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den sechzigjährigen

M. Göt

eines Vormittags empfängt damit er IHM

stehend

beim Petit Déjeuner zusieht und beim

siegesverheißenden Zurichten der Welt wie

ER glaubt und all die ein- und ausgehenden Offiziere und Diplomaten bewundern kann die immer wieder den Monolog des Imperators unterbrechen wie auch dessen ziemlich unerhebliche Anmerkungen zu des Dichters Werther

Goethe (sage ich zu Seymour) hat IHM kein Drama geschrieben ist nicht der Aufforderung gefolgt nach Paris zu gehen und verzapfte auch keinen Afterjournalismus über das Kaisertheater Napoleons mit dem Zaren er ist ganz der Staatsminister des armen Winzstaates geblieben den eine Willkürregung des

GEWALTIGEN

hätte von der Landkarte fegen können ein

Jordanier also meint Seymour

uns bleibt die schöne Ungewissheit der Balance: Zyniker Konservativer Opportunist weitsichtiger Geist dem Letzteren wäre sicher bewusst gewesen dass die brutale Expansion des Tyrannen ebenso wenig das letzte Wort der Geschichte sein konnte wie die eisernen Befreiungshalsbänder des Wiener Kongresses die klassizistische Dorothea ehelicht Herrmann und behält doch den Ring ihres ersten Geliebten der für die Revolution fiel

war er auch Amerikaner?

will Seymour wissen ich meine Goethe

er war der Auffassung dass Amerika es besser habe ich glaube weil es von den alten Dämonen der Geschichte verschont wäre

alte Dämonen sagt Seymour das sind wir und

wir

erheben uns in der Mittagssonne

zerfallen aber nicht zu Staub können nicht joggen und sollten uns wohl besser trennen oder etwas essen gehen vielleicht in einem Restaurant am See den wir gleich erreichen werden aber nichts scheint angebracht und so schlurfen wir nur noch eine Viertelstunde unschlüssig nebeneinander her in unseren Sportverkleidungen die uns bis auf einen Wohnungsschlüssel und einen 20-Dollar-Schein auf das reduzieren was von uns übriggeblieben ist sähe uns Amanda jetzt (muss ich denken) sie fände uns lächerlich aber der Gedanke an ihren Spott und sein mögliches plötzliches Umschlagen in Güte oder Herzlichkeit während wir gemeinsam durch den mittlerweile stark bevölkerten Park im Spätsommerlicht gehen der sich aufputzt zu seinem sonntäglichen Pfauenrad

schier explodierenden Lebens

führen dazu dass mir Amanda plötzlich wieder auf eine schrecklich direkte sinnliche klaffende Art fehlt

so wäre es nicht der Fall wäre sie einfach nur

verschwunden

vor einigen Jahren (als sie sich von mir trennte immer vergesse ich weshalb)

Seymour scheint meine Gedanken zu erraten als wir uns beim Hunter’s Gate verabschieden sagt er plötzlich etwas über seinen Psychiater oder Analytiker mit einer jähen Eindringlichkeit so dass ich wegen seines verschossenen weinroten Trainingsanzugs wieder an einen Boxerfilm denken muss nun an diese Szenen in denen der Coach dem angeschlagenen Helden den entscheidenden Tipp für die unvermeidliche

Wiedergeburt

gibt sein Therapeut habe ihn auf den Gedanken gebracht der mir vielleicht noch nicht gekommen sei oder womöglich doch weil ich ja ständig nachdächte jedenfalls wolle er ihn mir mitteilen nämlich

dass es das Schwierigste wäre

sich zu verzeihen — was

nun ja es käme vielleicht erst noch oder habe sehr langsam begonnen

sich also zu verzeihen

dass die eigene Trauer nachlasse Monat für Monat

Jahr für Jahr

Elegie

Wie soll ich ohne Dich singen? Du warst doch mein Atem.

Näher als mein Herz, fielst mir leichter als Luft.

Wie soll ich ohne Dich schlafen, über dem Abgrund der Stille?

Meine Brust ist aus Stein, mein Körper eine Gruft.

Man sagt, der Tag bringt das Leben. Aber mich lässt er sterben.

Fehlt das Licht, das Dich sieht, kann ich auch nicht mehr sein.

Wie soll ich ohne Dich enden? Du hast mich erfunden!

Nur wenn Du Dort bist, bin ich nicht mehr allein.

Muna

Die durchschossenen Eisendrahtmatten formen in der Art eines großen zerfetzten Basketballkorbs oder zerrissenen stählernen Fischernetzes die einstige Flugbahn nach an den Rändern des in der Bunkerdecke klaffenden Lochs durch das weißes Tageslicht auf den nackten Boden fällt ragen daumendicke Drähte ins Dunkel wie Tentakel oder Fühler einer zynischen oberirdischen Macht der es eingefallen ist die Finsternis mit alten rostigen Instrumenten zu erforschen eine Blechverkleidung von zehn Metern Länge ist wie eine Stoffkrawatte um eine der mit Brandspuren gezeichneten Betonsäulen gewickelt ich will die

Schatten

an den Wänden gar nicht sehen von denen es heißt sie seien wie Negative der im Bunker Schutz Suchenden vom tödlichen Blitz der Bombe in den Beton gebrannt worden ich betrachte nur

stumm und bleiern

mit dieser neuen schrecklichen Schwere meines Körpers

die goldgerahmten Fotos der Kinder und Frauen zwischen den Sträußen echter und künstlicher Blumen den Wimpeln mit Koranversen den Stofftieren und anderen kleinen Erinnerungsstücken

das Loch

klafft in meinem Kopf in meinen erzenen Kopf das weiße Licht sengt ihn aus wie ein Schweißbrenner ich werde hierbleiben müssen denke ich aber ich werde bald nicht mehr atmen können ich erstickte schon wären nicht

Huda und Eren

immer dicht neben mir stützten sie mich nicht flüsterten sie nicht in mein Ohr umfassten sie nicht meine Oberarme

alles war falsch! muss ich unentwegt denken mein ganzes früheres Leben in dem ich schon einmal hier war (vor zwei Jahren) mit der gleichen Schulklasse den gleichen Lehrern die uns die gleiche Darstellung der Ereignisse gaben die sie uns jetzt wieder geben ich denke immer wieder an Kasims Geburtstagsfeier zurück immer wieder an diese mir nun vollkommen unfassliche hoch schwebende Stimmung immer wieder daran dass kein einziger Militär unter den Gästen war immer wieder an

das Phantom

meiner schönen glücklichen starken

Schwester aber

ES IST DOCH NOCH GAR NICHTS GESCHEHEN!

sagt Eren beschwörend sie kennt das von ihrer kurdischen Familie von Vorkommnissen in Sulaimaniya und Raniyah im Norden

als wir das erste Mal in diesen Bunker hinabstiegen war ich fünfzehn ich war erschüttert ich war fassungslos bei der Aussage dass sich die kochende Haut der Menschen in den Beton gebrannt hatte große Wassertanks sollen explodiert und das Wasser sofort verdampft sein ich war voller Hass auf die Amerikaner die (wie es hieß) absichtlich diesen Luftschutzbunker bombardiert hatten in dem sich (wie es hieß) 1000 Menschen befanden oder 500 (wie es woanders hieß) oder 300 (wie es noch weiter westlich hieß) drei Zahlen drei Mal so viele vernichtete unsichtbare Leben

wer einen Menschen tötet, tötet alle Menschen

sagst Du vor dem Hintergrund des kleinen Paradies-Dachgartens der Rikabis ich bin vom Modergeruch des Bunkers durchdrungen ich kann bald nicht mehr aufrecht stehen ich sehe dass die ganze Schulklasse Frau Khadurri und Herrn Basim umringt die erneut die Geschichte dieses Bunkers in Al-Amiriya erzählen der am Morgen des 13. Februar 1991 von amerikanischen Tarnkappen-Bombern unter Beschuss genommen wurde diese Führung dieser vorgeschriebene Schulausflug mit dem Bus die unvermeidliche Fröhlichkeit die alle beim Einsteigen ergriff als ginge es um ein Picknick oder zu einem Fußballspiel obwohl sie wussten dass wir nur ein kurzes Stück fahren und dann der Reihe nach durch den weiß umrahmten Bunkereingang gehen würden (am Scheitelpunkt der aus zwei Armen bestehenden Blende eine aufgemalte stilisierte Rose)