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11

Sham öffnete vorsichtig die Tür zu ihrem Zimmer, doch es erwies sich als menschenleer. Mit einem Seufzen der Erleichterung trat sie ein und schloss die Tür hinter sich; sie hatte sich nicht gerade darauf gefreut, ihre staubige Tunika und ihre nicht minder schmutzige Hose Jenli erklären zu müssen.

Rasch zog sie die dreckigen Gewänder aus und stopfte sie in die Truhe. Der allgegenwärtige Wasserkrug neben dem Bett beseitigte den Schmutz von Händen und Gesicht, danach suchte sie erfolglos nach einem weiteren Kleid, das sie ohne fremde Hilfe anlegen konnte. Nach dem zweiten Durchsehen des Schranks zog sie willkürlich ein Kleid heraus und streifte es sich über den Kopf.

Mit mühsamen, linkischen Verrenkungen gelang es ihr, alle Knöpfe bis auf die obersten zu schließen. Sham betrachtete das Ergebnis mit zweifelndem Blick im polierten Bronzespiegel. Das aus hellgelber Seide gefertigte Kleidungsstück erinnerte mehr an ein Unterhemdchen denn ein Kleid. Feine Spitzen wie für das Gewand eines Kindes säumten den Kragen und die Schulterteile. Allerdings störte sie weniger das Kleid als vielmehr der Körper, den es bedeckte.

Shamera brachte einen Trugbann an, um die heilende Wunde an der Schulter sowie mehrere blaue Flecken, an deren Ursache sie sich gar nicht erinnern konnte, zu übertünchen. Nachdem sie ein, zwei Minuten lang noch einige Anpassungen vorgenommen hatte, gelangte sie zu dem Schluss, dass sie die ärgsten Verletzungen damit überdeckt hatte. Was verblieb, würde man eher Bettspielen der härteren Art zuschreiben als dem Zerlegen von Möbelstücken oder einer quer durch Fegfeuer führenden Hatz nach Zauberern. Dickon hatte versprochen, Abendessen in die Gemächer des Vogts zu bringen, und da sie bereits Frühstück und Mittagessen ausgelassen hatte, wollte sie das Abendessen auf keinen Fall verpassen.

Als sie sich mit einer Bürste durch die Haare fuhr, fiel ihr Blick auf den Truhendeckel, und ihr wurde bewusst, dass sie vergessen hatte, ihn zu versiegeln. Sham runzelte die Stirn, denn es war ihr an sich in Fleisch und Blut übergegangen, für den Schutz ihrer Besitztümer zu sorgen. Rasch kümmerte sie sich darum, bevor sie Kerims Zimmer betrat. Immer noch verwirrt über ihr ungewöhnliches Versäumnis, vergaß sie, sich zu vergewissern, dass Kerim allein war.

Auch der Vogt hatte sich die Zeit genommen, sich umzuziehen, und er ähnelte kaum noch dem harten Krieger, der es gewagt hatte, dem Herzen von Fegfeuer zu trotzen. Erhaben in seinem Stuhl gefangen saß er da und starrte mit kaltem Blick den Adeligen aus dem Osten an, der ihm gegenüberstand. Keiner der beiden schien Shams Anwesenheit zu bemerken.

»Hört Ihr immer auf klatschende Stallknechte, Lord?« Kerim klang gereizt.

»Selbstverständlich nicht«, entgegnete der Adelige in geziertem Tonfall. »Aber mein Vertrauensmann hat berichtet, dass in der Tat eine Leiche in den Stallungen gefunden wurde, und zwar bei Eurem merkwürdigen blinden Jungen.«

»Der Leichnam des Stallknechts bestand aus mehreren Teilen – dazu wäre kein Junge in Elsics Alter imstande gewesen.« Kerim senkte die Stimme zu einem warnenden Säuseln, das den Adeligen bewog, einen Schritt zurückzuweichen. »Ich schlage vor, Ihr überlegt Euch gut, was Ihr in der Öffentlichkeit wiederholt, damit Ihr am Ende nicht wie ein Narr dasteht – oder Schlimmeres. Beispielsweise könnte durchsickern, dass Eure Schatzkammer nicht so prall gefüllt ist, wie sie es zu sein scheint. Ich finde immer wieder bemerkenswert, wie aufmerksam die Händler solchen Gerüchten lauschen und wie viel sie darauf geben.«

Ohne den Blick von seinem Gegenüber abzuwenden, streckte der Vogt Shamera eine Hand entgegen. »Komm her, meine Liebste, Lord Arnson wollte gerade gehen.«

Ihr war nicht bewusst gewesen, dass er sie bemerkt hatte, aber sie erholte sich schnell von ihrer Überraschung und trat mit einem strahlenden Lächeln vor. »Kerim, würdest du wohl die restlichen Knöpfe für mich zumachen? Jenli war nicht da, und du hast die Schulter des Kleids zerrissen, dass ich vorher getragen habe – jetzt ist es entschieden zu freizügig.« Sie zuckte leicht mit den Schultern, wodurch das unzugeknöpfte Kleid noch ein Stück tiefer rutschte, dann bedachte sie den aus der Fassung gebrachten Adeligen mit einem breiten, aber hohlen Lächeln.

Sie schaute nicht zu Kerim, um zu sehen, wie er sich angesichts ihrer Lüge verhielt. Nachdem die Dienerschaft das heillose Durcheinander entdeckte hatte, das beim ersten Angriff des Dämons in ihrem Zimmer entstanden war, hatte Kerim begonnen, seinen neu erstarkten Ruf zu genießen, und sie zweifelte nicht daran, dass er ihrem Beispiel folgen würde.

»Selbstverständlich«, antwortete Kerim mit einer Stimme, die Shamera unwillkürlich erschaudern ließ – und das keineswegs vor Angst. Dieser Mann wusste seine Stimme genauso geschickt einzusetzen wie sein Schwert. »Komm her, und ich kümmere mich darum. Ihr wolltet doch gerade gehen, Lord, nicht wahr?«

Der Adelige zuckte zusammen und löste den Blick aus dem Ausschnitt von Shameras Kleid, der noch tiefer sackte, als sie sich vor den Vogt kniete. »Ja, natürlich.«

Kerim widmete sich den Knöpfen und wartete, bis sich die Tür hinter dem Adeligen schloss, bevor er seine Liebhabermaske abnahm.

»Ich kann Narren nicht ausstehen«, verriet Kerim knurrend. »Mir ist unbegreiflich, wie ein solcher Trottel so viele Schlachten gewinnen konnte.«

»Rücksichtslose Grausamkeit vermag manchmal genauso viel Wirkung wie Klugheit zu erzielen«, merkte Sham an und starrte mit leerem Blick die geschlossene Tür an. Zwar hatte sie das Gesicht nicht erkannt, aber Lord Arnson war in Südwald dafür bekannt, dass er das Abschlachten von Kindern in mehreren Dörfern im Norden angeordnet hatte. Vielleicht ließe sich irgendwo ein Treffen mit ihm einfädeln. In einem dunklen Winkel. Ein weiteres Opfer des Dämons …

Kerim musterte sie nachdenklich. »Ich denke, Lord Arnson sollte zurück zu seinen Ländereien beordert werden. Er besitzt ein großes Anwesen in Cybelle, und ich denke, die Rückkehr dorthin könnte sich als vorteilhaft für seine Gesundheit erweisen.«

Sham war nicht daran gewöhnt, so einfach durchschaut zu werden, und fand die Erfahrung beunruhigend. Sie bedachte den Vogt mit einem Augenaufschlag und fragte mit künstlich schwerem Akzent: »Empfindet der arme Mann unser Klima als ungesund?«

Bevor Kerim etwas erwidern konnte, öffnete Dickon die Tür für zwei Diener, die ein großes, duftendes Tablett hereintrugen. Es war abgedeckt, um das darauf angerichtete Essen warm zu halten. Außerdem befand sich verschiedenerlei Besteck auf dem Tablett. Dickon sah sich um, bis er einen Tisch fand, der Shameras Säuberung der Gemächer überlebt hatte. Er zog ihn herbei und wies die Diener an, ihn zum Essen zu decken.

Sham erhob sich und holte zwei Stühle, während Dickon die Küchenhelfer zur Tür hinausscheuchte. Sie legte die Abdeckung des Tabletts auf den Boden und griff sich eine dicke, knusprige Scheibe Brot. Nachdem sie es mit Butter bestrichen hatte, nahm sie genüsslich einen großen Bissen davon, kaute zufrieden und sah über Kerims belustigten Blick genauso unbekümmert wie über Dickons missbilligende Miene hinweg.

Kerim schob seinen Stuhl nach vorn zu einem der Gedecke, schnitt mit seinem Fleischmesser eine Scheibe vom Braten ab und legte sie gegenüber von Sham auf seinen Teller.

»Shamera«, ergriff Dickon zögerlich das Wort und nahm Platz, nachdem er sich vergewissert hatte, dass alle Teller ordnungsgemäß gerichtet waren.

Sham lächelte ihn an und kaute weiter, während sie sich selbst ein wenig Fleisch nahm.

»Was hast du damit gemeint, ich sei mit Magie geboren?« Er benutzte Südwäldisch und sprach die zwei letzten Worte falsch aus – als würden sie dadurch etwas anderes bedeuten als das, was er glaubte.

»Nun …«, begann sie, als sie sicher war, nicht lachen zu müssen. »Nur ein mit Magie geborener Mensch konnte einen so starken Trugbann durchschauen, wie ihn der alte Zauberer gewoben hatte. Neun Zehntel der von den meisten Zauberern gewirkten Magie sind Trugbanne – wie der Frosch.« Wieder streckte sie den kleinen Frosch vor.