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wir hatten es uns nicht vorstellen können

damals (vor mehr als eineinhalb Jahren) als wir uns auf den Dächern der alten Häuser in der Sonne gegenübersaßen

und auch nicht als wir uns in der Schule voneinander verabschiedeten über ein Drittel der Klasse war schon gar nicht mehr erschienen von etlichen hieß es sie seien mit ihren Eltern und Geschwistern in den Norden oder gleich nach Syrien oder Jordanien geflohen ich konnte Eren nur noch schreiben und Huda umarmte mich ein letztes Mal heftig traurig und wütend es war einfach so dass wir überhaupt nichts tun konnten außer uns

in die Freiheit bomben zu lassen

es wird gut ausgehen flüsterte mir Huda zu deine Schwester

ist ja auch zurückgekommen

was für ein Trost

ein schwarzer zerrupfter Vogel zitternd und stumm

es war im Zuge einer dieser großartigen Amnestien unseres PRÄSIDENTEN gewesen (seiner letzten wohl) er entließ Mörder Betrüger Diebe und vollkommen Unschuldige in Bausch und Bogen

Der Vater des Volkes

Der Vater des Volkes

tritt zur Tür herein.

Er schenkt dir einen neuen Kühlschrank.

Er zerschneidet die Handgelenke deiner Mutter.

Er bringt deinen neuen Fernseher

und Strom,

den er an den Kopf deines Bruders schließt.

Heute ist Feiertag.

Man wirft Spezialitäten in heißes Fett.

Singe für ihn!

Tarik zeigte mir vor einigen Tagen erst dieses Gedicht er und Onkel Munir waren losgegangen um Jasmin zu holen das Gefängnis war schon fast leer nur einige Angehörige und verwahrloste Gefangene irrten noch umher auf dem Boden einer Zelle schließlich fanden sie

Jasmin wie

zertreten

sie schwieg in ihrem kleinen Zimmer neben dem meiner Eltern in Wasiriya sie wurde von zwei Fachärzten besucht (Freunde meines Vaters) sie schwieg meine Mutter reinigte ihre Wunden ihre Füße waren fast durchbohrt die Arme und Hüften verbrannt sie schwieg und blieb in sich versunken obwohl sie klaglos alle Medikamente nahm die mein Vater für sie auftreiben konnte manchmal

setzte ich mich neben sie auf den Fußboden auf dem sie kauerte sie schien es gern zu mögen wenn ich so nah saß dass ich sie gerade nicht berührte meine stolze Schwester verkrümmt und abgemagert sie streichelte einmal mein Gesicht auf eine ungeschickte kindliche Art bald brachte ich es nicht mehr fertig sie anzusprechen und sie erschrecken zu sehen es war besser ebenfalls zu schweigen und schweigend kam es mir mitunter so vor als hörten wir die gleiche Stimme oder die gleiche Musik oder als wäre es auch schon gut

so

in einem lichten Zimmer auf einem sauberen Teppich in einem stillen Winkel

zu sitzen und mit dem Oberkörper schrecklich kindliche Wiegebewegungen auszuführen für lange Stunden ich fragte mich ob sie fassungslos ihre eigene Vergangenheit sah sich selbst als stolzen Falken als gefeierte Braut als Wissenschaftlerin im Labor als von ihrem farblosen Ehemann gelangweilte Frau die sich im verrückten Überschwang einen gefährlichen Liebhaber aus der Armee nimmt

jede Explosion jede heranheulende Rakete jeder Einschlag der die Mauern des Viertels erbeben ließ brachte uns dem Tag näher an dem wir uns rächen konnten der Major würde bald nichts weiter sein als ein gewöhnlicher Zivilist

meinte Sami eine Kalaschnikow koste 20 oder 30 Dollar in Saddam-City und er würde bald eine kaufen lasst uns

in Frieden

sagte (wie ich fest glaube) meine Schwester

ohne ein Wort es genügt

verschont zu sein und das Leben schmerzlos

verstreichen zu lassen

nichts ist wunderbarer als die Blume

die im Feuer überlebt

langsam konnte Jasmin sich vielleicht erholen sich wieder aufrichten auch wenn uns ihr Schweigen quälte mit der Vorstellung unaussprechlicher Torturen

aber dann schrie sie plötzlich es war in der siebten Bombennacht ihr amerikanischer

SHOCK-AND-AWE-Therapeut

hatte sich etwas Besonderes einfallen lassen schwere Detonationen und unberechenbare Pausen dazwischen durch die geöffneten und mit Decken verhängten Fenster heulte der Sandsturm und um drei Uhr morgens gab es einen harten scharf umgrenzten überwirklichen Knall eine infame grelle Gewalt die so nah und so unabwendbar so gemein so maßlos und durchdringend war dass man nur noch vor Empörung zittern konnte und da endlich schrie Jasmin auf und seither sprach sie wieder allerdings nur

Französisch

sie erkannte uns nun alle und nannte Farida Maman und mich MaSoeur sie kannte auch die Tanten und Cousinen wieder nur die Männer (einschließlich Samis) hatten keinen Namen mehr

an einem der Bombentage tröstete Jasmin unsere siebenjährige Nichte Nuha die sich an sie klammerte als sie gerade am Wohnzimmer vorbeiging fast alle Anwesenden erschraken ohne genau zu wissen weshalb und als Jasmin sie nur

MaPetite

nannte und in die Arme schloss wie es jeder andere Erwachsene auch getan hätte fiel mir ein dass sie selbst ihre ersten Bomben als Siebenjährige gehört hatte während des Krieges gegen die Perser und dass auch ich sieben Jahre alt gewesen bin als die ersten amerikanischen Bomben in Bagdad einschlugen

heutzutage genau kalkuliert über Satelliten ferngesteuert mit intelligenten Triebwerken hatte Sami verkündet zu Beginn des Angriffs war er aufgekratzt und auf eine schon fast irre Weise fröhlich so als würde er das ganze riesige Computerspiel in dem wir uns befanden nur genießen seit er mich vor Nabil so angeherrscht hat (was willst du immer mit dem da) fällt mir sein Schnurrbartflaum auf ich verliere Stück für Stück meinen lieben Kinderfreund an meinen Mann werdenden Bruder

nach einer Woche Krieg aber

ging es ihm wie uns anderen in der Großfamilie meines Vaters die sich immer müder immer ausgelaugter zum Essen und Fernsehen im Wohnzimmer von Onkel Munir traf der das Elektrogeschäft leitet wir aßen dort in zwei Schichten wenn wir zu viele wurden und lagerten auf der großen Couchgarnitur immer häufiger fiel der Strom aus und der Generator versorgte dann nur noch den Kernbereich des Hauses der große Bildschirm funktionierte aber stets und so trafen sich davor die Frauen Kinder und auch die Männer da fast keiner mehr zur Arbeit ging Onkel Munir und Tante Jamila residierten auf ihren Ohrensesseln Onkel Fuad und Tante Fatima saßen auf einer Couch neben meiner Mutter die kinderlose Tante Aischa die mit ihrem Mann Achmed die Buchhaltung machte konnte sich immerhin noch beschäftigen und stand oft nur mit knackenden Fingergelenken in der Eingangstür während Munirs jüngster Sohn Abdullah seine Frau Nawal und ihre drei Kinder auf den Teppichen lagen neben ihren Töchtern Miral und Sara die in meinem Alter sind und deren jüngeren Brüdern Raschid und Machmud

es schien uns

als könnte uns so (in dieser Versammlung) nichts zustoßen als schützten uns das gemeinsame Essen und Kochen das Gedränge in den engen Badezimmern die Witze die Streitereien die Vermengung von Gerüchen und Sorgen vor einem Schicksal wie dem der wenige Straßen entfernten Familie (womöglich jener harte wütende Knall der Jasmin zum Schreien brachte) deren Haus von einer Rakete zerschlagen wurde nur der Vater hatte überlebt ein noch junger Mann er zeigte immer wieder fassungslos auf die rauchenden Trümmer in seinem Rücken die seine Frau und seine drei Töchter begraben hatten kannst du begraben sagen wenn

in einer Sekunde

alles zerstampft wird von einem Blitz wir sahen

blutende und schreiende Patienten in einem Krankenhaus das wir in zehn Minuten zu Fuß erreichen konnten der Fernseher war wie ein Periskop für den Schrecken unmittelbar vor unserer Haustür im Meer des Krieges Kinder mit abgerissenen Beinen bei Al-Dschasira verkohlte Soldaten wie aus Lava und Asche geformt in einem Jeep sitzend Feuer und Blut flackernde Aufnahmen der BBC die sich stabilisierten während das Staatsfernsehen immer fadenscheiniger und wahnsinniger wurde der PRÄSIDENT als altersschwache fahle Kopie seiner selbst vor einem blauen Vorhang forderte uns auf mit bloßen Händen zu kämpfen patriotische Tanzgruppen und Chöre freuten sich auf den Tag an dem die Köpfe von Bush und Blair über den Boden rollen würden dazwischen hob ein Chirurg in einer Klinik bei Hilla (noch vor Kurzem waren wir dort gewesen hatte ich an der Seite meiner Mutter vor den Ruinen von Babylon geschlafen) sein Skalpell und schrie in die Kamera dass es nach vierzig Operationen stumpf sei wie ein Brotmesser