Kerim saß einen Atemzug lang schweigend da, bevor er den Kopf schüttelte. »Dafür sind die falschen Männer gestorben, Shamera. Die Verblichenen waren überwiegend Lords von geringer Bedeutung, die wenig Macht besaßen. Das gilt sogar für meinen Bruder.«
»Vielleicht war Halvoks Absicht aber auch genau das, was sie zu sein scheint«, meinte Shamera. »Ich besuche heute Nacht sein Haus und sehe mal nach, was ich herausfinden kann.«
Kerim nickte und sagte: »Ich bin ganz und gar nicht erpicht darauf, herauszufinden, dass ausgerechnet Halvok etwas mit einem Dämon zu tun haben könnte. Er ist einer der wenigen Lords aus Südwald, der bereit ist, das Wohl des gesamten Landes in Erwägung zu ziehen, statt nur zu versuchen, die Vergangenheit zurückzuholen. Aber ich möchte so rasch wie möglich Gewissheit darüber haben.«
»Wäre es nicht besser, mit einem, äh, Besuch bis morgen zu warten, wenn wir wissen, dass er am Hof sein wird?«, gab Dickon zu bedenken.
Sham schüttelte den Kopf. »Die heutige Nacht verbringt er mit Lady Fullbright, um Auskünfte über die Geschäfte ihres Ehemanns zu erlangen. Die Bediensteten haben die Nacht frei.« Sie grinste die anderen an. »Wie ich sehe, hat es das noch nicht in die Gerüchteküche geschafft – gut zu wissen, dass der Hai nichts verlernt hat.«
Die Nacht war dunkel, da sich der Mond hinter nieselnden Wolken versteckte. Sham hoffte, dass der Regen den Staub abwusch, den Fegfeuer und Kerims Zimmer in ihrer Arbeitskluft hinterlassen hatten.
Lord Halvoks Herrenhaus lag in einer ruhigen Gegend der Stadt ein Stück von der Feste entfernt. Der kürzeste Weg dorthin führte Shamera vorbei am Altis-Tempel. Obwohl immer noch daran gebaut wurde – was auch noch für mehrere Jahrzehnte so bleiben würde –, handelte es sich schon jetzt um ein eindrucksvolles Gebäude.
Dickon war nicht der Einzige, der feststellen musste, dass seine Überzeugungen abrupt auf den Kopf gestellt wurden. Seit Sham in ihre Rolle als Mätresse des Vogts geschlüpft war, hatte sie erkannt, dass sie Gefahr lief, ihren Hass auf die Menschen aus dem Osten zu vergessen. Ein eigenartiges Empfinden, nicht ständig wütend zu sein – sie fühlte sich nackt und schutzlos. Diese Verwundbarkeit ließ sie Altis umso mehr ablehnen. Die Dinge veränderten sich – und nur sehr wenige Veränderungen in Shameras Leben hatten eine Verbesserung herbeigeführt.
»Du gehörst hier nicht her«, sagte sie zu dem Gott.
Große Fenster zu beiden Seiten des gewaltigen Eingangs zeichneten sich gegen den hellen Stein düster funkelnd wie zwei riesige Augen ab. Als Sham den Weg fortsetzte, konnte sie beinahe spüren, wie jemand sie so lange beobachtete, bis sie sich ein gutes Stück vom Tempel entfernt hatte.
Für das Heim eines einflussreichen Adeligen erwies sich Lord Halvoks Anwesen als bescheiden. Dafür beeindruckte Sham, welche Menge an Gold er ausgegeben haben musste, um mitten in der Stadt zweihundert Ruten Landbesitz zu erwerben. Sie hatte reichlich Zeit, den Rasen zu betrachten, als sie vollständig um das Gebäude herumging, um sich zu vergewissern, dass keine Lichter brannten, die auf anwesende und wache Bedienstete hindeuteten.
Als sie das Gras betrat, richteten sich ihr die Nackenhaare auf: Falls sie noch Zweifel gehabt hatte, ob Halvok tatsächlich ein Zauberer war, lösten die sich gerade endgültig auf. Zwar hatte sie keinen offensichtlichen Schutzbann ausgelöst, doch das Kribbeln warnte sie eindringlich davor, dass sich in der Nähe einer befand.
Shamera rückte langsam vor, bis sie ihn fand. Es handelte sich um einen einfachen Bann, so gestaltet, dass er Lord Halvok warnen würde, wenn sich ein Dieb einzuschleichen versuchte, aber nicht dafür gedacht, Magier abzuwehren – ein solcher Bann wäre selbst mit Hilfe von Runen zu mühsam aufrechtzuerhalten. Vorsichtig und sachte stieg Sham über die Stelle hinweg, ließ den Bann unberührt.
Die Fensterläden im Untergeschoss erwiesen sich als verschlossen, im Obergeschoss hingegen standen sie offen. Sie erklomm die natürliche Felswand und kletterte durch ein Wohnzimmerfenster, das ihr kaum Schwierigkeiten bereitete. Dann stand sie in der Dunkelheit des kleinen Raumes und zog sich mit den Zähnen einen Span aus dem Daumen.
Orte, an denen Magie gewirkt wurde, nahmen mit der Zeit häufig eine bestimmte Aura an. Sogar Menschen, die unter gewöhnlichen Umständen keine Magie spürten, empfanden dann Unbehagen, als würden sie beobachtet oder verfolgt. Solche Orte neigten dazu, den Ruf zu erlangen, verwunschen zu sein. Die Aussichten standen gut, dass sich Halvoks Arbeitsraum in einem abgeschiedenen Bereich des Hauses befinden würde, um die Bediensteten nicht zu vertreiben.
Sham schloss die Augen und flüsterte einen Weissagungszauber, um herauszufinden, wo sich der Arbeitsraum befand. Die Erwiderung erfolgte sofort und fiel heftig aus. Hastig zog sie die Fensterläden zu und entfachte ein trübes Magierlicht, um sich umzusehen.
»Die Pest soll ihn holen«, murmelte sie gereizt.
Die Dunkelheit hatte das wahre Wesen des Raumes verborgen, in dem sie sich befand. Die finsteren Schemen, die sie für Bücherregale gehalten hatte, erwiesen sich als gefüllt mit einer ganzen Reihe verschiedenster Antiquitäten, jede einzelne ordentlich mit einem Stück Pergament beschriftet, das ein Stück Draht mit den Artefakten verband. Unter anderen Gegebenheiten wäre sie davon gefesselt und versucht gewesen, einiges davon an sich zu bringen – insbesondere die edlen, zur Schau gestellten Dolche.
Leider strahlten mehrere Gegenstände Magie aus, einige davon so stark wie ihre Flöte. Sie würde sich durch das dunkle Haus schleichen und hoffen müssen, dass niemand sie hörte, bis sie weit genug aus dem Einflussbereich der versammelten Artefakte gelangte, um irgendeine andere Magie zu finden.
Sham beschwor ihr Magierlicht, brachte die Läden wieder in ihre ursprüngliche Position und öffnete die einzige Tür des Raumes. Statt in einen Gang führte diese in ein großes Schlafzimmer. Das Bett war ordentlich zurückgeschlagen, und ein Bettwärmer fand sich in der Nähe der aufgehäuften Kohlen des Kamins.
Sie durchquerte den Raum und öffnete eine Tür, die in einen matt erhellten Gang führte; verwaist abgesehen von einem Kater mit gelben Augen. Die Katze starrte sie gleichgültig von ihrem Platz auf dem Sims eines offenen Fensters an, bevor sie den Blick wieder hinaus in die Nacht richtete.
Eine dunkle Treppe zweigte von dem Gang ab, zu schmal, um als etwas anderes denn als Aufgang für Bedienstete zu dienen. Sham duckte sich tief und horchte, ob etwaige Geräusche darauf hindeuteten, dass gerade jemand die Treppe benutzte.
Langsam zählte sie bis zwanzig, bevor sie leise die Holzstufen hinunterschlich, so dicht wie möglich am Rand, damit die Treppe nicht nachgab und knarrte. Nach einer kurzen Pause im Erdgeschoss entschied Sham, den Weg in den Keller fortzusetzen, bevor sie erneut versuchte, Magie aufzuspüren. Je weiter sie sich von dem Raum mit der kleinen Sammlung entfernte, desto besser standen ihre Aussichten, dass der Zauber das gewünschte Ergebnis erbrachte.
Sie bewegte sich mehrere Stufen nach unten, als sie plötzlich etwas zugleich Weiches und Scharfes behutsam am Nacken berührte.
Sham unterdrückte einen Aufschrei, sprang zwei weitere Stufen hinunter, wirbelte mit dem Messer in der Hand herum und wollte sich ihrem Angreifer stellen. Sie starrte in die Dunkelheit, erkannte jedoch nichts. Völlig regungslos verharrte sie und lauschte auf ein Atemgeräusch.
Die Katze, die auf einer schmalen Ablage an der Wand des Treppenhauses lag, schnurrte selbstgefällig. Sham konnte hören, wie sich das Tier in der Dunkelheit die Pfote leckte. Sham hatte es passiert, ohne es zu bemerken, und es hatte zart nach ihr gekrallt.