Louisa spürte offenbar seine Verlegenheit und bedauerte, sie herbeigeführt zu haben. »Ich will nicht, dass Sie im Augenblick etwas von mir verlangen, Lieutenant. Werden Sie mir Zeit lassen, bis die Stadt erobert ist?«
»Natürlich.« Erneut flammte in Sharpe die Hoffnung auf und vermischte sich mit der Scham, die sein ungeschickter Antrag hinterlassen hatte. Er ging davon aus, dass er zu früh gesprochen hatte und zu ungestüm, doch Louisas offensichtliches Verlangen, in Spanien zu bleiben und dem Schicksal einer Ehe mit Mr Bufford zu entgehen, hatte seine Worte provoziert.
Der Wachtposten entfernte sich von ihnen, und der Geruch seines Tabaks wehte hinter ihm her. Das Feuer im Hof loderte hoch auf, als ein Mann einen Holzscheit nachlegte. Louisa drehte sich um und sah zu, wie die Funken bis zu den Turmzinnen emporsprühten. Irgendwo aus der Tiefe der Festung drang der klagende Laut eines galicischen Dudelsacks, der Sharpes Männern jedes Mal gespielte Schreie des Entsetzens entlockte. Sie lächelte, als sie die pflichtschuldigen Proteste hörte, dann wandte sie sich mit einem anklagenden Stirnrunzeln an Sharpe. »Sie glauben also nicht, dass Don Blas mit der Eroberung der Stadt Erfolg haben wird, wie?«
»Natürlich glaube ich ...«
»Nein«, unterbrach sie ihn. »Ich habe Ihnen zugehört. Sie denken, es seien zu viele Franzosen in Santiago. Und insgeheim meinen Sie, dass wir es mit Don Blas' Wahnsinn zu tun haben.«
Sharpe geriet ob dieser Anschuldigung ein wenig aus der Fassung. Er hatte Louisa gegenüber seine wahren Befürchtungen nicht geäußert, doch sie hatte ihn ganz und gar durchschaut. »Es ist in der Tat Wahnsinn«, wandte er ein. »Sogar Major Vivar gibt das zu.«
»Er sagt, es sei Gottes Wahnsinn, und das ist etwas anderes«, erwiderte Louisa in sanftem Tadel. »Aber es würde sich eher ausführen lassen, nicht wahr, wenn weniger Franzosen in der Stadt wären?«
»Es würde sich sehr viel eher ausführen lassen«, sagte Sharpe trocken, »wenn ich vier Bataillone bester Rotröcke hätte, zwei Batterien mit Neunpfündern und weitere zweihundert Rifles.«
»Einmal angenommen ...«, begann Louisa, dann brach sie ab.
»Fahren Sie fort.«
»Einmal angenommen, die Franzosen würden glauben, Sie seien zu einem Versteck in der Nähe der Stadt marschiert. An einen Ort, wo sie den Tag über warten wollen, um kurz nach Einbruch der Dunkelheit anzugreifen. Und einmal angenommen«, fuhr sie eilig fort, um zu verhindern, dass er sie unterbrach, »die Franzosen wüssten, wo sich dieses Versteck befindet?«
Sharpe zuckte mit den Schultern. »Sie würden natürlich Männer aussenden, um uns abzuschlachten.«
»Und wenn Sie sich nun an einem ganz anderen Ort aufhalten würden«, sagte Louisa nun mit der gleichen Begeisterung, die sie für das Geheimnis der Truhe aufgebracht hatte, »könnten Sie Ihren Angriff durchführen, während sie aus der Stadt heraus sind!«
»Das ist alles reichlich kompliziert«, äußerte Sharpe mit kritischem Wohlwollen.
»Aber einmal angenommen, ich würde ihnen davon erzählen?«
Sharpe schwieg verblüfft. Dann schüttelte er abrupt den Kopf. »Machen Sie sich nicht lächerlich!«
»Nein, im Ernst! Wenn ich nach Santiago ginge«, übertönte Louisa mit erhobener Stimme seinen Protest, »wenn ich dorthin ginge und sagen würde, das sei es, was Sie vorhätten, würde man mir glauben! Ich könnte sagen, dass Sie mich nicht mitnehmen wollten und darauf bestanden hätten, ich müsse allein nach Portugal reisen, ich aber hätte mich lieber auf die Suche nach meiner Tante und meinem Onkel gemacht. Man würde mir glauben!«
»Niemals!« Sharpe wollte diesem Anfall von Wahnsinn ein Ende machen. »Major Vivar hat ihnen diesen Streich bereits einmal gespielt. Er hat das Gerücht verbreitet, er sei mit mir unterwegs, worauf die Franzosen eilig nach Süden gejagt sind. Sie werden nicht noch einmal darauf hereinfallen.« Es tat ihm leid, so viel Enthusiasmus zerstören zu müssen, aber ihre Idee war absolut unbrauchbar. »Selbst wenn Sie den Franzosen mitteilen, dass wir uns irgendwo verstecken, würden sie erst nach Sonnenaufgang Kavallerie aussenden, um uns zu finden. Und dann wäre es zu spät, noch anzugreifen. Wenn es einen Weg gäbe, die Garnison bei Nacht unterzubesetzen ...« Er zuckte mit den Schultern, um anzudeuten, dass es so einen Weg nicht gebe.
»Das war nur so eine Idee.« Louisa starrte kläglich den Fledermäusen nach, die an den Festungsmauern vorbei durch die Nacht flatterten.
»Es war freundlich von Ihnen, dass Sie uns helfen wollten.«
»Ich will in der Tat helfen.«
»Sie helfen mir, indem Sie einfach da sind.« Sharpe versuchte, galant zu sein. Der Wachtposten machte am anderen Ende der Brustwehr kehrt und kam wieder langsam auf sie zu. Sharpe spürte, dass sich das Mädchen nun jeden Augenblick in ihr Gemach zurückziehen würde, und konnte, obwohl das Risiko weiterer Peinlichkeiten bestand, den Augenblick nicht verstreichen lassen, ohne seine schwache Hoffnung zu nähren. »Habe ich Sie vorhin beleidigt?«, fragte er unbeholfen.
»Wie kommen Sie nur darauf? Geschmeichelt bin ich.« Louisa betrachtete die Lichter im tiefen Tal.
»Ich kann nicht glauben, dass wir aus Spanien fliehen.« Wenn das Louisas ganzer Einwand gegen seinen Antrag war, dann war Sharpe entschlossen, ihn zu zerstreuen, nicht weil er wusste, dass die Garnison in Lissabon erhalten bleiben würde, sondern weil er nicht hinnehmen konnte, dass die britische Intervention gescheitert war. »Wir werden bleiben. Die Lissaboner Garnison wird verstärkt werden, und wir werden erneut angreifen!« Er hielt inne, dann wagte er sich näher an den Kern der Dinge vor. »Und beim Heer gibt es Offiziersfrauen. Einige leben in Lissabon, andere bleiben einen Tagesmarsch oder so hinter dem Heer, aber immerhin kommt es vor.«
»Mister Sharpe.« Louisa legte ihm eine behandschuhte Hand auf den Arm. »Geben Sie mir Zeit. Ich weiß, Sie wollen mir sagen, ich solle den Augenblick nutzen, aber ich weiß nicht, ob dieser Augenblick jetzt gekommen ist.«
»Tut mir leid.«
»Es gibt nichts, was Ihnen leidtun müsste.« Sie raffte ihren Mantel um sich. »Darf ich mich jetzt zurückziehen? Ich bin recht müde vom Nähen.«
»Gute Nacht, Miss.«
Kein Mensch auf der Welt, dachte Sharpe, kommt sich so töricht vor wie ein zurückgewiesener Mann, doch er redete sich ein, er sei nicht zurückgewiesen worden. Er sagte sich, dass sie ihm eine Antwort versprochen hatte, nachdem Santiago de Compostela erobert war. Es war seine Ungeduld, die eine frühere Antwort verlangte. Diese Ungeduld würde ihm keine Ruhe lassen und ihn vorantreiben in den Kampf um eine Stadt, von dem er triumphierend oder geschlagen zurückkehren würde, um die Antwort zu erhalten, nach der er sich sehnte.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Im Innenhof der Festung wurde die Messe gelesen, und anschließend traf ein Trupp Reiter aus dem Norden ein: finster dreinblickende, schwer bewaffnete Männer, die Vivar mit argwöhnischer Höflichkeit gegenübertraten. Später erzählte er Sharpe, dass diese Männer rateros seien, Straßenräuber, die ihre Gewalttätigkeit vorübergehend gegen den gemeinsamen Feind zu richten bereit waren.
Die rateros brachten Neuigkeiten von einem französischen Kurier, den sie mit seiner Eskorte vier Tage zuvor samt seiner verschlüsselten Depesche gefangen genommen hatten. Die Depesche sei verloren gegangen, aber man habe ihren Inhalt dem französischen Offizier entlockt, ehe er starb. Der Kaiser sei ungeduldig. Soult habe zu lange gewartet. Portugal müsse fallen, und die Briten, falls sie immer noch in Lissabon herumlungerten, müssten vor Ende Februar vertrieben werden. Marschall Ney solle im Norden bleiben und unter den feindlichen Kräften in den Bergen aufräumen. Es stand also fest, dass es, selbst wenn Vivar gewartet hätte, bis Soult unterwegs war, weiterhin französische Truppen in Santiago de Compostela geben würde.