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Es war eine Katastrophe. Vivar hatte lediglich verlangt, dass man den dreihundert Mann die Grundlagen des Musketendrills beibrachte, damit sie wie ein halbes Bataillon in drei Reihen dastehen und jene unablässigen Pelotonsalven abgeben konnten, die eine angreifende Streitmacht aufhalten würde.

Aber die Freiwilligen konnten die geraden, engen Reihen nicht einhalten, die das Musketenfeuer in tödliche Kanäle leitete. Das Problem nahm seinen Anfang, als die Männer in der hinteren Reihe instinktiv zurücktraten, um sich mehr Platz für die Handhabung ihrer langen Landestöcke zu schaffen, während die mittlere Reihe ebenfalls einen Schritt zurück tat, um Abstand von den Männern vor ihnen zu gewinnen. Dadurch löste sich die gesamte Formation auf. Unter Feuer würde sich dieser Rückzug instinktiv fortsetzen, und nach wenigen Salven würden die Franzosen diese Männer in die Flucht geschlagen haben. Hinzu kam, dass sie ohne Munition geübt hatten, denn es gab dafür nicht genug Pulver und Kugeln. Sie hatten den ganzen Musketendrill nur durchgespielt. Wie die vordere Reihe auf den Widerhall der Musketenschüsse aus den hinteren Reihen reagieren würde, wagte Sharpe sich nicht auszudenken.

Als »Muskete« wurde jede Schusswaffe eingesetzt, die die Männer mitgebracht hatten. Da gab es altersschwache Vogelflinten, Streubüchsen (Musketen mit kurzem Lauf und trichterförmiger Mündung), Sattelpistolen und sogar ein Gewehr mit Luntenschloss. Einige der Bergarbeiter hatten nicht einmal Feuerwaffen, sondern nur ihre Spitzhacken mitgebracht. Zweifellos ließen sich aus solchen Männern Furcht erregende Kämpfer machen, wenn sie sich ihren Feinden erst genähert hatten, aber die Franzosen würden das nicht zulassen. Sie würden diese Männer zerfleischen.

Es war nicht so, dass es den Freiwilligen an Mut gefehlt hätte. Ihre Anwesenheit in diesem entlegenen Tal zeugte von ihrer Bereitschaft zu kämpfen, aber sie ließen sich nicht so einfach in Soldaten verwandeln. Es dauerte Monate, um einen Infanteristen auszubilden. Es verlangte stahlharte Disziplin, um einen Mann so weit zu bringen, dass er in der Schlachtreihe stehen und sich den zahllosen Trommeln und schimmernden Bajonetten der Franzosen stellen konnte. Natürliche Tapferkeit oder übertriebener Eigensinn waren kein Ersatz für Ausbildung, eine Tatsache, die der Kaiser immer wieder unter Beweis gestellt hatte, wenn seine Veteranen Europas schlechter gedrillte Heere ausschalteten.

Ein französischer Infanterieangriff war eine eindrucksvolle Angelegenheit. Die französischen Truppen griffen nicht in Linien, sondern in riesigen Marschsäulen an. Reihe um Reihe dicht gedrängt marschierten die Männer im Rhythmus der Trommeln, die mitten unter ihnen von Knaben geschlagen wurden. Vorn und an den Flanken stürzten einzelne Männer, wenn Stoßtrupps über die Marschsäule herfielen. Gelegentlich fegte eine Kanonenkugel durch die engen Reihen, doch immer schlossen sich die Franzosen erneut zusammen und marschierten voran. Der Anblick war Furcht erregend, der Eindruck von Gewalt erschreckend, und selbst die tapfersten Männer konnten beim bloßen Anblick zusammenbrechen, wenn sie nicht monatelanger Drill gelehrt hatte standzuhalten.

»Aber wir werden es nicht mit Infanterie zu tun bekommen.« Vivar suchte angesichts der Katastrophe nach einem Hoffnungsfunken. »Nur mit der Kavallerie.«

»Keine Infanterie?« Sharpes Stimme klang zweifelnd.

»Es gibt nur ein paar Infanteristen zum Schutz des französischen Hauptquartiers«, sagte Vivar verächtlich.

»Aber wenn sie sich so ausbreiten«, Sharpe wies auf die entmutigten Freiwilligen, »können sie keiner Kavallerie standhalten, geschweige denn Infanterie.«

»Die französischen Kavalleristen sind erschöpft.« Vivar war deutlich von Sharpes ständigem Pessimismus pikiert. »Sie haben ihre Pferde bis auf die Knochen niedergeritten.«

»Wir sollten abwarten«, sagte Sharpe. »Abwarten, bis sie nach Süden aufgebrochen sind.«

»Glauben Sie denn, sie werden Galicien nicht weiter besetzt halten?« Vivar bestand auf seiner Weigerung zu warten. Er winkte Davila und Harper heran: Wie lange es dauern würde, die Freiwilligen in Form zu bringen?

Davila, der kein Infanterist war, blickte Harper an. Der Ire zuckte mit den Schultern. »Die Lage ist zum Verzweifeln, Sir. Ungeheuer schwierig.«

Harpers Antwort widersprach so sehr seiner üblichen Zuversicht, dass sogar Vivar sich davon deprimieren ließ. Der Spanier brauchte nichts weiter, als dass diese Freiwilligen auf ein Mindestmaß an Kampftüchtigkeit gebracht wurden, ehe er seinen Angriff ausführte, aber die Niedergeschlagenheit des Iren schien die Notwendigkeit anzudeuten, ihn auf unbestimmte Zeit zu verschieben oder gar ganz abzublasen.

Harper räusperte sich. »Was ich allerdings nicht verstehe, Sir, ist der Grund, warum Sie überhaupt Soldaten aus ihnen machen wollen.«

»Um eine Schlacht zu gewinnen«, warf Sharpe ein.

»Wenn es zu einer direkten Auseinandersetzung zwischen diesen Burschen und französischen Dragonern kommt, werden wir nicht als Sieger hervorgehen ...«, Harper hielt inne, »... wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Sir.« Keiner der Offiziere sagte etwas. Harpers Stimme nahm einen Beiklang von Autorität an, wie immer, wenn ein praktisch denkender Mann Toren eine einfache Angelegenheit klarmacht. »Was hat es für einen Sinn, sie zur offenen Schlacht auszubilden, wenn Sie mit so einer Schlacht nicht rechnen? Warum müssen sie lernen, wie man Pelotonsalven abfeuert? Diese Burschen müssen in den Straßen kämpfen, Sir. Das bedeutet Nahkampf, wahrhaftig, und ich möchte wetten, darin sind sie so gut wie jeder Franzose. Schaffen Sie sie in die Stadt, dann lassen Sie sie los. Ich hätte keine Lust, mich diesen Halunken zu stellen.«

»Zehn ausgebildete Männer können einen Pöbelhaufen in Schach halten.« Sharpe, der seine Hoffnung auf einen Aufschub durch Harpers Worte zunichtegemacht sah, hatte sich barsch zu Wort gemeldet.

»Jawohl, aber wir haben zweihundert ausgebildete Männer«, sagte Harper, »und die setzen wir jeweils dort ein, wo es echte Probleme gibt.«

»Mein Gott!« Vivar war plötzlich begeistert. »Sergeant, Sie haben recht!«

»Nichts für ungut, Sir.« Harper freute sich offensichtlich über dieses Lob.

»Sie haben recht!« Vivar klopfte dem Iren auf die Schulter. »Ich hätte selbst darauf kommen müssen. Das Volk, nicht das Heer, wird Spanien befreien, warum also soll man das Volk in ein Heer verwandeln? Und wir vergessen, meine Herren, was für Kräfte innerhalb der Stadt auf unserer Seite stehen werden. Die Bürger! Sie werden sich erheben und für uns kämpfen, und wir würden uns nicht einfallen lassen, ihre Hilfe abzulehnen, weil sie nicht ausgebildet sind!« Vivars Optimismus, ausgelöst durch Harpers Worte, stand in voller Blüte. »Demnach können wir bald aufbrechen, meine Herren. Wir sind so weit!«

Nun würde man also auch noch auf jegliche Ausbildung verzichten, dachte Sharpe. Ein zahlenmäßig unterlegener Haufen würde zum Marsch auf eine ganze Stadt antreten. Aus Vivars Munde klang alles so einfach, als ginge es darum, eine Grube mit Ratten zu füllen und dann die Terrier loszulassen. Aber diese Grube war eine Stadt, und die Ratten warteten auf sie.

Vivars Freiwillige mochten keine ausgebildeten Soldaten sein, aber der Major bestand darauf, sie auf den Dienst an der spanischen Krone zu vereidigen. Die Priester führten die Zeremonie durch, und der Name jedes einzelnen Mannes wurde feierlich auf Papier festgehalten, als ordnungsgemäß vereidigter Soldat Seiner Christlichsten Majestät, Ferdinand VII. Nun durften die Franzosen Vivars Freiwillige nicht wie zivile Kriminelle behandeln.

Andererseits brauchten Soldaten Uniformen, und es gab kein farbiges Tuch, um leuchtend bunte Röcke anzufertigen, geschweige denn andere Ausrüstungsgegenstände des Soldaten wie Tschakos, Koppel, Munitionsbeutel oder Gamaschen. Aber es war reichlich grober brauner Wollstoff vorhanden, und aus diesem dürftigen Material ließ Vivar einfache Jacken nähen. Außerdem hatte man aus einem zwanzig Meilen entfernten Nonnenkloster weißes Leinen herangeschafft, aus dem man Schärpen herstellte. Heraus kam eine improvisierte Uniform, mit Schlaufen und knöchernen Knöpfen befestigt, aber wenn man Vivars Expedition überhaupt nach militärischen Kriterien beurteilen durfte, genügten die braunen Jacken durchaus als Soldatenröcke. Die Frauen der Freiwilligen schnitten die braunen Jacken zu und nähten sie zusammen, während Louisa Parker hoch droben in der Festung den Schützen half, ihre grünen Jacken zu flicken. Sie waren abgewetzt, zerrissen, fadenscheinig und angesengt, doch das Mädchen erwies sich als außerordentlich geschickt im Umgang mit Nadel und Faden. Sie nahm Sharpes grünen Rock an sich und sorgte in weniger als einem Tag dafür, dass er so gut wie neu aussah.