«Nein, nein», sagte Laura.
«Nein?», fragte der Cousin, die Augen fielen ihm fast aus den Höhlen.
«Nein», sagte Laura. «Nur ein Taxi. Ein Taxi, bitte.»
«Holt doch mal Thorsten», sagte der Cousin.
«Nein», sagte Laura, «schon gut. Ich will nur kurz auf Toilette, mich frisch machen, Wasser ins Gesicht, dann geht das wieder, dann geht das wieder.»
Der Cousin wollte sie stützen.
«Lass mich», zischte sie.
Jemand anderes führte sie nach unten, eine Frau. Die Tür zum Garten stand weit offen, dort wurde ebenfalls getrunken und geredet.
«Etwas frische Luft», sagte Laura.
«Ja», sagte die fremde Frau, der Laura noch nicht ins Gesicht gesehen hatte. Sie gingen nach draußen. Lauras Kopf dröhnte. Versprengte Paare standen herum.
«So besser?», fragte die Frau.
«Ja, danke», sagte Laura, atmete flach und hektisch, wie ein Fisch an Land, dachte sie und wollte ihre Hektik verbergen. Langsam beruhigte ihr Atem sich. Die Luft war kalt und scharf und wohltuend. Laura sah der Fremden ins Gesicht, ein hübscher Spitzmäuschenmund, dazu braune, tiefe Augen.
«Ich kenne Thorsten noch von früher», sagte die Fremde, «Anja übrigens.»
«Kennen alle Frauen aus Bonn Thorsten von früher? Kommt mir ganz so vor.»
«Nein, wir kennen uns nicht so. Keine Sorge. Wir kennen uns — einfach so.» Anja kicherte. «Gott, du weißt schon, was ich meine.»
«Ach, und wenn. Die Vergangenheit ist die Vergangenheit.»
«Setzen wir uns? Geht es dir besser? Dieser Idiot da drin hat mich auch schon mal fallen lassen. So ein Volltrottel.»
«Ist okay. So konnte ich ihm wenigstens entfliehen.»
Anja lachte. «Möchtest du noch ein Glas Wasser?»
«Nein», sagte Laura. «Warum bist du hier draußen mit mir?»
«Weil ich es grässlich finde da drin», sagte Anja nüchtern.
«Du musst dich nicht zuständig fühlen.»
«Nein, ich helfe dir gerne. Ehrlich.»
«Schön. Dann lass mich jetzt einfach gehen», sagte Laura.
«Auf keinen Fall», erwiderte Anja.
«Doch, bitte. Mir geht es gut.»
«Aber —»
«Da hinten ist ein Taxi. Ich möchte nur nach Hause. Bitte. So hilfst du mir am besten.»
«Und Thorsten? Der ist doch noch drin. Was ist mit dem?»
«Werden wir sehen. Es war nett, dich kennenzulernen, Anja», sagte Laura. Voller Eile riss sie sich plötzlich los und trippelte zur Straße.
«Aber — was soll ich Thorsten denn sagen?», rief Anja ihr hinterher.
«Dass er meinen Mantel mit nach Hause bringen soll», Laura drehte sich noch einmal um, «der ist noch in der Garderobe!»
«Aber —»
Laura öffnete die Taxitür, winkte. Der Fahrer warf den Motor an.
«Laura! Warte!»
«Mach’s gut! Vielleicht sieht man sich mal wieder.»
«Mach’s gut», sagte Anja und sah dem erlöschenden Taxi-Zeichen hinterher.
Während er Laura auf ihrem Handy zu erreichen versuchte, kämpfte Thorsten entnervt gegen den Schluckauf an. Kein Luftanhalten half, in immer kleineren Intervallen zog sich sein Zwerchfell zusammen. Sein Zorn wuchs. Er wusste, wie lächerlich er aussah, mit hochrotem Kopf und dem Handy am Ohr, während alle fünf Sekunden die Luft aus ihm hochschreckte. Sein Blick verschwamm. Je länger er es klingeln ließ, desto größer wurde sein Zorn. Dann drückte Laura ihn weg. Beim nächsten Versuch meldete sich gleich die Mailbox.
Er ging zum Taxistand.
«Richtung Friedrichshain bitte. Und wenn Sie auf dem Weg an einer Tankstelle halten könnten.»
Von rechts zischte eine Wolke Partynebel auf, die nach verbrannter Erde roch und sein Gesicht sofort umhüllte. Das Weiß war überall und ganz nah, er atmete es. Er sah weder Gegenstände noch Fluchtpunkte, alle Ferne war verschluckt.
Dann wurden wieder Schemen erkennbar. Lichter flogen durch die Luft, ein Blaulicht rotierte an der Decke, und zwei Discokugeln zersplitterten das Helle in tausend Fragmente, die auf der Netzhaut und an den Wänden aufblitzten, verschwanden, aufblitzten, verschwanden. Er starrte auf einen wackelnd sich entfernenden Hintern. Andere Hintern überdeckten ihn, traten an seine Stelle. Ein Goatie-Bart bot ihm ein Lächeln an, das er zu erwidern versuchte. Ein Knäuel von Menschen drückte sich an ihm vorbei, er wurde kurz mitgezogen. Eine Zahnreihe schien auf, eine glitschige Brust drückte gegen seinen Ellbogen. Thorsten wischte sich über die Stirn. Das Knäuel ließ ihn wieder los, und schließlich gelangte er ans Ende des Ganges und musste feststellen, dass die Luft dort, wo es weniger voll war, noch viel schlechter roch. Thorsten lehnte sich an die Wand und nippte an seinem Gin Tonic.
Eine Kamera fuhr durch die in lockeren Abständen gruppierten Menschenformationen, driftete an bunten Synthie-Cocktails und schönen, runden Textilpopos vorbei. Manchmal schwenkte sie auf das ein oder andere Gesicht, das dann gnädig vorbeilächelte in eine Ferne, die nicht da war, oder das Gesicht blickte sehr erstaunt in die grellen Scheinwerfer und riss Augen und Mund auf, sagte etwas wie «wow» oder «hoppla» oder «hallo» oder streckte einfach frech die Zunge heraus.
Es gab so viele Arten, die Zunge zu zeigen, damals. Die freche war die eine. Man setzte dafür ein rotziges Grundschulgesicht auf, grinste fies und kniff die Augen zusammen, hob den Kopf simultan ein wenig an und drückte die Zunge zwischen den schmalen Lippen hervor. Die Schlitzaugen waren nicht obligatorisch. Man konnte sie auch aufreißen oder bloß ganz normal aus der Wäsche schauen. Unbedingt notwendig für das freche Grinsen aber war zum einen das leichte Anheben des Kopfes und zum anderen, dass man diesen Kopf leicht bewegte, am besten ihn langsam schüttelte, wie die Andeutung einer Verneinung. Das erst machte das Zungezeigen richtig frech.
Eine andere Art des Zungezeigens war die ausgeflippte oder manische. Dazu sperrte man Mund und Augen so weit auf, bis das Gesicht sich zu einer einzigen Fratze verzerrte. Gleichzeitig streckte man die Zunge heraus, dass sie das Kinn möglichst verdeckte, wobei es hinten an der Zungenwurzel zu ziehen und zu schmerzen begann. Bisweilen sahen Leute, die ihre Zunge auf diese Weise zur Schau stellten, ganz schön beängstigend aus.
Dann gab es das obszöne Zungezeigen, in all seinen Versionen: etwa, wenn die Zunge langsam, wie eine eindeutige Aufforderung, die Oberlippe entlangleckte, lüstern und verrucht, verbunden mit einem gewissen Schlafzimmerblick; oder wenn die Zunge als erigierte Kurve aus dem Mund herausstand und vor- und zurückwedelte, womit die Stimulation einer Klitoris oder ähnlich hübsche Ferkeleien signalisiert werden sollten; auch das einmalige Lecken in die Luft hinein, mit spitz gebogener Zunge, gehörte in die bizarre Kategorie. Mit diesen Quasi-Obszönitäten wollten vor allem Frauen, Homos und Transen früher einmal schockieren, nun war es mehr ein harmloses Zitat und bedeutete nichts weiter als Party, Let’s go, Spaß.
Dann gab es die dezenteren Methoden. Zum Beispiel streckten manche Leute einfach nur kurz die stumpfe Zungenspitze hervor, um einen Witz zu signalisieren oder einen Affront abzuwehren. Manche ließen die Zunge auch für einen Sekundenbruchteil froschähnlich aus dem Mund schnellen — eine recht diskrete Variante. Meistens verzog der Zungenzeiger dabei keine Miene; wenn doch, war das schon wieder weniger diskret.
Man konnte seine Zunge damals auch unsichtbar zeigen. Zum Beispiel, um im Gespräch einem gerade unbeteiligten, aber vertrauten Dritten eine heimliche Verarschung mitzuteilen. Dann drückte man die Zunge von innen gegen die Backe, und die so entstandene Beule deutete stillschweigend an, dass hier irgendwas nicht ganz ernst zu nehmen sei. Auch konnte man bei geschlossenem Mund die Zunge vor die untere Zahnreihe schieben und mit ihr die Kinnmulde ausbeulen, als Mittelpunkt eines auch sonst bewusst dämlichen Gesichts: Dann fand man wahrscheinlich gerade irgendetwas «sehr spastisch», was ein geblöktes «mä, mä, mä» noch unterstrich. Aber das war ziemlich unreif.