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»Zu tun!« Mrs Parker schürte unverkennbar die Flammen ihres Ehrfurcht gebietenden Zorns. »Was kann ein bloßer Lieutenant zu tun haben, Mister Sharpe, das Vorrang gegenüber unserer Sicherheit hätte?«

Sharpe riss die Tür auf. »Ich brauche höchstens eine Viertelstunde. Tun Sie mir den Gefallen und seien Sie in zehn Minuten reisefertig. Ich habe zwei Verwundete, die in Ihrer Kutsche mitfahren müssen.« Er sah neuen Widerspruch in ihr aufschäumen. »Und die Tornister meiner Männer müssen auf dem Dach mitreisen. Sonst können Sie sich ohne mich nach Süden durchschlagen.« Er deutete eine Verbeugung an. »Ihr Diener, Madam.«

Sharpe wandte sich ab, ehe Mrs Parker anfangen konnte, mit ihm zu streiten. Er hätte schwören können, dass er bei der Gelegenheit ein amüsiertes Kichern des Mädchens hörte. Verdammt noch mal! Verdammt! Verdammt! Seine Sorgen waren auch ohne dieses ewige Problem eines jeden Soldaten groß genug. Er machte sich auf die Suche nach Vivar.

»Gute Neuigkeiten!«, begrüßte Vivar den Lieutenant, der das Haus des Bürgermeisters betrat. »Meine Verstärkung ist nur noch einen halben Tagesmarsch entfernt! Leutnant Davila hat frische Pferde und frische Soldaten gefunden! Hatte ich Ihnen von Davila erzählt?«

»Von der Straße haben Sie mir ja auch nichts erzählt, nicht wahr?«

»Straße?«

»Sie haben mir gesagt, wir müssten nach Westen marschieren, ehe wir nach Süden könnten!« Sharpe hatte nicht beabsichtigt, so aufgebracht zu sprechen, aber er konnte seine Erbitterung nicht verbergen. Er und seine Männer hatten ein kaltes Land durchquert, hatten feuchte Hänge erklommen und waren durch eisige Bäche gewatet, und das für nichts und wieder nichts. Er hätte schon vor Tagen nach Süden abbiegen können. Inzwischen hätten sie längst die Grenze nach Portugal hinter sich gelassen. Stattdessen waren sie wenige Marschstunden vom Feind entfernt.

»Die Straße!« Er knallte George Parkers Karte auf den Tisch. »Es gibt sehr wohl eine Straße, Vivar! Eine gottverdammte Straße! Und Sie haben uns an zwei anderen gottverdammten Straßen vorbeigeführt! Und die gottverdammten Franzosen sind einen lächerlichen Tagesmarsch weit weg. Sie haben mich, verdammt noch mal, angelogen!«

»Sie angelogen?« Blas Vivars Wut flammte ebenso ungestüm auf wie die Sharpes. »Das erbärmliche Leben habe ich Ihnen gerettet! Glauben Sie etwa, Ihre Männer hätten ohne mich in Spanien auch nur eine Woche überlebt? Wenn sie nicht gerade untereinander streiten, besaufen sie sich samt und sonders! Ich habe einen Haufen nichtsnutziger Trunkenbolde durch halb Spanien geführt und bekomme dafür keinen Dank, überhaupt keinen. Auf Ihre Karte pfeife ich!« Vivar packte die kostbare Landkarte und zerriss sie, statt darauf zu pfeifen, in kleine Fetzen, die er ins Feuer warf.

Der Bürgermeister, ein Priester und ein halbes Dutzend weiterer alter und gewichtiger Männer beobachteten in verstörtem Schweigen die Konfrontation.

»Zur Hölle mit Ihnen!« Sharpe hatte eine Sekunde zu spät nach der Karte gegriffen.

»Ich soll zur Hölle fahren?«, brüllte Vivar. »Ich kämpfe für Spanien, Lieutenant! Ich renne nicht davon wie ein verängstigter kleiner Junge. Aber so sind die Briten nun mal, nicht wahr? Ein Rückschlag, schon rennen sie nach Hause zu ihren Müttern. Sei's drum! Rennen Sie ruhig fort! Aber Sie werden in Lissabon keine Garnison vorfinden, Lieutenant. Die wird auch längst davongerannt sein!«

Sharpe ignorierte seine Schmähungen, um endlich die Frage zu stellen, die ihm auf der Zunge brannte. »Warum haben Sie uns überhaupt hierher geführt, Sie Hundesohn?«

Vivar beugte sich über den Tisch. »Weil ich geglaubt habe, Lieutenant, ein Engländer könne einmal in seinem geistig umnachteten Leben etwas für Spanien tun. Etwas für Gott tun, etwas Nützliches! Sie sind eine Nation der Piraten, der Barbaren, der Heiden! Gott allein weiß, warum er die Engländer auf diese Erde gesetzt hat, aber ich dachte, nur dieses eine Mal, Sie könnten etwas tun, das Seinem Schöpfungsauftrag nützt!«

»Wir sollten wohl Ihre kostbare Schatztruhe schützen?« Sharpe zeigte auf die geheimnisvolle Truhe, die an einer Wand aufgestellt war. »Ohne uns hätten sie das verdammte Ding verloren, ist es nicht so? Und warum, Major? Weil Ihre kostbaren spanischen Armeen zu nichts zu gebrauchen sind, deshalb!«

»Und Ihr Heer ist aufgerieben, geschlagen und geflüchtet. Es ist zu überhaupt nichts zu gebrauchen. Nun verschwinden Sie! Rennen Sie fort!«

»Ich hoffe, die Franzosen bekommen Ihre verdammte Kiste.« Sharpe wandte sich ab, dann hörte er, wie ein Säbel gezogen wurde. Er wirbelte herum und riss dabei den eigenen Degen flink aus der wiederhergestellten Scheide. Da kam Vivars Klinge auch schon im Kerzenlicht schimmernd auf ihn herabgesaust.

»Basta!« Es war der Priester, der sich zwischen die beiden wütenden Männer warf. Er redete auf Vivar ein, der Sharpe nur verachtungsvoll anstarrte. Da er das Gesagte nicht verstehen konnte, verharrte Sharpe währenddessen mit erhobenem Degen.

Vivar ließ sich widerstrebend von dem Priester überreden, seine Klinge sinken zu lassen. »Sie überstehen ohne mich keinen Tag, Lieutenant, aber gehen Sie ruhig!«

Sharpe spuckte auf den Boden, um seine Verachtung kundzutun, dann trat er, immer noch mit gezogenem Degen, in die Nacht hinaus. Die Franzosen hatten den Norden erobert und er musste fliehen.

KAPITEL 7

An diesem ersten Tag ihres Marsches nach Süden kamen sie besser voran, als Sharpe zu hoffen gewagt hatte. Die Kutsche der Familie Parker war schwerfällig, aber sie hatte Räder mit breiten Felgen, die dafür geschaffen waren, mit zerfurchten, morastigen Wegen fertig zu werden, und einen geduldigen spanischen Kutscher, der geschickt mit dem Gespann aus sechs großen Zugpferden umging. Nur zweimal an diesem Tag war das Gefährt stecken geblieben, sodass es von den Schützen gezogen werden musste, einmal an einer extremen Steigung, das zweite Mal, als ein Rad am Wegesrand in ein Schlammloch geriet. Von Louisa bekam Sharpe nichts zu sehen. Die Tante des Mädchens sorgte dafür, dass es hinter dem zugezogenen Ledervorhang der Kutsche verborgen blieb.

Größe und Ausstattung der Kutsche beeindruckten Sharpe. Der selbst gewählten Mission der Parkers, die papistischen Heiden Spaniens zu bekehren, fehlte es offenbar an nichts. George Parker, der es vorzuziehen schien, neben Sharpe herzugehen, statt sich bei seiner Frau aufzuhalten, erklärte ihm, es sei das hinterlassene Prisengeld des Admirals, das diesen Komfort möglich gemacht habe.

»War der Admiral ein religiöser Mann, Sir?«, erkundigte sich Sharpe.

»Leider nicht. Im Gegenteil. Aber ein reicher Mann, Lieutenant. Und ich sehe nicht ein«, Parker war sichtlich pikiert über Sharpes Fragen nach den Kosten der Kutsche, »warum das Werk des Herrn unter einem Mangel an Mitteln leiden sollte, Sie etwa?«

»Gewiss nicht«, pflichtete Sharpe ihm fröhlich bei. »Aber warum Spanien, Sir? Ich würde meinen, dass es in England noch genug Heiden gibt und man die Spanier nicht belästigen müsste.«

»Weil die Spanier im Schatten Roms dahinvegetieren, Lieutenant. Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet? Wie entsetzlich das ist? Ich könnte Ihnen Geschichten über priesterliche Vergehen erzählen, dass Ihnen die Haare zu Berge stehen! Wissen Sie, was für einen Aberglauben diese Leute hegen?«

»Ich kann's mir denken, Sir.« Sharpe sah sich nach der Kutsche um. Seine beiden Verwundeten fuhren auf dem Dach mit, wohin sie auf Mrs Parkers Geheiß verbannt worden waren. »Aber die Dons scheinen mir nicht gerade auf den Methodismus zu warten, wenn ich mir die Bemerkung erlauben dürfte.«

»Es ist ein steiniger Pfad«, stimmte Parker niedergeschlagen zu.

»Übrigens kannte ich in Indien einen Offizier, der die Heiden zum Christentum bekehrt hat«, sagte Sharpe tröstend, »und er hatte damit viel Erfolg.«