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wenn jeder

der Sultan ist in seinem Palast (Robotersklaven Papp-Elefanten elektromechanische Panther unermüdliche Haremsdamen made in Hongkong)

will ich auf immer in Bagdad bleiben und so träume ich davon

mit den Rufen der goldenen Vögel zu erwachen mit dem Plätschern der Springbrunnen der Kühlung durch sacht gewedelte Straußenfedern früh am Morgen

als Araber

aber ich muss wohl noch etwas anderes sein und es ist später Nachmittag und schon kommt der Abend und ich erwache ein zweites Mal aber

immerhin in Bagdad im ganz und gar wirklichen Irak

am Fluss ich erwache an der Seite meiner langsam und ruhig gehenden Frau mit der ich mich unterhielt ohne es recht zu bemerken bis sie diesen

schockierenden Satz

aussprach an den ich jetzt verzweifelt mich zu erinnern versuche obwohl sie mich damit aus allen Träumen Tagträumen Sorgen riss von denen sie nun wieder spricht als wäre nichts geschehen ich habe mich wohl verhört sie wirkt so freundlich und gelassen wie zuvor es geht auch wie stets um Sami der sich in den neu eröffneten Internetcafés herumtreibt und bei den Spielchen die sie dort mit den wirklichen und virtuellen Aufpassern machen womöglich nicht genügend Vorsicht walten lässt um Jasmin die uns grollt weil wir nicht zum vierzigsten Geburtstag ihres Ehemannes gekommen sind worüber wir uns allerdings klar verständigt hatten denn wenn wir schon ohnmächtig zusehen müssen wie unsere Tochter sich mit Wissenschaftlern umgibt die zu wichtige Positionen einnehmen um nicht in der Partei zu sein und mit jenen Militärs die wir auf der Hochzeit im Stammhaus unserer Familie ertragen mussten so können wir doch wenigstens

Abstand nehmen

solange uns wenigstens noch der blanke Raum bleibt um eine Art geometrischer Aussage zu machen

wenn wir Muna nach London schicken gibt es keine Garantie dass sie sich nicht ähnlich (patriotisch) entwickelt wie Jasmin in Paris aber

es sind andere Zeiten

versichere ich Farida die sich im Augenblick ebenfalls nicht an den gerade von ihr ausgesprochenen schockierenden Satz zu erinnern scheint ich wollte nur ich hätte verstanden was sie vor diesem Satz gesagt hatte es muss es sollte doch wohl ein irrealer Bedingungssatz (wenn im Irak ein jeder ruhig und sicher und satt einschlafen kann) gewesen sein

wir gehen zum Tigris-Ufer durch die Straßen und Gassen die wir seit fünfzig Jahren kennen

trauriger morscher verfallener als jetzt waren sie nie fassen wir es als Höflichkeit vor unseren eigenen alternden Körpern auf die dagegen doch noch mehr Vitalität und Erneuerungskraft bewahrt haben wir sind doch auch energisch geblieben wie diese Frau mit den alten Plastikkanistern in den Händen die uns entgegenkommt mit weit geöffneter Abaya unter der man einen schönen veilchenblauen langen Rock und eine leuchtende rosa Bluse sieht wir

leben einfach weiter

und gehen weiter

am Fluss

trinken wir einen Tee im Stehen vor einem winzigen Café mit abgestoßenen gekachelten Wänden die mit alten James-Dean-Plakaten vollgehängt sind so vieles ist wie eine im Glasrahmen verwelkte brüchig gewordene vergilbte Kopie der Vergangenheit wir können es uns gar nicht leisten jedes Mal an unseren historischen Spaziergang von 1967 zu denken

als du mich nach Paris schicktest

und die Fischrestaurants noch alle geöffnet hatten und Frank Sinatra sang in jenen Radio-Tagen die mir trotz des verlorenen Krieges so unerträglich schön vorkommen dass ich verstehen muss weshalb

es ist nur dieser Ozean an Zukunft

und die wahnsinnige Gewissheit ihn durchfahren zu können bis ans andere verheißungsvolle Ufer oder gar diese vor Glück aus den logischen Nähten platzende Illusion von dort schon einmal probehalber in die Gegenwart zurückgekehrt zu sein

Farida mit neunzehn die meine Schulter drückt um mir die Kraft zu geben nach Paris vorauszufahren Qué será: sinnvolle Berufe fröhliche Kinder intellektueller Austausch eine schöne Wohnung Urlaubsreisen ins Ausland Bücher Freunde Diskussionen Theater- und Konzertbesuche

wie konnten wir nur

gar nicht so arg betrübt sein in diesen aufgepeitschten blutigen Zeiten die wir stattdessen durchleben mussten

Farida mit vierundfünfzig

sieht über die von der untergehenden Sonne in seltsam unwirkliche Farben getauchte Szenerie der Fluss mit Beimengungen von Veilchenblau und Gold mit intarsierten schwarzen Palmen der Himmel violett und orange die hohen Betonmauern Wachtürme Kuppeln wuchtigen Fassaden Stacheldrahtbordüren des Präsidentenpalastes auf der Karkh-Seite romantisch schimmernd

wir müssen nicht unbedingt hierbleiben

sage ich

hauptsächlich um etwas gegen die Nachwirkung des fürchterlichen Satzes zu tun den sie vielleicht doch gar nicht ausgesprochen hat ich stelle wenigstens einmal im Monat in unseren nächtlichen Bettgesprächen die Flucht zur Diskussion denn immerhin bin ich anders als so viele Lehrer oder Professoren nie arbeitslos gewesen und konnte durch unser sparsames Leben im alten Haus meines Großvaters so viel zur Seite legen dass wir unter Umständen eine Schlepperbande im Norden oder Süden bezahlen könnten

nur hier (sagt Farida) können wir geheilt werden

nur

wenn dieses Zeug da drüben (Blick auf den märchenhaft von der Sonne übertuschten und von eiskalten Scheinwerfern gespickten Palastkomplex) vor unseren Augen in die Luft fliegt und wenn wir es überleben und wir werden es überleben

ihr auf Schulterlänge geschnittenes schwarzes Haar glänzt noch fast so wie mit neunzehn und für mich kann ihr kräftig und rund gewordenes Gesicht das zugleich mütterlich und resolut wirkt mit Momenten von kleinmädchenhafter feuriger Energie und Weichheit immer wieder durchsichtig werden wie ein Schleier durch den ich die Zwanzig- und die Dreißigjährige sehe

alte Männer sitzen am Fluss und rauchen ein jüngerer rasiert sich stolz vor dem rechten und einzigen Seitenspiegel seines verbeulten weißen Toyota-Jeeps zwei Jungen versuchen sich Rollschuhe unter die Füße zu schnallen die von der Machart her noch aus meiner eigenen Kindheit stammen könnten

als ich sagte

dass ich nicht weiß ob ich bei dir bleiben soll –

(dieses Mal kann ich mir nicht vorwerfen die bewusste Aufnahme des schrecklichen Satzes versäumt zu haben)

dachte ich es fiele uns wahrscheinlich leichter das zu ertragen was kommt wenn wir nicht zusammen wären fügt sie mit (glücklicherweise) besorgtem Blick hinzu weil ihr nicht mehr entgehen konnte dass sie mich bis ins Mark getroffen hat sie sieht mir an wie mir gerade einfiel dass im Grunde immer sie unser Leben bestimmt hat

angefangen bei dem ersten Satz den sie auf dem Büchermarkt an mich richtete bis zur Geburt von Muna und Sami und bis auf den heutigen Tag

wir haben Kinder du erinnerst dich

sie sind erwachsen Tarik es ist ja auch nur eine Frage die ich mir stelle denn das was kommt wird so ernst werden wie eine Operation auf Leben und Tod du kennst das doch es kann besser sein zu –

amputieren? meinst du?

wir gehen noch weit an diesem frühen Abend immer nach Süden so nah am Tigris wie möglich ich kann gar nicht aufhören zu gehen und fasse öfter nach Faridas festem runden Oberarm ich brauche diesen Halt um mir den Gedanken aus dem Kopf zu schlagen dass sie gestern Nacht so plötzlich mit mir schlafen wollte weil sie über

Amputation

nachdachte

wir könnten mal wieder ein Picknick machen schlage ich vor aus purem Trotz oder nur weil zu unserer Rechten jetzt die in der Dämmerung bronzefarbenen Konturen des Tigris-Inselchen auftauchen das wir die Insel der Gefräßigen nennen (Gefräßige mit starken Nerven denen es nichts ausmacht wenn die Republikanische Garde vorbeischaut um darauf zu achten dass sie ihre Grillroste nicht auf den Palast richten oder gar — wie früher öfter geschehen — der LEIBHAFTIGE selbst mit einem Motorboot herantuckert um ein Kistchen Whiskey zu spendieren)