Man hatte sie nicht zurückgelassen, um zu verhindern, dass ein altes Banner ein Grabmahl erreichte, sondern um Furage aus den Küstentälern Galiciens zu beschaffen. Nachdem er die Briten aus Spanien vertrieben hatte, wollte Marschall Soult nun nach Süden marschieren. Seine Offiziere brüsteten sich in den Tavernen von La Coruña offen mit ihren Plänen, und ihre Worte wurden Vivar getreulich übermittelt. Die Franzosen würden sich, sobald ihre durch Verwundung und Frost ausgezehrten Reihen aufgefüllt waren, in südliche Richtung nach Portugal wenden. Sie würden das Land erobern und die Briten aus Lissabon vertreiben. Damit wäre dem britischen Handel die gesamte Küste Europas verschlossen, und der Würgegriff des Kaisers wäre nicht mehr aufzubrechen.
Soults Weg nach Süden würde durch Santiago de Compostela führen. Daher hatte er befohlen, die Stadt zu einer vorgelagerten Versorgungsbasis zu machen. Sein Heer würde die angelegten Vorräte abholen, um den Angriff nach Süden zu stärken. Die französische Kavallerie patrouillierte derzeit aktiv das Land, auf der Suche nach Lebensmitteln und Futter, die nach Aussage der Flüchtlinge in den umliegenden Häusern der Plaza vor der Kathedrale gelagert wurden.
»Sie sehen also«, erklärte Vivar eines Abends Sharpe, als sie sich wie üblich trafen, um die Karte der Stadt zu studieren und ihren Angriffsplan zu präzisieren, »nun haben Sie einen eigenen Grund zum Angriff, Lieutenant.«
»Einen eigenen?«
»Sie können behaupten, nicht nur einem verrückten Spanier einen Gefallen getan zu haben. Sie schützen ihre Lissaboner Garnison, indem sie den französischen Nachschub stören. Habe ich nicht recht?«
Doch Sharpe war nicht in Stimmung, sich besänftigen zu lassen. Er starrte die Karte an und stellte sich die französischen Wachtposten vor, wie sie in die Nacht hinausblickten. »Sie werden wissen, dass wir kommen.« Sharpe wurde die Befürchtung nicht los, dass der Feind gut vorbereitet sein würde.»Aber nicht, wo wir angreifen werden und wann.«
»Wenn nur de l'Eclin nicht dort wäre.«
Vivar lachte über seine Besorgnis. »Glauben Sie etwa, die Kaiserliche Garde habe es nicht nötig zu schlafen?«
Sharpe ging nicht auf diese ironische Bemerkung ein. »Er ist nicht dort, um Bestände anzulegen. Er ist damit beauftragt, das Gonfalon zu erobern, und er weiß, dass wir es ihm bringen werden. Was immer wir planen, Major, er hat bereits daran gedacht. Er wartet auf uns! Er ist auf uns vorbereitet!«
»Sie haben Angst vor ihm.« Vivar lehnte sich gegen die Wand des Turmzimmers, in dem die Karte aufbewahrt wurde. Drunten im Hof flackerte Feuerschein, während ein Spanier ein getragenes, trauriges Lied sang.
»Ich habe Angst vor ihm«, bestätigte Sharpe, »weil er seine Sache gut versteht. Zu gut.«
»Er ist nur gut, wenn es ums Angreifen geht. Er kann nicht verteidigen! Als Sie seinen Hinterhalt attackiert haben und ich ihn auf dem Bauernhof angriff, ist er nicht sonderlich schlau vorgegangen, nicht wahr?«
»Nein«, gestand Sharpe ein.
»Und nun versucht er eine Stadt zu verteidigen! Er ist Chasseur, also ein Jäger wie der Cazador, und er versteht nichts von Verteidigung.« Vivar war nicht bereit, Defätismus zuzulassen. »Natürlich werden wir siegen! Dank Ihrer Ideen werden wir siegen.«
Das Lob zielte darauf ab, Enthusiasmus bei Sharpe hervorzurufen, der inzwischen eine ausführliche Strategie für den Überfall vorgeschlagen hatte. Der Angriff sollte die Stadt nicht Haus für Haus und Straße für Straße einnehmen, sondern schnell und heftig gegen das Stadtzentrum ausgeführt werden. Dann sollten die Angreifer, aufgeteilt in zehn Trupps, je einer für jede Straße, die durch die alten Stadtmauern nach draußen führte, die Franzosen hinaustreiben aufs offene Land. »Sollen sie ruhig entkommen!«, hatte Sharpe argumentiert. »Solange Sie die Stadt einnehmen.«
Wenn es tatsächlich gelang, die Stadt einzunehmen, was Sharpe bezweifelte, durften sie nicht damit rechnen, sie länger als sechsunddreißig Stunden zu halten. Soults Infanterie, die aus La Coruña heranmarschierte und durch die hervorragende französische Artillerie verstärkt wurde, würde die Männer des Majors bald vernichten.
»Ich brauche nur einen Tag«, sagte Vivar zögernd. »Wir erobern im Morgengrauen die Stadt, wir spüren die Verräter gegen Mittag auf, wir zerstören die Vorräte, und am Abend entfalten wir das Gonfalon. Am nächsten Tag ziehen wir ruhmreich ab.«
Sharpe trat an das schmale Fenster. Fledermäuse, durch die Ankunft der Soldaten in der Festung aus ihrem Winterschlaf aufgeschreckt, flatterten im roten Feuerschein. Die Hügel lagen im Dunkeln. Irgendwo an jenen schwarzen Hängen unternahm eine Patrouille der Rifles unter Sergeant Harper einen langen Marsch auf gewundenen Wegen. Die Patrouille diente nicht nur dazu, kampierende französische Patrouillen aufzuspüren, sondern auch dazu, die Männer abzuhärten und an die Unwägbarkeiten des nächtlichen Marschierens zu gewöhnen. Vivars kleine Truppe, darunter auch die halb ausgebildeten Freiwilligen, hatte so eine Wanderung vor sich, und Sharpe, der erlebt hatte, welches Chaos so ein Nachtmarsch bei den Soldaten anrichten konnte, erschauerte innerlich. Er dachte an das schreckliche Ungleichgewicht. In Santiago de Compostela gab es zweitausend französische Kavalleristen. Nicht alle würden dort sein, wenn Vivar angriff. Einige würden auf den Feldern lagern, die sie geplündert hatten, aber dennoch würde die Übermacht des Feindes gewaltig sein.
Und gegen diese Übermacht würden fünfzig Rifles antreten, einhundertfünfzig Cazadores, von denen nur einhundert Pferde besaßen, und an die dreihundert halb ausgebildete Freiwillige.
Ein wahnsinniges Unterfangen! Sharpe wandte sich an den Spanier. »Warum warten Sie nicht, bis die Franzosen nach Süden aufgebrochen sind?«
»Weil Abwarten nicht für eine Geschichte sorgen würde, die in jeder spanischen Taverne erzählt wird. Weil ich einen Bruder habe, der sterben muss. Weil man mich, wenn ich warte, für ebenso rückgratlos halten wird wie die übrigen Offiziere, die nach Süden geflohen sind. Weil ich geschworen habe, es zu tun. Weil ich mich nicht mit der Niederlage abfinden mag. Nein. Wir brechen bald auf, sehr bald.« Vivar sprach wie zu sich selbst, während er auf die mit Kohle eingezeichneten Stellungen der Franzosen starrte. »Sobald die Freiwilligen so weit sind, brechen wir auf.«
Sharpe sagte nichts. Die Wahrheit war, dass er den Angriff nun erst recht für Irrsinn hielt, doch war dies ein Irrsinn, bei dessen Planung er geholfen und dessen Ausführung zu unterstützen er geschworen hatte.
Etwa so, wie das unschuldige Scharren eines Eulenkükens im Dachgeschoss durch die Furcht eines Kindes in die nächtlichen Schritte eines entsetzlichen Ungeheuers verwandelt werden kann, ging es Sharpe nun mit seinen Befürchtungen, die mit der Zeit immer größer wurden.
Er konnte seine Gewissheit, dass der Überfall zum Scheitern verurteilt war, niemandem mitteilen. Er wollte sich nicht Vivars Spott einhandeln, indem er sie zugab, und einen anderen gab es nicht, dem er sich hätte anvertrauen können. Harper schien wie der Major beseelt von heiterer Zuversicht, dass der Angriff Erfolg haben würde. »Allerdings, Sir, wird der Major noch eine Woche warten müssen.«
Der Gedanke an einen Aufschub ließ in Sharpe Hoffnung aufkommen. »Er wird warten müssen?«
»Diese Freiwilligen, Sir. Sie sind noch nicht so weit, ganz und gar nicht.« Harper, der die Aufgabe übernommen hatte, die Freiwilligen in der Kunst des Pelotonfeuerns zu unterrichten, hörte sich ernstlich besorgt an.
»Hast du es dem Major schon gesagt?«
»Er kommt morgen zur Inspektion, Sir.«
»Ich werde da sein.«
Und am nächsten Morgen ging Sharpe durch einen Regen, der die Felsen dunkel verfärbte und von den Bäumen tropfte, hinab ins Tal, wo Leutnant Davila und Sergeant Harper dem Major die Ergebnisse der einwöchigen Ausbildung vorführten.