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Sharpe hätte sich seine Worte sparen können, denn wenige Sekunden nach dem Erscheinen der Kavallerie bellten die ersten Musketen. Er fluchte, drehte sich um und sah, dass sich auf den Dächern der Stadt Zivilisten drängten, die allesamt die Franzosen vernichten wollten. Sobald die ersten Schüsse fielen, begannen auch die Männer hinter den Barrikaden zu feuern. Eine mächtige Salve krachte und spuckte Feuer. Rauch stieg auf, verbarg die Flanke der Stadt, und kaum ein Franzose kam zu Fall. Die Entfernung von mehr als dreihundert Yards war viel zu weit. Selbst wenn eine Kugel traf, war es wahrscheinlich, dass ihre Stoßkraft verbraucht war und sie, ohne Schaden anzurichten, von einem dicken Uniformrock oder dem Winterfell eines Pferdes abprallen würde.

Die Reiter rückten nicht weiter vor. Sharpe hielt Ausschau nach der roten Pelisse de l'Eclins, konnte sie jedoch nirgends entdecken. Im Geiste teilte er die Front in Viertel auf und zählte rasch ein Viertel durch, dann multiplizierte er das Ergebnis mit vier und kam auf dreihundert Mann. Dies war nicht die Angriffslinie. Dies war eine Zurschaustellung der Stärke, eine eindrucksvolle Linie, nur dazu gedacht, aller Augen nach Westen zu richten.

»Behaltet den Süden im Auge!«, rief Sharpe seinen Männern zu. »Beobachtet den Süden!«

Die Schüsse aus der Stadt hatten Sergeant Harper veranlasst, von den Häusern heraufzukommen, die an der südlichen Straße standen. Er sah sich die Front der Dragoner an und pfiff. »Ein seltener Haufen Unheil, Sir.«

»Es sind nur dreihundert Mann«, sagte Sharpe ruhig.

»Das soll alles sein?«

Ein französischer Offizier zog seinen Säbel und kanterte vorwärts. Nach wenigen Schritten spornte er sein Pferd zum Galopp an und beschrieb einen Bogen, der ihn bis auf einhundert Yards an die Verteidigungslinie heranführte. Auf den Barrikaden krachten die Musketen, doch er galoppierte unversehrt durch den Geschosshagel. Ein weiterer Offizier machte sich auf den Weg, und Sharpe vermutete, dass die Franzosen vorhatten, die Verteidiger zu reizen, bis der eigentliche Angriff erfolgte.

Hagman spannte den Hahn seiner Büchse, als der zweite französische Offizier sein Tempo erhöhte. »Darf ich dem Halunken eine Lehre erteilen, Sir?«

»Nein. Lass ihn. Das ist nur eine Finte. Die glauben, sie hätten Erfolg, also lass sie ruhig spielen.«

Minuten vergingen. Eine ganze Schwadron von Dragonern trabte vor der Verteidigung auf und ab, um dann verachtungsvoll umzukehren. Ihre Kühnheit löste von den Gebäuden im Westen der Stadt her eine weitere riesige Salve aus. Sharpe sah, wie der Boden vom Einschlag der Kugeln zerfetzt wurde. Die Schüsse der Spanier reichten nicht weit genug. Eine zweite Schwadron trabte mit hochgehaltener Standarte in nördliche Richtung davon. Einige der Franzosen steckten ihre Säbel weg und schossen aus dem Sattel ihre Musketen ab, und jeder französische Schuss provozierte eine sinnlose Salve aus der Stadt.

Ein weiterer Offizier bewies seine Tapferkeit, indem er so dicht an die Befestigungen der Stadt heranritt, wie er es gerade noch wagen konnte. Doch er hatte weniger Glück. Sein Pferd stürzte, Blut und Schlamm spritzten auf. An den Barrikaden kam mächtiges Jubelgeschrei auf, aber der Franzose rannte unversehrt zu seinen Kameraden zurück. Sharpe bewunderte den Mann, ermahnte sich jedoch zugleich, weiter nach Süden Ausschau zu halten.

Im Süden! Von dort würde der Angriff heranrollen. De l'Eclins Abwesenheit im Westen bedeutete, dass der Jäger bei den Männern war, die kriechend die südliche Flanke der Stadt umrundeten. Dessen war sich Sharpe nun sicher. Die Franzosen warteten darauf, dass die Sonne noch niedriger sank und im unebenen Gelände des Südens die Schatten lang wurden. Die Ablenkung im Westen sollte nur dazu dienen, die Nerven der Verteidiger zu strapazieren und das Pulver der Stadt zu vergeuden, aber der eigentliche Angriff würde von Süden her erfolgen.

Sharpe wusste es, und er starrte gebannt in diese Richtung, wo sich auf dem abfallenden Boden nichts regte. Irgendwo dahinter befand sich die südliche Patrouille berittener Cazadores, und der Lieutenant befürchtete, dass die Spanier von den Franzosen überwältigt worden seien. Dort konnten sich siebenhundert Dragoner verbergen. Er spielte mit dem Gedanken, eine Patrouille der Rifles auszusenden, damit sie die schattigen Gefilde erkundeten.

»Sir?« Harper war auf der Hügelkuppe geblieben und rief nun eindringlich nach ihm. »Sir!«

Sharpe wandte sich wieder gen Westen und fluchte.

Eine weitere Schwadron der Dragoner war aus der Senke aufgetaucht. Sie wurde angeführt von einem Reiter, der eine rote Pelisse und eine schwarze Pelzmütze trug. Von einem Reiter auf einem großen schwarzen Pferd. De l'Eclin. Nicht im Süden, wo die Mehrzahl von Sharpes Rifles stationiert war, sondern im Westen, wo der Franzose warten konnte, bis die sinkende Sonne als blendend heller Feuerball in die Augen der Verteidiger strahlte.

»Soll ich die Jungs aus den Gebäuden holen?«, fragte Harper nervös.

»Warte.« Sharpe fand den Gedanken, dass de l'Eclin so schlau war, sich selbst in das Täuschungsmanöver einzubeziehen, sehr einleuchtend.

Die Franzosen warteten. Wenn dies der Hauptangriff war, fragte sich Sharpe, warum kündigten sie ihn dann so offen an? Er blickte wieder gen Süden und sah, wie die Schatten immer dunkler und länger wurden. Er starrte auf die zerfurchte Straße, ließ seinen Blick über die Hecken schweifen. An einer schattigen Stelle bewegte sich etwas, bewegte sich wieder, und Sharpe klatschte triumphierend in die Hände.

»Dort!«

Die Rifles verrenkten sich die Hälse.

»Cazadores, Sir«, sagte Harper mit gedämpfter Stimme, denn er wusste, dass er Sharpes Erwartungen enttäuschen musste.

Sharpe holte sein Fernrohr heraus. Die herannahenden Männer trugen spanische Uniformen, als handelte es sich entweder um die südliche Patrouille, die mit Neuigkeiten kam, oder um einen der Trupps, die nach Südosten gezogen waren, um die Brücke über den Fluss zu zerstören. Oder waren es verkleidete Franzosen?

Sharpe sah sich erneut nach dem französischen Gardeoffizier um, doch de l'Eclin rührte sich nicht. Seine absolute Reglosigkeit hatte etwas sehr Bedrohliches, etwas, das von uneingeschränktem, beängstigendem Selbstvertrauen sprach.

Sharpe klammerte sich hartnäckig an seine Gewissheit. Er wusste, dass seine Männer ihm längst nicht mehr glaubten, dass sie sich darauf vorbereiteten, den Feind zu bekämpfen, der so kühn im Westen aufmarschiert war, doch er konnte seine fixe Idee vom Angriff aus dem Süden einfach nicht aufgeben. Auch wurde er die Überzeugung nicht los, dass de l'Eclin ein zu besonnener Soldat sei, um all seine Hoffnungen auf einen direkten, vorab angekündigten Angriff zu setzen.

Sharpe zog sein Fernrohr aus, um die Reiter in Augenschein zu nehmen, die langsam aus südlicher Richtung herankamen. Er fluchte leise. Das waren tatsächlich Spanier. Er erkannte einen von Vivars Feldwebeln, der einen weißen Backenbart hatte. Der verkrustete Schlamm an den Beinen der Pferde und die Spitzhacken, die an den Sätteln der Cazadores befestigt waren, bewiesen, dass es sich um einen Trupp handelte, der vom Brückenabbruch zurückkehrte.

»Verdammt! Hölle und Verdammnis!« Er hatte sich geirrt, gründlich geirrt! Die Spanier, die sich von Süden näherten, waren soeben unbeschadet durch eine Gegend geritten, in der es nach Sharpes Auffassung von de l'Eclins restlichen siebenhundert Männern wimmeln musste. Er hatte sich verkalkuliert. »Hol die Männer aus den Häusern heraus, Sergeant.«

Harper rannte, erleichtert über diesen Befehl, den Hang hinab, und Sharpe wandte sich mit seinem Fernrohr nach Westen. Während er noch das lange Rohr ausrichtete und die Linsen auf das Bild einstellte, zog Oberst de l'Eclin seinen Säbel, und Sharpe war momentan geblendet von dem Sonnenlicht, das vom gekrümmten Stahl reflektiert wurde.