart der einen Sack trägt eine erschreckende

aber ganz nervöse

freundlich blinzelnde eher ängstliche

Gestalt

er nimmt ein Glas Wasser Kasim rückt ihm einen Stuhl auf die Schwelle der offenen breiten Tür zwischen Wohn- und Esszimmer Schweiß fließt über das runde und wie aufgeblasene Gesicht der tabakfarbene Leinensack gleitet zu Boden der glänzend polierte Kokosnuss-Leib einer Ud kommt zum Vorschein die dicken runden Finger schweben wie hilflos über den Doppelsaiten drücken auf den fragilen Hals

alle

Stimmen in dir

so genau so verästelt so empfindlich eigenwillig zart sie auch sein mögen

finden einen Platz

lassen sich verschränken

verweben sich im Teppich des Lebens zum vollendeten Ornament

Geliebter

ich trinke Sekt und süßen Rosinensaft ich gehe hinaus auf den Balkon stehe an der Seite meines Bruders und niemand weiß dass ich Dich verberge meine nackten Arme mein offenes Haar das dünne Kleid der Ud-Spieler kann auch schnelle tanzende Melodien zu denen einer der Gäste auf einem umgedrehten Kochtopf mit den Fingern trommelt sehr geschickt genau passend so dass der schwitzende Meister sich freut

O komm, Geliebte, komm, es sinkt die Nacht,

Verscheuche mir durch deiner Schönheit Pracht

Des Zweifel Dunkel! Nimm den Krug und trink,

Eh man aus unserem Staube Krüge macht.

waren es nicht diese Verse zu denen Umm Kulthum sang Omar Khajjam in der Übersetzung von Achmed Rami sagt die ruhige Stimme von Onkel Machmud unserem alten Lehrer in meinem Kopf Du kamst mit dem Klang eines alten Gedichts das ich im Angesicht der sonnenbeschienenen blendenden Wand des Nachbarhauses auswendig zu lernen versuchte wie es mich freut dass Jasmin in besserer Gesellschaft ist als noch vor einem Jahr bei ihrer Hochzeit es sind so fröhliche lässige gebildete Menschen hier was für eine angenehme und befreiende Umgebung ideal um etwas

zu verbergen

ich lehne an der Balkonbrüstung in der Nacht unter den gedrängten gläserklirrenden Gästen auf meinem Gesicht der Frühlingswind den nur ich spüre jeder müsste es doch aber sehen denn wie versteckst du ein lachendes Herz warst du

in Babylon?

fragt mich die hochtoupierte Frau sie muss ein hohes Tier sein oder ein Weibchen eines solchen dass sie so laut und ungeniert redet

bei unseren wunderbaren Festspielen? nein leider nicht (Volkstanzgruppen aus vielen Ländern bei dem Fall-in-den-Staub-vor-deinem-Gott-Saddam-ist-größer-als-Nebukadnezar-Spektakel wie Tarik es nennt)

in meinem Babylon könnte es auch so eine dunkel blühende tropische Nacht geben und wie unter einem duftenden Schleier gingen alle auf die Balkone hinaus es wäre wie hier belebt und ruhig zugleich wie in dieser breiten vornehmen Straße mit ihren Palmen und Villen und Gärten Geliebter in meinem Babylon gäbe ich das gleiche Fest nur

für die ganz Stadt

und ich stünde neben Dir wie meine Schwester unter den Gästen ich muss nur die Augen ein wenig schließen und mit den Klängen der Ud hinausträumen wie von den Terrassen des Marduk-Tempels ich sähe über die Hängenden Gärten und ich bräuchte gar nicht die Prachtstraße und den mächtigen Turm ich denke mir ein ganz friedliches feierliches fröhliches Babylon für alle in

1001 Jahren wird es so sein nein in 101 Jahren

dass ein jeder hinaustreten kann auf seinen Balkon ohne Not ohne Angst ohne Hunger ohne Stromausfall eine ganze Stadt feiernd auf ihren Balkonen ich öffne die Augen und sehe

lächelnde entspannte aufmerksame höfliche Leute ich verstehe selbst nicht wie ich zwei von Kasims Kollegen so unbefangen und ironisch von der lange versprochenen Fahrt ins wirkliche Babylon erzählen kann für die Tarik von seinem Bruder Fuad den klapprigen roten Opel auslieh den er ein altes germanisches Kamel nannte und wie ein wild gewordener Fahrschüler fuhr

was ich verberge

erhellt die Gesichter strahlt durch meine Haut leuchtet in meinen Augen hebt meine Brust keiner berührte sie je (man geht zu meinem Kollegen Achmed in die Garage er macht Jungfrauen aus Huren mit nichts als ein paar Hundert Dinar sagt mein Vater wie kann ich je romantisch sein als Tochter dieses Arztes)

Jasmin

der Falke

berührt meine linke Schulter sie hält sich fast nie in der Nähe ihres Mannes auf aber das gehört sich wohl für gute Gastgeber ihre schlanken Finger mit den rot lackierten Nägeln prüfen scheinbar spielerisch (wie die einer Sklavenhändlerin) das Fleisch meines runden Oberarms

du bist

sagt sie und beendet den Satz nicht sondern gibt mir zu verstehen dass sie

Dich aus mir herausspürt

Geliebter

sie ist so viel feuriger geschmeidiger eleganter als ich Nie küsste ich einen! will ich ihr ins Gesicht sagen weshalb vielleicht

weil sie lebt

und ich immer nur die Geschichten erfinde aber dieses Mal verhält es sich anders das Ende mit ihrem Major ist nicht wirklicher als mein Beginn mit Dir Geliebter Archäologie sei ja ganz schön sagt sie leise und drückt mich kurz an sich Hauptsache du bleibst mutig Schwester dann –

wiederum beendet sie den Satz nicht aber ich denke mir dass ich DANN ebenfalls eine solche Wohnung haben werde eine solche Einladung geben kann (auch in schweren und bedrückten Zeiten) ich brauche keinen französischen Piloten keinen ägyptischen Arzt keinen englischen Archäologen mehr zu erfinden (ich habe ohnehin eine arabische Figur) und es werden meine eigenen Freunde kommen Huda mit ihren zwei stolzen Liebhabern und Eren mit Mann und sieben Kindern

im Oktober sind unsere Wahlen

höre ich jemanden sagen kurz bevor wir gehen und nachdem der erschreckende ängstliche Ud-Spieler sein Instrument sorgsam wie ein Neugeborenes im Leinensack verstaut hat

oje erwidert Tarik — sie werden mit ihrem Blut SEINEN Namen ankreuzen jeder wird büschelweise Wahlscheine in die Urnen stopfen sie werden auf den Straßen tanzen bis die Kameras aufhören zu laufen — sagt meine Schwester aus dem Geist meines Vaters ich war so verblüfft dass ich mir seine Stimme zu ihren Worten dachte Sie wissen doch auch dass ER einmal die Ud lernen wollte dieses große arabische Instrument und ER ließ den besten Meister zu sich kommen der aber

konnte weder spielen noch sprechen

vor Angst

auf Wiedersehen kleine Schwester sie drückt mir schmerzhaft fest die Hand küsst meine Wange drängt mich zur Tür so dass ich gar nicht sehen kann mit wem sie sprach Kasim führt uns hinaus zum Taxi schwätzend und schwitzend trägt uns Grüße auf für die Eltern