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um den Preis dass

Sabrina auferstehen dürfte um den Preis auch dass sie als

Afghanin nur auferstehen könnte und

kein Wort mit mir sprechen dürfte (weshalb komme ich darauf ein Teufelspakt was sonst aber selbst im Traum scheint mir nur noch dieser faustische Effekt realistisch)

ein Mädchen das in einem hölzernen Türrahmen lehnt vor dem der Schnee hinabwirbelt als sollte alles in Minutenschnelle begraben werden aber sie sieht auf ihre Freundinnen oder Schwestern die ihr durch die wie Schaumfetzen treibenden großen Flockengebilde entgegenstapfen beladen mit Holzkörben verschwitzt erschöpft mit blau gefrorenen Füßen in zerschlissenen Stiefeln

Du

könntest als Tochter eines Karawanenführers wiederkehren als drittes Kind eines jungen turkmenischen Mullahs als paschtunisches Hirtenmädchen Du könntest zu den Hazaras gehören und in eine Schmugglerfamilie einheiraten (Opium Kalaschnikows Wodka Mobiltelefone Satellitenantennen und Laptops aus Taiwan) oder das Lieblingskind eines schwatzsüchtigen Dolmetschers in Kabul sein der Dich einem britischen Botschaftsattaché als unverschleierte in westlichen Eliteschulen gebildete Gymnasiastin vorführt während zwei Straßen weiter noch sämtliche Frauen in Burkhas einhergehen vergraben in Tüchern verwandelt zu textilen Gespenstern vermummt in Desinfektionsanzüge gegen die innere Seuche Weiblichkeit

die Teppiche

heißt es in einem der Reiseführer die ich mir ausgeliehen habe um Dich in einer nicht entstandenen Vergangenheit in dem Land wiederzufinden das Dir den Tod schickte

verrieten

die schöne Seele der Frauen

eingehüllt zugedeckt vergraben unter

den Verrätern

kauern alte Frauen um einen niedrigen Tisch auf dem ein Teegeschirr dampft in einer der schwarzen Jurten die sich wie chinesische Schirmpilze auf den gelben Boden der Steppen an den Fuß der Felshänge auf den schneeverkrusteten Untergrund der Hochebenen kleben was reden sie miteinander was

liest die paschtunische Schülerin die mit staubgrauen Händen bloßen staubgrauen Füßen in ihren wie mit dicken Ölfarben gepinselten Kleiderschichten eingehüllt vor einer Lehmziegelmauer im Freien kauert mit dem (unverhüllten) Gesicht einer toskanischen Madonna was

denkt die in einem sackartigen wattierten Mantel geborgene junge Frau deren Kopf und Schultern von einem blaugrauen Turban wie von einer Tuch gewordenen Meereswoge umflossen werden während sie zärtlich in eine Karotte beißt so fest

es ist

plötzlich als ich schon vergaß weshalb ich mir Fotografien ansah

Sabrinas Blick der mich trifft mit einer Art

stummem Entsetzen oder nur

einer besonderen Frage was sagt dir schon ein Blick wenn du sonst nichts weißt ich lasse den Unsinn es gibt keinen Preis mehr wenn du bereit bist mit dem Leben zu bezahlen ich kann mir keine Lage einer Frau in Afghanistan vorstellen aus der ich Sabrina nicht zu befreien wünschte und das eben zeigt wohl

dass ich wenig verstehe oder wenig verstehen will

wenn ich Bilder ansehe wenn ich mich an Bilder erinnere wenn ich bei der Betrachtung der alten afghanischen und persischen Totenstädte versinke auf einer Bank vor der Public Library im sonnigen Bryant Park inmitten lunchender Banker und dösender Studenten denen die Bücher oder Laptops auf dem Schoß entgleiten sehe ich

die Geister der Frauen

lebende brennende Fackeln in Petroleum getränkte Todesschleier in denen sich die Braut endgültig dem ihr aufgezwungenen Mann verweigert

die Geister in den abgeschliffenen geköpften Ruinen von Schahr-i Ghulghula der Stadt der Klagen halb vergraben in dreißig Meter hohen Sandbergen Dünen die sich mit zerstörerischer Gewalt bewegen sobald man nicht hinsieht jede Nacht um 15 Zentimeter ich denke wir hätten dort geschlafen und am nächsten Morgen wäre

nur dein Arm

mit Sand bedeckt gewesen wir wären weitergereist

Sabrina

in einer anderen

glücklicheren ungeheuerlichen Verzweigung des Universums

an der Grenze (zum Iran)

erhielte ich meine Tochter zurück

für eine Stunde vielleicht wir besuchten Timurs Grabmal in Samarkand wir kämen von dem protzigen Luxushotel für Touristen herüber durch einen Ring ärmlicher Behausungen staubiger Straßen gärenden Mülls hindurch neugierige abschätzige gelangweilte Blicke treffen den Deutschen und die schmale (nie wieder) zerbrechliche Gestalt an seiner Seite

die vollkommen in ein schwarzes Tuch gehüllt ist aber nicht wie in einen Tschador oder eine Burkha sondern wie in Abwesenheit das schwarze Tuch Gegenwart fließend eng anliegend und zärtlich nah an ihrem einstigen Körper nur so

nur völlig geschützt

konnte sie eine Stunde lang mit mir gehen vor uns liegt jetzt die säuberlich wie ein riesiges anatomisches Präparat aus dem Körper einer anderen Zeit freigelegte und konservierte Grabmoschee des kunstsinnigen hinkenden Massenmörders was wollen wir dort immer von den erhabenen Mausoleen in denen die Macht vermodert hier unter einer wunderbaren Rundkuppel mit geschnürten Rippen wie ein Seidenballon schimmernd in 700 Jahre alten transparent gewordenen Farben

wir steigen nicht in die Grabkammern hinab bis zu dem geborstenen Felsblock der Timurs ewige Wiederauferstehung nicht verhindern konnte und kann

die Literatur

sagte Sigi Ramsauer (der verfluchte Nieselregen auf seiner Beerdigung in Amherst der Schlamm der Dekan der mich aus dem Whiskey- und Trauer-Schleier eines Verlusts zog der mir damals fürchterlich erschien dabei

lebten

Sabrina und Amanda

doch nur in einer anderen Stadt mit anderen Menschen zusammen (in irgendeiner meiner Vorlesungen der Dichterstreit zwischen Uhland und Rückert ob es besser sei die Geliebte an den Tod zu verlieren oder von ihr betrogen zu werden den Rückert meines Erachtens mit dem edleren Gedanken und dem schlechteren Gedicht verlor))

die Literatur spricht mit den Mächtigen

sobald sie tot sind sagte mein verstorbener Kollege von der UMass

wir können nicht mehr weitergehen wir wenden uns von Timurs Mausoleum ab von der Nekropole das feine schwarze Tuch um Sabrinas Körper ist so schrecklich die Unsichtbarkeit ist ein so schrecklicher Preis für die nahe und perfekte Kontur für das vollkommen stimmige Gefühl des Nebeneinanderhergehens die tief in meinen Zellen gespeicherte Zugehörigkeit des schmaleren leichteren Körpers meiner Tochter zu mir

es gibt keine Bank keinen Steinblock auf den wir uns setzen könnten

es gibt kein Wort

das wir uns sagen dürften wir

können nur durch die staubigen Gassen zwischen den dürftigen Häusern hindurchgehen bis zu den von Steinmauern umgrenzten Feldern

in der Ferne

hinter einer Reihe von blassen brüchigen Dächern

steigen Kinderdrachen auf

wie konnte es geschehen (als fragten wir es uns dort in den Feldern bei Samarkand als

wären wir entronnen) dass

wir nach New York City kamen nach Manhattan auf diese wie von Wahnsinnigen mit gigantischen Steinsäulen beladene mit monströsen Glastürmen gespickte von Blechlawinen durchzogene speerspitzenschmale Insel im Strom die Stadt der Städte (bevor die wahren Monsterstädte entstanden die selbst immer schon erblassen vor ihren Verfolgern aus der Zukunft)

eine überlebende

Stadt

immerhin Sabrina ich weiß nicht mehr

ich kann nicht mehr sagen das hier ist nur

ein Traum

Muna

Gestern konnte ich kaum einschlafen wegen des Referats das ich in der Schule halten soll und ich erwachte heute mit jagendem Herzen eine Stunde bevor ich aufstehen musste allerdings hätte mich das Geschrei der Kinder nebenan ohnehin geweckt es müssen Hind und Achmed gewesen sein mit einem Streit

begann die Welt