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Lauras Herz raste. Sie war auf dem Weg zur Toilette stehen geblieben, lehnte an der Wand, neben einem frühen Martin Eder.

«Jetzt bewusst langsam atmen», sagte sie laut, «nicht zulassen, dass es passiert. Es gibt kein Problem, ich bin allein, hier ist kein Zwang, nur atmen muss ich, ein-atmen, aus-atmen, ein und aus, im Rhythmus, langsam, die Atemfunktion stabil halten, bitte. Der Atem funktioniert, ich kann mich auf ihn verlassen. Er hat eine Funktion, die er erfüllt, eine Aufgabe, der er Zug um Zug verlässlich nachkommt. Es atmet von selbst. Es atmet in mir. Von selbst.»

Sie sah hinaus auf die Straße. Über einem Dachgiebel dämmerte das letzte Licht weg. Kaputte Aura, dachte sie. Oder — Aureole? Georg-Trakl-Dämmerung. Eine Streife fuhr langsam vorbei. Es hatte Blitzeis gegeben. Kältegebeugt trippelten die Passanten vorüber, gingen wie durch vermintes Gelände, um nicht zu fallen. Laura nickte. Ein stummer Schmerz glitt durch sie hindurch und weg. Sie schüttelte den Kopf und sagte leise zu sich: «Das gibt es nicht. Das darf es nicht geben.» Sie setzte sich wieder an den Computer. Der Cursor hieß sie zwinkernd willkommen.

Daneben strahlten die Sätze fein aufgereiht und säuberlich ihre Letterngestochenheit aus, hieb- und stichfest, im LCD mit Aktivmatrix, entspiegelt und augenschonend — aber Laura fühlte, dass es sie auseinanderreißen wollte, dass sie die Sätze selbst auseinanderreißen, zerfetzen, entkernen müsste, wenn sie nur den Mut hätte. Die Sätze standen da wie Stangen, wie Gitter ineinander verflochten, brillant vernetzt, solide verstrebt, die Fugen dicht. Ein schönes Argument. Ein makelloses Gefängnis.

Sie legte den Finger wieder auf den Cursor und drückte noch fester, noch entschiedener zu. Ihre Zähne knirschten. Die Flüssigkeit im Monitor schlug bunte flache Wellen wie ein stiller Alarm.

Der Japanischkurs in Bochum war die größte Niederlage in den letzten, an Niederlagen nicht eben armen Monaten gewesen. Japanisch hatte sie kaum, nur die Menschen um sie herum hassen gelernt: vorwitzige, selbstverliebte Bürgerskinder, die nichts konnten, als mit Scherzen wie mit Hochzeitsreis um sich zu werfen, behandschuht, spitzfingrig, prahlerisch. Während dieser Zeit hatten sich die neuen, unbekannten Anfälle vermehrt und verschlimmert. Sie wusste noch nicht, was sie davon halten, wie sie das nennen sollte, Klaustrophobie? Atempanik? Oder einfach — Angst?

In dem kleinen Herbergszimmer, das sie sich mit einer durchgeknallten Geschichtsstudentin geteilt hatte, war ihr das Mobiliar über allem Zeichenmemorieren und MTV-Flimmern mehr und mehr zu einer kalten, feindlichen Mondlandschaft geworden. Um irgendetwas Persönliches, Besitzergreifendes zu tun, hatte sie ihre Monatsblutung nicht aufgefangen und so, in einer betrunkenen Nacht, Laken und Matratze großflächig markiert. Das Personal hatte diskret darüber hinweggesehen und das Bettzeug hurtig gewechselt, als sei nichts geschehen. Laura hatte dann in der nächsten Nacht erneut geblutet, wider den blütenweißen Mief, wie sie dachte.

Auch darauf aber folgte keine Reaktion.

Selbst die Geschichtsstudentin schien nichts bemerkt zu haben. Schließlich hatte Laura wieder MTV geschaut, und Nachmittagstalk dazu, sehr viel lauter als vorher, mit mehr Farbkontrast. Die Sehnsucht nach Thorsten hatte gebrannt in ihr. Gleichzeitig wuchsen die Zweifel.

Bei ihrer Rückkehr, am Hauptbahnhof, zwischen Treppen und Glas, war ihr etwas aufgefallen an Thorsten. Er hatte, wenn auch nur um Nuancen, anders gesprochen und sich anders bewegt als vor ihrer Abwesenheit. Ausgesehen hatte er wie immer: ein Hirsch, mit blondem, dünngescheiteltem, spike-gegeltem Geweih, ein Platzhirsch im dunklen Anzug, dessen stolzer Gang den Schwerpunkt seines Körpers in den Schoß verlegte, phallisch-lokomotorisch warf er die Beine nach vorne, dazu wie immer das Samtlächeln, tiefe Grübchen und äußerst vorteilhafte Kinnspalte.

Aber da war eine ganz neue Härte in seinem Reden gewesen, eine verschärfte Bestimmtheit in seinem Gang, eine Routine im Abhandeln kleiner Sachen, die ihr nicht angenehm war. Die Geschichten, die er erzählte, hatten etwas unerträglich Anekdotisches und Pointensicheres. Er hatte kokett über Leute geplaudert, die sie nicht kannte, ihr immer offensiv und charmant ins Gesicht geblickt, aus seinen engen, blauen Augenschlitzen. Der scheppernde Business-Jargon, der sich in einem begeisterten Redeschwall Bahn brach, war ihr sofort auf die Nerven gegangen. Er war berauscht gewesen, berauscht vom Jargon, berauscht von seinen Ideen und den Ideen der ihr fremden Menschen, einfach enthusiastisch.

Dieser Enthusiasmus nährte ihre Skepsis, er habe vielleicht etwas zu verbergen. Und als er sie gefragt hatte, wie denn ihr Kurs zum Ende hin gewesen sei, noch immer so schlimm? — war ihr diese Frage vorgekommen wie eine Pflichterfüllung.

Und dann hatte er sie tröstend gestreichelt, aber seine Hand klebte wie ein kantiger Fremdkörper auf ihrem Rücken. Sie hatte jedoch mitgespielt. Sie hatte mitgespielt und nun selbst mit lockeren Scherzen wie mit Hochzeitsreis um sich geworfen, nur um nicht nichts zu sagen und ihre Ratlosigkeit nicht zu offenbaren. Auf der Rolltreppe hatte der Reis unter ihren Schuhen geknirscht, und unten in der U-Bahn war sie sich vorgekommen wie ein noch nicht entwickeltes Negativ unter lauter grellen Fotos.

Zu Hause hatten sie dann einen Willkommenssekt getrunken und ausgiebig miteinander geschlafen.

Laura ließ sich ein Bad ein, telefonierte in den Schaumbergen, im Wohnzimmer lief gut sichtbar der Fernseher: Oliver Geißen, Bärbel Schäfer, Arabella Kiesbauer, Penislängen, Vaterschaftstests, der Nutzen des Urins. Stimmen an ihrem Ohr, Stimmen im Raum, alles wie Schaum, der zerknistert, alles wird sofort gelöscht, erlischt von selbst. Laura ließ sich tiefer ins Wasser sinken, zappte, rauchte.

In zwei Stunden wäre Thorsten wieder zu Hause, und nichts hätte sich verändert. Er würde kochen, später gäbe es diesen Ball, zu dem sie eingeladen waren, Adelsgesellschaft, Jet-Set, alles Medieninstallationen, dachte Laura, ohne Hintergrund, Gesichter, nur Gesichter, Image ist alles. Da glitzern die Zähne, redet das Geld. Sie selbst wäre eine Medieninstallation, ein Nadelöhr, durch das Information floss ohne Folgen.

Und vielleicht würden sie vorher Sex haben, wie sonst, wenn die Worte versagten, nein, nicht versagten, einfach erstarrten, wenn die Körper zum Wortersatz wurden, wenn Laura wieder ihren Körper anbieten würde zur Schlichtung, sich ihm hinwerfen würde, sich wegwerfen, einen Teil von sich abspalten, outsourcen und hinhalten, um Nähe zu simulieren. Wenn ein Teil von ihr den Sex genießen würde, wenn sie seine kleinen, harten Pobacken kräftiger heranziehen und gegen sich wuchten würde, während ein anderer Teil von ihr teilnahmslos daläge, sich über die Zusammensetzung des Bundesrates Gedanken machte oder die chemische Formel von Milchsäure memorierte. Wenn das Dröhnen lauter und lauter würde, sie sich in die verzerrten Gesichter blicken würden, die Münder offen und voller nackter Rufe, wenn sie die Stellung wechselten, um sich anders zu fühlen, wenn er käme in einem Spasmus, was sie nicht in sich, sondern nur an ihm spüren würde. Wenn in ihr dennoch keine Gedankenleere heraufzöge, sondern nur noch mehr Gedanken, ein Leerlauf von Gedanken, Abweisungen und Verstellungen. Wenn kein Triebstau sich lösen würde, nur eine bizarre Trance einsetzte und die zitternden Muskeln schließlich in flachen Wellen erschlafften, sie sich gegenseitig den Schweiß wegküssen würden, den Schweiß und die Krämpfe, wenn erste Worte wieder aufkämen.

Sie legte sich ins Bett und genoss die Leichtigkeit des Plumeaus. Vom Badeschaum in die Federn, Paralleluniversen aus Plüsch und Light, in Eierschale und Kobaltblau. Sie versuchte, sich zu dezentrieren, nicht an ihren Atem zu denken, sich zu zerstreuen, schaltete die Musik ein, blätterte in Zeitschriften, ließ VIVA im Hintergrund laufen, stumm und bunt. Es gelang, der Kopf wurde — nicht frei, aber dumpf, unter einem kleinen Summen.