Seinen Männern zu befehlen, sie sollten nicht schießen, war eine Sache. Man konnte ihnen sagen, dass von einer lautlosen Annäherung ihr Leben abhing, aber in der nebligen Finsternis kurz vor Morgengrauen, wenn das Blut eines Mannes gefror und seine Ängste ihn zugleich schwitzen ließen, konnte bloßes Katzengeheul genügen, um einen Schützen so zu erschrecken, dass er blind in die Nacht feuerte. Ein einziger derartiger Schuss konnte dafür sorgen, dass die Franzosen aus ihren Wachhäusern stolperten.
Daher hatte Sharpe, obwohl sein Zugeständnis in dieser Sache seine Besorgnis vergrößert hatte, die Vernunft von Vivars Ansinnen erkannt und sich bereit erklärt, mit ungeladenen Waffen anzutreten. Somit konnte kein Schuss die Stille der Nacht zerreißen.
Dennoch war es möglich, dass die Franzosen auf sie aufmerksam wurden. Derlei Befürchtungen waren Sharpes unruhige Begleiter auf dem langen und immer zögerlicher verlaufenden Marsch. Vielleicht hatten die Franzosen ihre eigenen Spione in den Bergen, die Vivars Kommen in ähnlicher Weise verrieten, wie die Flüchtlinge Informationen an Vivar weitergegeben hatten. Oder vielleicht hatte de l'Eclin, ein Mann, dessen Rücksichtslosigkeit keine Grenzen kannte, die Wahrheit aus Louisa herausgeprügelt? Vielleicht hatte man Artillerie aus La Coruña geholt, die jetzt, mit Kartätschen geladen, darauf wartete, die jämmerlichen Angreifer zu begrüßen? Noch dazu Angreifer, die müde und durchgefroren waren und keine geladenen Gewehre hatten. Die ersten Momente eines solchen Kampfes wären ein Gemetzel.
Sharpes Befürchtungen keimten weiter auf, und fern von Vivars unverbrüchlicher Fröhlichkeit ließ er zu, dass die Zweifel an ihm nagten. Er durfte diese Zweifel nicht äußern, denn das hieße, das ganze Vertrauen zu zerstören, das seine Männer in seine Führerschaft setzten. Er konnte nur hoffen, dass er die gleiche Zuversicht ausstrahlte wie Patrick Harper, der die letzten Meilen den Hang hinab mit Feuereifer zu bewältigen schien. Einmal, als sie gerade eine feuchte Wiese unterhalb der dunklen Linie eines Kiefernwäldchens überquerten, sprach Harper begeistert davon, wie sehr er sich darauf freute, Miss Louisa wiederzusehen.
»Sie ist ein tapferes Mädel, Sir.«
»Und ein törichtes dazu«, erwiderte Sharpe mürrisch, denn er konnte nicht verwinden, dass man ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatte.
Und doch war Louisa das Gegengift zu Sharpes Befürchtungen, der Trost, der ihn wie ein Leitstern in tiefster Finsternis in Bewegung hielt. Sie war seine ganze Hoffnung, aber gegen diese Hoffnung waren die Dämonen der Angst aufmarschiert. Mit jedem erzwungenen Aufenthalt plagten ihn diese Dämonen schlimmer. Sharpes Führer, ein Schmied aus der Stadt, führte sie auf Umwegen um die Dörfer herum. Außerdem blieb der Mann des Öfteren stehen und schnupperte, als könne er sich allein mit dem Geruchssinn zurechtfinden.
Endlich zufrieden, beschleunigte er seine Schritte. Die Rifles rutschten einen steilen Abhang hinab, erreichten einen Bach, der die Wiesen überflutet und den Talboden in einen Morast aus dünnem Eis und flachem Wasser verwandelt hatte. Am Rande dieses Sumpfs blieb Sharpes Führer stehen. »Agua, Señor.«
»Was will er?«, zischte Sharpe.
»Er redet von Wasser«, antwortete Harper.
»Ich weiß, dass das gottverdammtes Wasser ist.« Sharpe wollte weitergehen, doch der Führer wagte es, den Schützen am Ärmel zu zupfen.
»Agua bendita, Señor!«
»Ach so!« Es war Harper, der ihn verstand. »Er verlangt nach dem Weihwasser, Sir, wahrhaftig.«
Sharpe verfluchte die Idiotie dieses Verlangens. Die Schützen waren spät dran, und dieser Narr forderte ihn auf, einen Morast mit Weihwasser zu beträufeln? »Kommt schon!«
»Sind Sie sicher ...«, hob Harper an.
»Kommt schon!« Sharpes Stimme klang wegen der Ängste, die in ihm brodelten, ungewöhnlich barsch. Dieser gesamte Feldzug war ein Wahnsinn! Doch der Stolz ließ ihn weder umkehren noch Vivars Wassergeistern seine Ehrerbietung erweisen. »Ich habe kein verdammtes Weihwasser!«, knurrte er. »Außerdem handelt es sich um abergläubischen Unsinn, Sergeant, das weißt du selbst am besten.«
»Ich weiß es keineswegs, Sir.«
»Kommt!« Sharpe watete allen voran durch den Bach und fluchte, weil seine zerrissenen Stiefel kaltes Wasser einließen. Die Rifles folgten ihm, ohne den Grund für die kurze Verzögerung am Ufer zu kennen. Am Boden des Tals wirkte der Nebel dichter, und der Führer, der neben Sharpe den Bach durchquert hatte, blieb zögernd am anderen Ufer stehen.
»Beeilung!«, knurrte Sharpe, obwohl das eine sinnlose Mahnung war, denn der Schmied sprach kein Englisch. »Beeilung! Beeilung!«
Der Führer, der nun eindeutig nervös wurde, wies auf einen schmalen Schafspfad, der am gegenüberliegenden Hang nach oben führte. Während er ihn erklomm, wurde Sharpe klar, dass sie der Stadt sehr nahe sein mussten. Sie verriet sich durch den Pestgestank ihrer Straßen, der ihm wie ein Vorgeschmack auf die Schrecken erschien, die auf seine Männer warteten.
Plötzlich bemerkte Sharpe, dass sie das Geklapper und Gerassel der Kavallerie hinter sich gelassen hatten, und wusste, dass Vivar die Cazadores auf ihren Umweg nach Norden geschickt haben musste, der verhindern sollte, dass sie von den französischen Spähern gehört wurden. Die schlecht ausgebildete Infanterie der Freiwilligen musste jetzt zwei- bis dreihundert Schritt hinter Sharpe zurückgeblieben sein. Die Schützen waren allein in vorderster Front und der Stadt des heiligen Jakob inzwischen sehr nahe.
Und sie waren spät dran, denn der Nebel wurde von der ersten Andeutung des Morgengrauens versilbert. Sharpe konnte Harper neben sich erkennen, er sah sogar die Tautropfen am oberen Rand von Harpers Tschako. Seine eigene Kopfbedeckung hatte Sharpe im Kampf um den Bauernhof verloren. Stattdessen trug er jetzt die Feldmütze eines Cazadors. Die Mütze war grün und rot, und Sharpe wurde gepackt von der plötzlichen irrationalen Gewissheit, dass das bunte Tuch seinen Kopf zur Zielscheibe für einen französischen Heckenschützen über ihm am Hang machte. Er riss die Mütze herunter und warf sie in ein Dornengebüsch. Er konnte den eigenen Herzschlag hören. Seine Eingeweide schmerzten, und sein Mund war trocken.
Der Schmied bewegte sich jetzt sehr vorsichtig. Er führte die Schützen über eine holprige Weide und dann in einen Ulmenhain, der auf dem Hügelgrat wuchs. Die kahlen Zweige tropften, und die Nebelschwaden waberten in der Dunkelheit. Sharpe roch ein Feuer, obwohl er es nicht sehen konnte. Er fragte sich, ob es zu einem der französischen Wachtposten gehörte, und der Gedanke an die wartenden Späher veranlasste ihn, sich schrecklich allein und verwundbar zu fühlen.
Der Morgen graute. Dies war der Moment, in dem der Angriff stattfinden sollte. Aber der Nebel verbarg die Wegzeichen, die zu beachten Vivar ihm eingeschärft hatte. Zu seiner Rechten hätte sich eine Kirche befinden müssen, zu seiner Linken die aufragende Stadt, und er hätte nicht auf einer Hügelkuppe stehen dürfen, sondern in einem tiefen Einschnitt, der die Annäherung der Schützen verbergen sollte.
Ohne diese Wegzeichen ging Sharpe davon aus, dass er noch ein Stück zu gehen hatte, dass sie noch in den Einschnitt hinabsteigen mussten. Aber der Schmied blieb unter den Bäumen stehen und bedeutete ihm mithilfe der Zeichensprache, dass links von ihnen die Stadt liege. Sharpe antwortete nicht, und der Führer zupfte wieder am grünen Ärmel des Schützen und zeigte nach links. »Santiago! Santiago!«
»Großer Gott.« Sharpe ging in die Knie.
»Sir?« Harper kniete sich neben ihn.
»Wir sind, verdammt noch mal, am falschen Ort!«
»Gott schütze Irland!« Die Stimme des Sergeants war kaum mehr als ein Flüstern. Als der Führer den Grünjacken keine verständliche Antwort entlocken konnte, verschwand er in der Dunkelheit.