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Patricia Briggs

Shamera

Die Diebin

Widmung

Diesen Roman widme ich meinen Geschwistern, die alle zu meinen Büchern beitragen:

Clyde Rowland, durch den ich Dick Francis und Louis L’Amour kennenlernte;

Jean Matteucci, der mich mit Rice Krispies, Mary Stewart und Barbara Michaels bekannt machte;

Ginny Mohl, die mich auf Andre Norton und Marion Zimmer Bradley brachte;

und Dan und Greg, den Ehemännern meiner Schwestern, weil sie mich all die Jahre ertragen haben. Ich liebe euch alle.

1

Sham saß auf einer niedrigen Steinmauer in den Schatten einer Gasse und zog sich die Stiefel an. Hier in der Dunkelheit, die nicht vom Mondlicht erhellt wurde, strich ihr eine Brise vom Meer durch die Haare. Tief atmete sie die frische Luft ein.

Sogar das Meer roch im hügeligen Gebiet von Landsend anders. Die Eroberer aus Cybelle hatten so wie die Adeligen aus Südwald vor ihnen entschieden, sich fernab der Kais niederzulassen. In Fegfeuer, dem westlichen Elendsviertel, in dem Sham lebte, roch die Meeresluft nach totem Fisch, altem Unrat und Verzweiflung.

Sie stand auf und fuhr mit den Händen zart über die Seide ihrer Kuriertunika, um sich zu vergewissern, dass der schwarze und graue Stoff ordentlich saß. Zweimal musste sie die blickdichten Ärmel aufplustern, damit sie die ungewöhnlichen Ausbuchtungen nicht erkennen ließen, wo sie die Werkzeuge ihres Handwerks versteckte.

Es war noch früh im Winter, deshalb würde die Seide warm genug sein, wenn sie in Bewegung blieb, dennoch war sie froh, dass die Hose aus dickerem Stoff bestand. Nachdem sie ihre Kleider zusammengeschnürt hatte, verstaute sie das Bündel außer Sicht im niedrigen Geäst eines Baums, der den Garten hinter dem Haus eines wohlhabenden Händlers zierte.

Boten waren ein vertrauter Anblick auf den Straßen von Landsend, Südwalds Hauptstadt, sogar in der Düsternis des frühen Morgens. Das galt zwar nicht unbedingt für weibliche Boten, doch Sham besaß einen zierlichen Körperbau und ging daher auf den Straßen mühelos als Knabe durch – seit zwölf Jahren schon. Sogar der lange Zopf, der ihr bis auf den Rücken hing, wirkte nicht fehl am Platz. Die Männer Südwalds hatten erst unlängst begonnen, sich wie jene aus dem Osten, von denen sie erobert worden waren, die Haare zu stutzen.

Als sie die menschenleere, vom Mondlicht beschienene Straße entlangschritt, bemerkte sie einen Wachmann, der in der Nähe einer Querstraße stand und sie beobachtete.

Die Wächter der Oststadt unterschieden sich von jenen Fegfeuers so sehr wie der Geruch von Süßsalz von dem eines fauligen Fischs. Bei den meisten handelte es sich um die jüngeren Söhne cybellischer Händler und Kaufleute, nicht um die selbstherrlichen Strolche, die in den weniger wohlhabenden Gegenden der Ortschaft für Ruhe und Ordnung sorgten.

Der Wächter begegnete Shams Blick, und sie winkte ihm zu. Er antwortete mit einem Nicken und wartete, bis ihr Weg sie näher zu ihm führte.

»Ziemlich spät«, merkte er an.

Mit unterdrückter Belustigung fiel ihr auf, dass er noch jünger war, als sie gedacht hatte – und gelangweilt, wenn er mit einem bloßen Boten redete.

»Ziemlich früh«, erwiderte sie vergnügt auf Cybellisch und gab sich keine Mühe, ihren Südwald-Akzent zu verbergen. Aufgrund ihres hellblonden Haars konnte sie ohnehin nicht behaupten, von cybellischer Geburt zu sein – zumindest nicht, wenn sie es offen trug.

Er lächelte zustimmend, und sie setzte ihren Weg an ihm vorbei fort. Dabei achtete sie darauf, flott und in gerader Linie zu laufen, ohne nach links oder rechts zu schauen, bis sie mehrere Häuserblöcke hinter sich hatte.

Das Haus, nach dem sie suchte, befand sich am Ende eines Blocks, und Sham wartete, bis sie um die Ecke gebogen war, bevor sie es mit mehr als einem beiläufigen Blick bedachte. Die Hecke wuchs zu hoch, um das gesamte Gebäude zu erkennen. Doch zumindest im oberen Stockwerk gab es keine Anzeichen darauf, dass sich jemand im Haus aufhielt. Nachdem sich Sham vergewissert hatte, dass niemand sie beobachtete, sank sie zu Boden und robbte unter dem Pflanzenwall hindurch, der ihr Ziel des Abends umgab.

Die tadellos gepflegte Rasenfläche erwies sich als winzig: Land galt in diesem Teil der Stadt als ungemein teuer. Das hohe Grün rings um das Grundstück hielt die schwache Beleuchtung von den Straßenfackeln sowie das etwas hellere Licht des Mondes fern. Kniend beobachtete Sham aufmerksam das dunkle Anwesen und achtete auf Bewegungen, die als Indiz dienten, dass sich jemand darin aufhielt.

Das dreigeschossige Gebäude war neuer als die es umgebende Hecke. Der Adelige aus dem Osten, den sie ausrauben wollte, hatte ein altes Herrenhaus erworben, abreißen lassen und in cybellischem Stil neu errichtet, sobald die Kampfhandlungen geendet hatten. Die unverglasten Fenster im zweiten und dritten Stock mochten im heißen, trockenen Klima von Cybelle nützlich sein, aber in Landsend wurde es trotz der südlichen Lage in den Wintermonaten feucht und frostig, weil die Meeresströmungen kaltes Wasser von der anderen Seite der Welt an die Gestade von Südwald beförderten.

Sham begrüßte den neuen Stil der Architektur aus ganzem Herzen; schließlich hatte sie nicht vor, in dem Haus zu leben. Die unverglasten Fenster würden ihre Aufgabe trotz der geschlossenen Läden erheblich einfacher gestalten, als es bei den verglasten, kleinen Fenstern des heimischen Stils der Fall gewesen wäre. Während sie das Gebäude beobachtete, wärmte sie sich die Hände am Körper. Die Nachtluft war kühl, und warme Hände hielten Dinge besser fest als kalte.

Laut ihrem Gewährsmann genossen die Besitzer dieses Hauses derzeit eine Woche in den heißen Wasserbecken einen Tagesritt von Landsend entfernt. Ein geschäftstüchtiger Cybeller hatte die verwaisten Gebäude dort übernommen und in einen Pilgertempel für Altis verwandelt, den Gott der Cybeller.

Die Cybeller glaubten nicht an die rastlosen Geister, die verantwortlich dafür waren, dass man die alte Siedlung aufgegeben hatte. Sie bezeichneten die Einheimischen als ›rückständig‹ und ›abergläubisch‹. Sham fragte sich, ob der Schutz durch Altis die Geister im Zaum halten konnte – und hoffte, dass dem nicht so sein würde.

Allerdings hatte sie nicht vor, darauf zu warten, dass die Geister der Heilbecken die Cybeller angriffen. Auf ihre eigene bescheidene Weise setzte sie den Krieg fort, der vor zwölf Jahren gegen die gottbesessenen Cybeller und ihre Verbündeten aus dem Osten verloren wurde, als die den Großen Sumpf überquert hatten, um die Welt zu erobern.

Sie begann die Außenwand zu ersteigen. Indem sie Halt fand, wo es keinen zu geben schien, zog sie sich die Mauern hoch. Sie verkeilte schwielige Finger und die harten, dünnen Sohlen ihrer kniehohen Stiefel in den engen Spalten, wo der Mörtel die Steinblöcke trennte, kletterte vorsichtig zu einem Fenster im zweiten Geschoss und setzte sich auf den schmalen Sims, um es eingehender zu untersuchen. Die vorstehende Leiste eines Flügels der Fensterläden verdeckte die Öffnung in der Mitte, um es einem Dieb schwieriger zu machen, den Riegel im Inneren zu öffnen.

Ihr Gewährsmann, der jüngere Bruder der einstigen Geliebten des Besitzers, hatte gesagt, dass die Holzläden mit einem einfachen Hakenriegel gesichert seien. Ein recht verbreiteter Verschluss, allerdings nicht die einzige Möglichkeit. Sham musste genau wissen, womit sie es zu tun hatte, um den Riegel öffnen zu können.

Sie schloss die Augen, legte einen Zeigefinger auf die Holzläden und murmelte einige Worte in einer Sprache, die seit Menschengedenken nicht mehr benutzt wurde. Die Läden waren zu dick, um das leise Klicken zu hören, als der Haken des Riegels gegen das Holz fiel, doch sie wusste, dass genau dies geschehen war, als sich die Flügel einen Spalt öffneten.

Sham rutschte auf eine Seite des Simses und benutzte die Fingerspitzen, um einen der Fensterläden aufzuziehen. Verstohlen betrat sie das Gebäude, zog den Laden hinter sich zu und hakte den Riegel wieder ein. Magie stellte ein nützliches Werkzeug für eine Diebin dar, vor allem, wenn ihre Opfer größtenteils nicht daran glaubten.