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die Mütter

griffen ein sofern sie noch die Kraft hatten und holten die Kleinen aus unserem Beduinenlager vorm Fernseher heraus von dem wir uns nicht reißen konnten das irre Auge auf die irrsinnige Welt in der wir zuhause sein mussten der Märchenerzähler von Bagdad war Al-Sahhaf der

INFORMATIONSMINISTER

Baghdad Bob der in olivgrüner Uniform mit schwarzem Barett vor einer völlig weißen wirklichkeitsentleerten Weltkarte saß und fürchterliche Verluste der Aggressoren verkündete das baldige Verenden der amerikanischen Riesenschlange in der Wüste die unglaublichen Siege unserer Truppen noch wenn ein Panzer über ihn rollt wird er erklären alles sei in Ordnung er sei schließlich die letzte irakische Tellermine knurrte Onkel Munir in dessen schweren alten Händen ich nie zuvor ein Gebetskettchen gesehen hatte

halbe Tage lang sahen wir auf Videos alte Hollywoodfilme ägyptische Schnulzen und endlose Zeichentrickserien von Disney mit den Kindern um sie zu beruhigen Märchen um Märchen bis einem jede Nachricht gleichgültig geworden war und man glaubte die Bomben krachten nur in den Lautsprechern unserer Apparate

meine Mutter

sah nie Fernsehen sie las sie kümmerte sich um Jasmin sie kochte und wusch ohne stärkere Gefühlsregungen zu zeigen sie blätterte im Koran und ich setzte mich manchmal einfach neben sie auf das Bett in dem schmalen Zimmer mit dem sie und Tarik hier vorliebnehmen mussten wir werden das hier durchstehen sagte sie stets wenn sie spürte dass ich einen Trost erwartete

mit Märchen mit Computerspielen (Sami und seine Cousins sobald der Strom wieder einsetzte) mit Jasmins stundenlangen Wiege-Bewegungen gegen die ich oft anschreien wollte dagegen anschreien dass man sich an ihre stumpfe trancehaft verlorene Art gewöhnte an den Verlust ihrer hochmütigen funkelnden Persönlichkeit

sie haben es nicht auf uns abgesehen nicht auf die Zivilisten sonst wären wir alle schon längst tot beruhigt euch wartet ab

sagte mein Vater immer wieder sie haben es nicht auf uns abgesehen wir werden das hier durchstehen wir wiegten uns mit geschlossenen Augen stundenlang im Dunkeln wir krallten uns am Flimmern der Bildschirme fest während die Hauswände bebten sie hatten es nicht auf uns abgesehen wir stehen das durch die doppelte Kuckucksuhr meine Eltern meine großartigen unverletzlichen Eltern die draußen auf den Straßen offenbar durchsichtig wurden oder durchlässig für Granatsplitter und Gewehrkugeln denn Farida ging einkaufen (solange es noch und sobald es wieder etwas gab) und Tarik arbeitete fast jeden Tag in der nah gelegenen Praxis eines Kollegen sie gingen zwischen brennenden Ölgräben MG-Nestern und Stacheldrahtwällen der Soldaten und Fedajin hindurch als seien diese nur aufgeblasene wichtigtuerische Spielzeugfiguren (was waren sie mehr niemand konnte es fassen wie schnell dieser ganze ungeheuerliche Apparat zerfiel der jahrzehntelang wie eine Bleiplatte auf uns gelegen und das Blut aus unserem Körper gepresst hatte)

nach drei Wochen

waren wir so fahrig und verrückt wie das Staatsfernsehen in den Wiederholungsschleifen der Bombennächte die immergleichen Geschichten meiner Cousinen Miral und Sara mit denen ich ein Zimmer teilte drückten mich nieder die Sendeausfälle betrafen unser Gehirn ich redete manchmal ohne es zu bemerken wir kramten das Fitness-Video eines amerikanischen Super-Modells aus das in Manhattan aufgenommen worden war einige Sequenzen spielten vor einem roten Wassertank auf dem Dach und man sah all die Hochhäuser in ihrer maßlosen Staffelung und dazwischen immer wieder die beiden noch unversehrten Türme des World Trade Centers wir drei knapp zwanzigjährige Frauen versuchten in dem engen Zimmer dessen Tür wir verrammelten wenigstens einige der platzsparenderen Übungen nachzumachen um nicht vollkommen steif und ungelenk

zu Tode gebombt zu werden aber (sie hatten es nicht auf uns abgesehen) es geschah

uns nichts wir hörten nur

von Verletzten von Bekannten die jemanden verloren hatten der Verlust dachte ich

wenn ich von Detonationen erschüttert die Hände auf die Ohren gepresst zwischen meinen Cousinen lag

war nur etwas an das man sich wieder gewöhnen musste ich dachte man kannte es ja schon

so nämlich war man zur Welt gekommen ich las schon lange nicht mehr im Koran (weil ich nach meinem Vater komme das ist alles) aber ich dachte oft dass es dort hieß

wir seien ja auch schon tot gewesen

vor unserer Geburt

und ich erinnerte mich nicht an irgendeine Form von Qual oder Schmerz ich brauchte nicht mehr zur Schule zu gehen nicht zu lernen nicht über die Universität nachzudenken nicht über London nicht über Dich den ich verloren hatte ohne ihn je zu berühren

der letzte Anruf

bevor das Telefonnetz in unserem Stadtteil zusammenbrach kam dann vollkommen unerwartet von Dir Du hattest Tarik versprochen nach unserem Haus zu sehen Du riefst von Freunden aus an bei denen der Apparat noch funktionierte alles wäre in Ordnung an unserem verriegelten alten Haus in Betawiyn nur

Abu Yusuf

der Familienvater und Gärtner von nebenan der die Orangen- und Ginkobäume auf das Dach gepflanzt hatte und hin und wieder den strampelnden stämmigen kleinen Achmed unter den Arm geklemmt und so getan hatte als wolle er ihm den Hintern versohlen

sei tot

im Garten ihres Hauses bei Al-Mussayyib den er regelmäßig gepflegt hatte war er von seinen Eltern gefunden worden halb verkohlt neben seinem zerschmetterten blauen VW ein Schwarm von Hubschraubern habe in der Nacht Soldaten unserer Armee angegriffen die in einem nah gelegenen Palmenhain lagerten

sie haben es nicht auf uns abgesehen hier im Kollateral-Land ich konnte zwei Nächte nicht schlafen die Gedanken an Achmed und Hind schmerzten als hätte ich zwischen Dornenranken nächtigen wollen wir

sitzen auf den niedrigen warmen Steinmauern in der Sonne auf dem Dach und können uns

nichts vorstellen

Abdullah (mein ältester Cousin der Vater von Nuha) war Soldat er musste eine Tigris-Brücke verteidigen und Nawal gab ihm eine Plastiktüte mit Zivilkleidung die er rechtzeitig anziehen sollte man hatte sich auch einmal nicht vorstellen können dass so etwas im Irak möglich sein würde dass die Generäle Majore Kommandeure und so fort einfach verschwinden beziehungsweise nachhause gehen würden

anstelle der kleinen verborgen unter einem Dachvorsprung lauernden Satellitenschüssel brachte Onkel Fuad plötzlich eine große nagelneue auf dem Dach an die er nur hatte lagern dürfen um sie an ausgewiesene Partei-Obere zu verkaufen wir erblickten sogleich

die schicke schwarze Sicherheitsberaterin in einem nelkenroten Kostüm (auf BBC) daneben Mr Bush und einen Tastendruck später einen zwölfjährigen Bagdader Jungen mit Kopfverband der ihn verfluchte er lag unter einem halbtonnenförmigen Zelt mit verbranntem Oberkörper anstelle seiner Arme gab es nur zwei weiß umwickelte Stümpfe er rief wenn ihm die Ärzte keine neuen Hände gäben würde er sich umbringen

Mr Bush brauchte sich so jemanden (solche Dinge) gar nicht vorzustellen all diese Toten und Verstümmelten über die hinweg ER uns befreite jeder in unserer Familie hasste Saddam Onkel Munirs ältester Sohn Khalid starb unter nie geklärten Umständen in einer Kaserne Faridas jüngere Schwester Fatima kam 1991 mitsamt ihren drei Kindern ums Leben als man ihren Mann jagte der angeblich beim Schiitenaufstand beteiligt gewesen war und mit einem Panzer auf ihr Haus schoss