mein Vater konnte sich nicht mehr an die Schöpfungsgeschichte erinnern es vergnügte ihn aber zu hören die Sache der Menschen habe damit ihren Verlauf genommen dass sich Tiamat und Ansu über das Herumtoben ihrer göttlichen Nachkommen ärgerten und deshalb (aus Lärmschutzgründen) beschlossen sie zu beseitigen nur Marduk hatte dies verhindern können und als Retter der Götter vor den Urgöttern erschuf er Himmel und Erde die Zeit und den Menschen in
seiner Tempelstadt Babylon
also beginnt alles dort
und so kann es doch nicht verwunderlich sein dass ich mich dafür interessiere aber Tarik versucht immer wieder genau herauszufinden (wie jetzt auch Du, Geliebter!) woher dieses Interesse kommt und was es bedeuten mag ob es ernsthaft und» wissenschaftlich «ist man könnte glauben er fürchte ich würde in Udai Saddam Husseins Zeitschrift Babel verschwinden wollen zwischen Sportnachrichten Bilderrätseln blonden Mannequins dem Leitartikel über US-Imperialismus von Al-Dulaimy (wiederum Udai) den ganzen hochglänzenden Uhren- und Schmuck- und Luxusauto-Reklamen als lebten wir alle als Millionäre in Dubai oder Mailand oder in einem Palast wie Udai eben als
Mörder Folterer und Vergewaltiger
im weißen Anzug er ist meines Erachtens der wahre Babylonier ich meine in biblischer Sichtweise sagt Tarik wo kommen die überall vor bei Daniel und Johannes dem Zecher?
Huda wird ein Referat halten mit dem Titel Wie verfälschten die Zionisten die historische babylonische Wirklichkeit? sie sucht wieder eine Gelegenheit ihre Mutter zu ärgern aber ich möchte nur über die Stadtanlage sprechen über die Architektur über die bislang erfolgten Rekonstruktionen über die Ausgrabungen und das was noch zu entdecken ist
morgen fahren wir nach Babylon
sagte meine Mutter vor sechs Wochen plötzlich
wir reisten zu dritt (ohne Sami) wie schon seit Jahren nicht mehr Farida hatte zugestimmt an den drei Tagen die Tarik sich frei nahm nicht auch noch Kerbela und Nadschaf zu besuchen es sollte ein
rein heidnischer Urlaub
werden meinte er es war nicht herauszufinden ob er nur pflichtschuldig einem Versprechen nachkam das er mir vor über einem Jahr schon gegeben hatte oder sich wenigstens ein bisschen auf die Fahrt freute Babel ist nicht heidnisch sagte ich Bab-ili ist das Tor Gottes es sind 3000 Jahre Tempel und Zikkurat und die Spitze des Turms soll an den Gipfel des Berges erinnern auf dem die Arche nach der Sintflut abgesetzt wurde
der gute alte Utnapischtim er hätte gar nicht schwimmen müssen wäre er mit diesem Geschoss der Flut davongeeilt erklärte Tarik im verbeulten roten Opel seines Bruders ich saß auf der Rückbank träumte las reichte Wasser oder Früchte und Fladenbrot aus dem von Farida randvoll gepackten Picknickkorb nach vorn sie trug ein weinrotes langärmeliges Kleid und beim Aussteigen wie ich selbst ein weißes Kopftuch (gegen den Staub und die Ureinwohner wie Tarik bemerkte) ich wollte auch einmal Ktesiphon sehen ohne in eine Schulklasse eingepfercht zu sein und von genervten Lehrern gehetzt zu werden und sie hatten nichts dagegen
Tarik und Farida auf den Vordersitzen immer redseliger
immer fröhlicher und immer jünger wirkend es war als könnten sie sich nicht gegen die gute Laune wehren als entstünde sie ganz mechanisch durch das Fahren in dem klapprigen Auto das natürlich keine Klimaanlage hatte so dass wir uns vom Wind kühlen ließen eigentlich hätten wir gar nicht so rasch anhalten müssen die Ölfelder und die Anlagen der Dora-Raffinerie glitten vorbei wir sprachen gar nicht davon dass Jasmin hier irgendwo arbeitete erinnerst du dich fragte Tarik bei unserem ersten Halt an den kleinen roten Elefanten in Amman ein dicker alter Bursche mit Segelohren auf einem Podest er stand vor dem römischen Theater und du warst schon zu alt für so ein Schaukeltier aber du liebtest ihn und ich musste ihn fünf Mal fotografieren hier mit diesem historischen sowjetischen Apparat (er überreichte mir seinen Fotoapparat aus der ehemaligen DDR)
natürlich erinnerte ich mich an den Elefanten ich hatte ihn ja Hannibal getauft und mit ihm die Steinreihen des Amphitheaters emporgaloppieren wollen wie die hochgetürmten Wellen eines Ozeans aus Marmorklippen dieser seltsame Zusammenhang: altes zerbeultes rotes Metall (Reitelefant oder alter Opel) und die Ruinen oder Relikte einer grandiosen Architektur es ergibt ein Gefühl von Freiheit von Sich-Bewegen-Können
im Raum in der Zeit
nicht auf irgendetwas achten zu müssen das Metall ist schon verbeult die Paläste sind schon geschleift die Tempel haben längst keine Götter mehr
in Ktesiphon unter dem großen Steinbogen des Khosrau stehen meine Eltern ein hagerer mittfünfzigjähriger Mann mit hoher Stirn schwarz-grauem Schnurrbart glühenden dunklen Augen lebhaften Gesten seine etwas kleinere etwas rundliche Frau dagegen hat eine stille und vornehme Art so als trete sie immer gerade aus einem ruhigen Zimmer nach draußen und würde von der Sonne geblendet
sie drehten sich langsam um die eigene Achse und schauten nach oben sie waren
entlassen
das hatte ich geschafft ich hatte sie herausgeholt aus den Schraubzwingen ihres Bagdader Alltags Faridas ewiger Küchen- und Bücherarbeit Tariks Zwölfstundentage in seiner engen überfüllten Praxis an der Saadun-Straße sie staunten und waren müßig wie Touristen ich ging auf sie zu als sähe ich sie zum ersten Mal liebten sie sich noch erhofften sie sich noch etwas hatten sie noch Sex miteinander wollten sie noch etwas erreichen wollten sie wieder in Paris leben was redeten sie mit ihren wenigen in Bagdad verbliebenen Freunden
das heißt Iwan diese Kuppelhalle siehst du so russisch waren diese alten Perser weißt du eigentlich dass der Schah ein Kosake war
du und deine Witze rief meine Mutter
mach ein Foto Muna
dann waren wir schon wieder unterwegs überquerten den Tigris fuhren auf die Autobahn nach Süden nach Al-Hillah durch brütende Steinwüste einen Kanal entlang in der Ferne tanzten Staubwirbel wie Miniaturtornados Beduinen und ihre Kamele rasteten in Dattelhainen nah am algengrünen Wasser am Ufer balancierte ein Kind über einen liegenden Autoreifen
vom Westen her
über die flache Brücke die auf mächtigen Steinquadern ruhte hätten wir einmal kommen können als der Euphrat noch direkt an der Stadtmauer entlangfloss links hätte sich der gewaltige Turm erhoben das Weltwunder die siebenstufige Leiter zwischen Himmel und Erde und rechts hinter den Zinnen der Mauer und des Vorwerks der große Tempel aber der Eingang lag jetzt östlich und führte an einem schläfrigen Pförtner vorbei durch die auf die Hälfte verkleinerte Kopie des Ischtar-Tores mit seinen blauen Kacheln seinem Gänseblümchenbogen seinen elegant schreitenden weißen Drachen und goldenen Löwen
das Original haben die Deutschen weggeschleppt
nach Berlin ich weiß sagte Tarik sie können auch Nebukadnezar den III. haben und uns eine verkleinerte Kopie aus falschen Ziegeln schicken wo ist denn aber jetzt der gewaltige Turm auf dem sich unsere Sprachen verwirrten
von einem Schutthügel aus
sahen wir die im sumpfigen Grundwasser steckenden Überbleibsel der Fundamente jenen über zwei Jahrtausende alten nassen Fußabdruck des Turms Etemenanki eine riesige Fläche wie ein grünbraun vernarbtes gigantisches Brandzeichen oder als wäre der Turm in der Erde versunken und als seien nur noch einige der grasüberwucherten verschliffenen Zinnen sichtbar von denen aus als sie sich noch 90 Meter hoch erhoben der Blick grandios gewesen sein muss an Deiner Schulter Geliebter wollte ich über die vollständig neu errichtete blau und golden glänzende Stadt schauen es ist aber
seit zehn Jahren nicht mehr gegraben oder gebaut worden sagte der Wächter es gäbe auch kaum noch Besucher es kämen ja keine Touristen mehr ins Land seit dem Krieg
es erinnert mich an Ground Zero sagte meine Mutter wer brachte eigentlich den Turm zum Einsturz wer schleifte ihn ich dachte jäh an das Mädchen in meinem Alter das mein Vater erfunden hatte um mir jede Häme und Schadenfreude auszutreiben Xerxes sagte ich laut er zerbrach die Statue des Marduk aber Farida hörte meine Antwort gar nicht weil sie von dem kleinen schäbigen Mausoleum angezogen wurde das man hier für Alis Sohn Amran und sieben seiner in Kerbela getöteten Gefährten errichtet hatte auf den Ruinen des Tempels Esagila (so dass man diesen nicht mehr rekonstruieren konnte)