Выбрать главу

»Oh, durchaus«, spottete Sharpe, aber der Glaube des Sergeants an die Juwelen war über Sharpes ironischen Zweifel erhaben.

Am selben Nachmittag sah Sharpe zwei Möwen, die von Westen her ein überschwemmtes, vom Regen zerfurchtes Feld überflogen. Dieser Anblick versprach zwar noch nicht das Ende seiner Irrfahrt, löste jedoch allerlei Hoffnungen aus. Das Meer zu erreichen hätte einen Fortschritt bedeutet - das Ende des Marsches nach Westen und den Anfang der Reise nach Süden. In seinem Eifer bildete er sich sogar ein, das Salz in der regennassen Luft zu riechen.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichten sie eine kleine Stadt, die um eine Brücke über einen tiefen, reißenden Fluss herumgebaut war. Eine alte Festungsruine beherrschte das Stadtbild, aber diese Bastion war seit Langem verlassen. Der alcalde, also der Bürgermeister der Stadt, versicherte Vivar, dass es hier im Umkreis von fünf Wegstunden keine Franzosen gäbe, und diese Versicherung veranlasste den Major, in der Stadt Rast zu machen.

»Wir werden früh aufbrechen«, schlug er Sharpe vor. »Wenn das Wetter anhält, werden wir morgen um diese Zeit Santiago de Compostela erreichen.«

»Wo ich mich nach Süden wende.«

»Wo Sie sich nach Süden wenden.«

Der alcalde bot Vivar sein eigenes Haus an und den Cazadores seine Stallungen, während die Schützen in einem Zisterzienserkloster einquartiert wurden, das darauf eingerichtet war, Pilgern Gastfreundschaft zu gewähren, sich jedoch den fremden Soldaten gegenüber nicht minder großzügig erwies. Es gab frisch geschlachtetes Schweinefleisch, dazu Bohnen, Brot und Rotwein aus Schläuchen. Außerdem wurde ihnen von einem muskelbepackten Mönch, dessen Narben und Tätowierungen ihm das Aussehen eines ehemaligen Soldaten verliehen, aus schwarzen Flaschen ein scharf schmeckender Branntwein ausgeschenkt, den die Spanier aguardiente nannten. Derselbe Mönch schleppte einen Sack Zwiebäcke heran und zeigte mit ausgestrecktem Daumen an, dass er als Proviant für den morgigen Marsch gedacht sei.

Die Großzügigkeit der Mönche überzeugte Sharpe, dass er und die Schützen nach den kalten Gräueln der vergangenen Wochen wahrhaftig sichere Gefilde erreichen würden. Endlich schien die Gefahr einer Begegnung mit dem Feind gebannt. Der Notwendigkeit enthoben, für den Fall eines nächtlichen Alarms Posten aufzustellen, konnte Sharpe ruhig schlafen.

Nur um mitten in der Nacht geweckt zu werden.

Ein Mönch in weißer Kutte ging mit einer Laterne in der Hand zwischen den Schützen hin und her, die im dunklen Kreuzgang des Klosters schliefen. Sharpe grunzte und richtete sich auf einen Ellbogen gestützt auf. Draußen auf der Straße waren Geräusche zu hören: das Rumpeln von Rädern und Hufgetrappel.

»Senor! Senior!« Der Mönch winkte Sharpe eifrig zu, der daraufhin, fluchend über die Unterbrechung seiner Nachtruhe, seine Stiefel ergriff und dem Mönch über den vereisten Hof in die von Kerzen erleuchtete Vorhalle des Klosters folgte.

In dieser Vorhalle stand, ein Taschentuch vor den Mund gehalten, als fürchte sie sich vor Ansteckung, eine Frau von Furcht erregendem Körperumfang. Sie war so groß wie Sharpe, um die Schultern so breit wie Harper und um die Taille herum so dick wie ein Weinfass. Sie war in eine Vielzahl von Mänteln und Umhängen gehüllt, die sie noch stämmiger erscheinen ließen. Ihr Gesicht mit den Schweinsaugen und dünnen Lippen aber wurde durch ein lächerlich zartes, winziges Hütchen gekrönt.

Sie ignorierte die zudringlichen Mönche, die laut und flehentlich auf sie einredeten. Hinter ihr stand das mächtige Eingangstor des Klosters offen, und Sharpe konnte im Licht der Fackeln, die draußen auf der Straße in Halterungen angebracht waren, eine Kutsche erkennen. Als er eintrat, stopfte die Frau ihr Taschentuch in den Ärmel.

»Sind Sie ein englischer Offizier?«

Sharpe war so verblüfft, dass er keine Antwort gab. Es war nicht die barsche Frage, die ihn überraschte, nicht einmal die Stentorstimme, mit der sie gestellt wurde, sondern die Tatsache, dass diese Riesenfrau eindeutig Engländerin war.

»Nun?«, beharrte sie.

»Jawohl.«

»Ich kann nicht behaupten, dass ich froh bin, einen Offizier, der einem protestantischen König den Fahneneid geleistet hat, an einem Ort wie diesem vorzufinden. Nun ziehen Sie endlich Ihre Stiefel an. Beeilen Sie sich, Mann!« Die Frau schüttelte die Mönche ab, die versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wie eine wuchtige Milchkuh, die das Blöken einer Schafherde ignoriert. »Sagen Sie mir, wie Sie heißen«, forderte sie.

»Sharpe, Madam. Lieutenant Richard Sharpe von den 95th Rifles.«

»Holen Sie mir den ranghöchsten englischen Offizier her. Und knöpfen Sie Ihre Jacke zu.«

»Ich bin der ranghöchste Offizier.«

Die Frau starrte ihn mit bösen Blicken misstrauisch an. »Sie?«

»Jawohl, Madam.«

»Dann müssen Sie eben herhalten. Lass gefälligst deine schmutzigen Finger von mir!« Letzteres war an den Abt gerichtet, der mit ausgesuchter Höflichkeit versucht hatte, die Aufmerksamkeit der Frau auf sich zu ziehen, indem er behutsam eine zittrige Hand auf den Saum eines ihrer weiten Mäntel legte. »Holen Sie mir ein paar Männer her!« Das galt Sharpe.

»Darf ich fragen, wer Sie sind?«

»Ich bin Mrs Parker. Von Admiral Sir Hyde Parker haben Sie doch sicher gehört?«

»Gewiss.«

»Er war ein Verwandter meines Mannes, ehe Gottes Wille ihn in die jenseitige Herrlichkeit eingehen ließ.« Nachdem sie so klargestellt hatte, dass sie Sharpe, und sei es durch Heirat, vom Rang her überlegen war, schlug Mrs Parker erneut ihren herrischen Ton an. »Beeilen Sie sich, Mann!«

Sharpe zog die zerrissenen Stiefel hoch und versuchte, sich einen Reim darauf zu machen, wie eine Engländerin mitten in der Nacht in einem spanischen Kloster auftauchen konnte. »Sie brauchen Soldaten, Madam?«

Mrs Parker sah ihn an, als wolle sie ihm den Hals umdrehen. »Sind Sie taub, Mann? Nicht ganz bei Trost? Oder bloß einfältig? Nimm deine papistischen Finger weg!« Dieser Tadel ging wieder an die Adresse des Zisterzienserabtes, der jetzt wie von einer Wespe gestochen zurückwich. »Ich werde in der Kutsche warten, Lieutenant! Beeilung!« Unter den deutlich erleichterten Blicken der Mönche stolzierte Mrs Parker zurück zu ihrer Kutsche.

Sharpe gürtete seinen Degen um und schlang sich das Gewehr über die Schulter. Er dachte nicht daran, irgendwelche Männer zu holen, sondern trat allein auf die Straße, wo es von Karren, Kutschen und Reitern wimmelte. In der Menge hatte sich ein Gefühl der Panik ausgebreitet. Die Leute schienen zu spüren, dass sie hier nicht bleiben konnten, ohne zu wissen, wohin sie sich wenden sollten. Mit bösen Vorahnungen näherte sich Sharpe der Kutsche, deren üppig gepolsterter Innenraum von einer abgeschirmten Laterne erleuchtet wurde. In ihrem Licht sah er einen hochgewachsenen, entsetzlich mageren Mann, der dabei war, Mrs Parker zurück auf ihren Sitz zu helfen.

»Da sind Sie ja!« Die Frau, der es endlich gelungen war, ihren feisten Rumpf auf die lederbezogene Bank zu zwängen, sah Sharpe stirnrunzelnd an. »Und die Männer?«

»Wozu brauchen Sie sie, Madam?«

»Wozu ich sie brauche? Hast du das gehört, George? Ein Offizier Seiner Majestät begegnet einer schutzlosen englischen Frau, die in einem papistischen Land gestrandet ist, das voller Franzosen steckt, und er stellt ihr Fragen!« Mrs Parker beugte sich vor und füllte mit ihrem Leib die offene Kutschtür aus. »Holen Sie sie her!«

»Warum?«, bellte Sharpe und löste damit erneut hohes Erstaunen bei Mrs Parker aus, die Widerspruch offensichtlich nicht gewohnt war.

»Wegen der Bibeln!« Es war der Mann, der diese Antwort gab. Er spähte an Mrs Parker vorbei und schenkte Sharpe ein sehr vorsichtiges Lächeln. »Ich heiße Parker, George Parker. Ich habe die Ehre, ein Vetter des verstorbenen Admirals Sir Hyde Parker zu sein.« Der resignierte Ton, in dem er das sagte, ließ erkennen, dass alles, was Mr George Parker im Laufe seines Lebens zustande gebracht haben mochte, allein auf den Ruhm seines Vetters zurückzuführen war. »Meine Frau und ich brauchen Ihre Hilfe.«