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«Mach dich auf eine Höllenshow gefasst, Taue.» Wieder kam ihm Eriks Blick seltsam vor. Ruhte länger auf ihm als nötig. Schlechtes Gewissen?

«Der Himmel wird lodern. Bengalisch. Höllisch. Dantisch.»

Tippi Hedren tauchte aus dem Nichts hinter Erik auf und stupste ihn an. «Okay, ich komme.» Er zwinkerte Magnus zu. Das ist ein dreifach gezinktes Zeichen, dachte Magnus, schnipste mit den Fingern und zeigte auf ihn.

«Ich muss. Bis gleich, Freund.»

Der Himmel wird lodern? Dantisch?

Fünf Minuten vor zwölf. Draußen grummelte es schon laut. Schüsse hallten. Magnus hatte fünf oder sechs Gläser Champagner getrunken und tänzelte zwischen den Menschengruppen herum, tauchte durch dieses Meer fester Worte. Matte Augen hockten über gesteiften Kragen und glotzten gehemmt die Mitwelt an. Magnus lachte. Come on! Die Gesichter verschwammen schon zusehends. Schulterschlüsse und Umarmungen überall, wie gewohnt, auch Magnus blieb nicht verschont und verbrüderte sich mit fremden, satten Grimassen. Eine Pickelfresse glotzte ihn an, von ganz nah. Seine Beine trugen ihn sicher durch bankettlange Tischreihen. Er wippte mit dem Takt der Musik, «Last night a DJ saved my life». Gleich würden sie Prince auflegen: «1999».

Eine Rakete schoss am Fenster vorbei.

«Komm, Magnus, komm!» Jemand rief.

Vorsätze: Die alten Selbstverständlichkeiten vergessen. Die alten Freunde verloren geben und vielleicht, irgendwann, neu kennenlernen. Nichts mehr erwarten, von niemandem. Die Erwartungen der anderen nur erfüllen, wenn es sich nicht wie ein Verrat anfühlt. Zurück zur Musik driften, immer wieder. Mehr Bier trinken. Bald tanzen. Sich drehen. Tanzen und nicken.

Was Jonna wohl für Vorsätze hatte? Er konnte sie nicht fragen; sie war gar nicht gekommen.

Vorsätze, erster Zusatz: Nicht an Jonna denken.

Rieke sah ihn an. Ihre offenen, warmen Augen funkelten in der Dunkelheit des Gartens schwärzer und kostbarer als ein Stück vergessener Mitternacht. Lichtreflexe durchzuckten ihre Netzhaut.

Null Uhr. Großer Lärm. Der Rhein wurde gegrüßt und befeuert. Das neue Jahr war da.

Näher, und näher. Ein Kuss, auf die Lippen.

Kurz, und wieder gelöst.

Rieke zog gespielt verwegen an ihrer Zigarette. Magnus steckte sich auch eine an und entzündete an der frischen Glut einen Knaller, wartete zwei, drei Sekunden, bis die Zündschnur genügend weit heruntergebrannt war, und warf ihn in hohem, übermütigem Bogen in die Nacht. Zu den anderen Punkten und Sternen, zu den Nadellöchern und Hungermalen des Glücks.

«Come on!», rief er.

Raketen zerschellten am Langen Eugen, zerschnitten den Himmel in abgezirkelte Stücke. Heuler sirrten vorbei. Jetzt fiel die Flut, aus diesem Schatten heraus, in diese künstlichen Sonnen, und verpuffte. Ich sehe das alles, dachte Magnus, ich fühle das alles.

Er legte einen Arm um Rieke. Ständig wurde nachgefeuert. Der Himmel war beschäftigt, zerplatzte voller Lichtsträhnen. Feine Spinnenfüße tippten von innen gegen seine Haut. Magnus schloss die Augen und zog Rieke noch näher an sich, fast krampfhaft, und fühlte sich am Nacken getroffen, während er sie sachte, doch bestimmt bei der Schulter packte und ihr einen langen, innigen, gekonnten Zungenkuss gab.

Gekonnt, dachte er, gekonnt.

Grell gleißte eine rote Lichtspinne über ihnen auf und verglühte im Fall. Kleine Käfer und Augen stürzten in exzentrischen Bahnen mit nach unten, neonfarben, körperlos. Andere Raketen preschten nach, loderten auf, krachten geometrisch auseinander.

Der Himmel war beschäftigt. Die Jugend vorbei.

Ein Kegel rotierte vor ihren Füßen, gelb, blau, rot, weiß.

FÜNFTER TEIL UND RANDWUND

Boys don’t cry

The Cure

Dieser Glocke aus Schweißdunst, Hintergrundmurmeln und Volksmeinung entkommen, aus dem kalten Neonlicht gestürzt. Das Headset abgerissen, zum Klo. Im Großraumbüro stank es nach hundert Leibern und tausend Meinungen. Alles war abgedämpft, wie hinter einem Teppich, der ständig nachgewoben wurde von tickenden Schiffchen und säuselnden Stimmchen. Hände hackten willenlos auf abgegriffene Tastaturen ein, was glasige Augen darüber träge weglasen, ohne sich groß um den Inhalt zu kümmern. Namen schwirrten durch die Teppichluft, unzählige, meist unwichtige Namen, Politiker, Quizmaster, Soapstarlets. Wurden wiederholt wie ungeliebte Mantras, beiläufig heruntergenudelt, vermengten sich zu einem unauflöslichen Brei, der, von Sonntagsfragen, Prozentzahlen und Altersangaben gebunden, automatisch aufquoll, wie jeden Abend.

Wo andere ihre Pause machten, ging Laura immer aufs Klo. Sie machte keine Pause bei der Arbeit, wollte nichts mit den anderen Idioten zu tun haben, die sich an der Fensterfront trafen, dort blöde Äpfel und Stullen aßen und die letzten «Interviews» wiederkäuten. Laura machte nie Pause. Dafür ging sie fünfmal in ihren vier Stunden aufs Klo. Sie schloss sich dann ein in die Kabine, ließ ein paar Tropfen farblosen Urins und atmete. Der Mischgeruch aus Blähung, WC-Stein und Urin war so viel sauberer als der Sud da drinnen im Affenkäfig, dieser dicke Sud aus Studentenausdunst und Zickenparfüm, Mundgeruch und Oberlippenschweiß. Laura setzte sich auf die Klobrille und sog den künstlichen Hygiene-Geruch ein, um das Hirn freizukriegen und den Volksempfänger darin wenigstens für paar Sekunden abzuschalten.

Die Klospülung rauschte. Sie sah durch die Fensterscharte nach draußen, und ihr leerer Blick füllte sich kurz. Das letzte Grau von draußen sickerte herein, zermatscht vom Milchglas, und legte sich als Widerschein auf ihre Hände. Ein dämlicher Silberglanz, dachte Laura, während sie ihre leicht zitternden Finger betrachtete, Scheinheiligkeit, dachte sie, die allein durch die Wunde gebrochen würde. Sie befühlte die Wunde. Die Wunde lag dunkel im Zentrum ihres Handtellers und schien sich gegen das Licht zu immunisieren, indem sie es absorbierte. Oder abstieß? «Der Widerstand der gelben Kristalle», flüsterte Laura und fühlte Genugtuung.

Eigentlich wäre sie längst verheilt. In drei Monaten heilt, unter normalen Umständen, selbst die komplizierteste Wunde, ließe nurmehr eine weißschimmernde Narbe, eine strichförmige Verhärtung zurück, die Schicksals- und Lebenslinie kreuzte. Laura aber hatte das verhindert. Sie wollte keine Narbe. Noch nicht. Drei Tage nach der Verletzung hatte sie die Wunde erstmals aufgerissen, auf einer Party voller dumpf-diffuser Trauer. Seitdem hatte sie jeden zweiten Tag die sich schnell nachbildende Kruste abgekratzt. Den Eiter hatte sie jedes Mal in dasselbe Handtuch geschmiert, sie hatte es bei der Party mitgehen lassen, der Name «Tillmann» war blau in Gelb eingestickt. Auch jetzt hatte sie es dabei. Es war schon ganz verhärtet und steif, das Frottee stand gelb verdreckt ab und schabte hart auf der Haut, wenn man darüberstrich.

Lärm schwappte herein: eine Flut aus Gemurmel, Meinungsfang und Telefonterror. Eine Konkurrentin kam ins Klo, blieb vor dem Spiegel stehen, vielleicht um den Lidstrich nachzuziehen. Die Tür schloss sich wieder und drängte die Stimmen zurück in die Brühe des Meinungsforschungsinstituts. Ohne etwas zu sehen, blickte Laura auf die Milchglasflocken, in denen das matschige Licht klebte. Sie hörte und roch, wie das Mädchen sich mit todsüßem «Opium» einsprühte. Sofort war die Kloluft verpestet. Laura hustete und betätigte nochmals die Klospülung. Dann fuhr sie mit ihrem Fingernagel unter den Wundrand, lockerte die Verbindung von Fleisch und Kruste durch die minimale Hebelwirkung und zog den harten Krustenmantel schließlich mit einem gedankenverlorenen Ruck ab, während die Spülung sich wieder beruhigte. Die Milchglasflocken verschwammen. Lauras Augen brannten, als hätte die Zicke ihr das Ätzparfüm direkt hineingesprüht. Eiter sickerte aus der Wunde, die gelben Kristalle am Wundrand funkelten. Das Mädchen verschwand, Tür auf, Lärm hoch, Tür zu, Lärm runter. Laura drückte das Handtuch auf die Wunde und sagte etwas oder seufzte. Es klang, als hätte sie einen Motorradhelm auf.