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Wie üblich führten die Stummen uns zu ihr, und nachdem sie sich zurückgezogen hatten, entschleierte sich Ayesha und forderte Leo wiederum auf, sie zu umarmen, was er, trotz seiner Selbstvorwürfe am vorherigen Abend, mit mehr Eifer und Inbrunst tat, als die Höflichkeit erfordert hätte.

Sie legte ihre weiße Hand auf seinen Kopf und sah ihn zärtlich an. »Sicherlich möchtest du wissen, mein Kallikrates«, sagte sie, »wann wir einander ganz angehören werden? Ich will's dir sagen. Zuerst mußt du sein wie ich - nicht unsterblich, denn das bin ich nicht, doch so gefeit und gepanzert gegen die Angriffe der Zeit, daß ihre Pfeile von deines Lebens Rüstung abprallen wie die Strahlen der Sonne vom Wasser. Noch können wir uns nicht verbinden, denn wir sind allzu verschieden, und allein der Glanz meines Wesens würde dich verbrennen, ja vielleicht gar zerstören. Nicht einmal ansehen darfst du mich allzu lange, denn deine Augen würden schmerzen und deine Sinne schwinden. Deshalb«, dies mit einem leisen Nicken, »will ich mich sogleich wieder verschleiern.« Sie tat es jedoch nicht und fuhr fort: »Nein, höre, ich will deine Geduld nicht auf eine allzu harte Probe stellen. Noch heute abend, eine Stunde vor Sonnenuntergang, werden wir aufbrechen und, wenn alles gut geht und ich nicht den Weg verfehle, was, wie ich inbrünstig hoffe, nicht geschehen wird, morgen noch vor Einbruch der Dunkelheit am Platz des Lebens sein. Dort wirst du in dem Feuer baden und stark und schön, wie noch kein Mann vor dir, daraus hervortreten, und dann, Kallikrates, darfst du mich dein Weib und ich dich meinen Gatten nennen.«

Als Antwort auf diese erstaunliche Mitteilung murmelte Leo irgend etwas, das ich nicht verstand, doch sie lachte nur leise über seine Verwirrung und fuhr fort:

»Auch du, o Holly, wirst dieser Gunst teilhaftig werden und danach ein wahrhaft immergrüner Baum sein, denn du gefällst mir, Holly, weil du kein ganzer Tor bist wie die meisten Menschensöhne und weil du, obgleich deine Philosophie genauso töricht ist wie die der Weisen früherer Zeiten, dennoch nicht versäumt hast, einer Dame hübsche Schmeicheleien über ihre Augen zu sagen.«

»Holla, alter Junge!« flüsterte Leo mit einem Anflug von Humor mir zu, »hast du ihr Komplimente gemacht? Das hätte ich nie von dir gedacht!«

»Ich danke dir, Ayesha«, erwiderte ich so würdevoll wie möglich, »doch wenn es so einen Platz gibt, wie du ihn beschreibst, und wenn es an diesem seltsamen Platz eine feurige Kraft gibt, die den Tod fernzuhalten vermag, so möchte ich dennoch nichts davon wissen. Mir, o Ayesha, ist die Erde kein so weiches Nest gewesen, daß ich ewig darin liegen möchte. Eine Mutter mit einem Herzen von Stein ist unsere Erde, und Steine sind das tägliche Brot, das sie ihren Kindern gibt. Steine zum Essen und bitteres Wasser zum Trinken und Schläge zur Erziehung. Wer möchte das schon viele Leben lang ertragen? Wer möchte sich seinen Rücken volladen mit Erinnerungen an verlorene Stunden und Lieben, mit dem Kummer seines Nachbarn, den er nicht lindern kann, mit Wissen, das keinen Trost bringt? Das Sterben ist schwer, denn unser schwaches Fleisch zuckt zurück vor dem Wurm, den es gleichwohl nicht fühlen wird, und vor dem Unbekannten, das das Leichentuch unserem Blick verhüllt. Doch schlimmer noch muß es sein weiterzuleben, äußerlich schön und grün belaubt, doch im Kern tot und verrottet, und den Wurm der Erinnerung am Herzen nagen zu fühlen.«

»Überlege es dir gut, Holly«, sagte sie; »bedenke, daß langes Leben und Kraft und strahlende Schönheit Macht bedeuten und alles, was dem Menschen sonst noch teuer ist.«

»Und was, o Königin«, antwortete ich, »sind diese dem Menschen teuren Dinge? Sind sie nicht nur Seifenblasen? Ist der Ehrgeiz nicht nur eine endlose Lei-ter, die niemals höher führt, solange man die letzte unerreichbare Sprosse nicht bestiegen hat? Denn jeder Höhe folgt eine andere; kein Ausruhen gibt es auf dieser Leiter, und ihre Sprossen sind ohne Zahl. Ist man des Reichtums nicht bald satt und überdrüssig, so daß er einen nicht mehr freut; läßt sich mit ihm auch nur eine Stunde des Seelenfriedens erkaufen? Und gibt es eine vollkommene Weisheit, die zu erlangen wir hoffen dürfen? Erkennen wir nicht, je mehr wir lernen, nur um so mehr unsere Unwissenheit? Könnten wir, selbst wenn wir zehntausend Jahre lebten, hoffen, die Geheimnisse der Sonne und des Raumes jenseits der Sonnen und der Hand, die sie dorthin hängte, zu ergründen? Gliche unsere Weisheit nicht einem quälenden Hunger, wären wir uns nicht Tag für Tag des unstillbaren Verlangens unserer Seelen bewußt? Wäre sie nicht wie eine Lampe in einer dieser großen Höhlen, die, so hell sie brennt, dennoch nur die Tiefe des umliegenden Dunkels zeigt? Und was für Gutes gibt es sonst noch, das wir durch ein langes Leben erreichen könnten?«

»Nun, mein Holly, die Liebe - die Liebe, die alles verschönt und sogar dem Staub, auf dem wir wandeln, Göttlichkeit einhaucht. Mit Liebe fließt das Leben herrlich von Jahr zu Jahr dahin wie der Klang großer Musik, die des Zuhörenden Herz wie auf Adlerschwingen hinwegträgt über irdische Schmach und Torheit.«

»Mag sein«, erwiderte ich; »doch wenn das geliebte Wesen sich als gebrochenes Rohr erweist, das unser Herz durchbohrt, oder wenn man vergeblich liebt -was dann? Nein, o Ayesha, ich will die mir zugemessene Zeit leben, mit meiner Generation altern, den mir bestimmten Tod sterben und vergessen werden. Denn ich hoffe auf eine Unsterblichkeit, der gegenüber die kleine Spanne Zeit, die du mir vielleicht schenken kannst, nur wie die Länge eines Fingers gegen die Maße der großen Welt sein wird; und merke! die Unsterblichkeit, die meiner harrt, die mein Glaube mir verheißt, wird frei sein von den Banden, die hier meinen Geist fesseln. Denn solange das Fleisch besteht, müssen auch Sorgen und Leid und die Skorpi-onenstiche der Sünde bestehen; nur wenn das Fleisch von uns abfällt, wird der Geist, erfüllt von der Klarheit des ewig Guten, erstrahlen und einen so raren Äther edelster Gedanken atmen, daß der größte menschliche Ehrgeiz, der reinste Weihrauch eines jungfräulichen Gebetes zu grob wären, davor zu bestehen.«

»Du blickst hoch hinauf«, sagte Ayesha leise lachend, »und du sprichst klar wie eine Trompete und ohne das leiseste Schwanken. Doch hast du nicht soeben erst von jenem >Unbekannten< gesprochen, das ein Leichentuch unserem Blick entzieht? Vielleicht siehst du nur mit den Augen des Glaubens, erblickst diese künftige Herrlichkeit durch das bunte Glas deiner Phantasie. Gar seltsam sind die Zukunftsbilder, welche die Menschheit sich mit dem Pinsel des Glaubens und den schillernden Farben der Phantasie malt! Seltsam auch, daß keines davon einem anderen gleicht! Ich könnte dir sagen - doch was würde es frommen -, warum einem Narren seine Schellenkappe rauben? Sprechen wir nicht mehr darüber; ich wünsche nur, o Holly, du wirst es, wenn du das Alter langsam nahen fühlst und das Greisentum deine Sinne verwirrt, nicht bitterlich bereuen, daß du die königliche Gabe, die ich dir anbot, von dir wiesest. Doch so war es schon immer; der Mensch ist nie zufrieden mit dem, was seine Hand pflücken kann. Hat er eine Lampe, im Dunkel ihm zu leuchten, so wirft er sie fort, weil sie kein Stern ist. Das Glück tanzt stets einen Schritt vor ihm her wie die Irrlichter in den Sümpfen, und er muß das Feuer fangen, muß den Stern erheischen! Schönheit ist ihm nichts, denn es gibt noch honigsüßere Lippen; und Reichtum hält er für Armut, weil andere noch mehr Geld besitzen; und Ruhm gilt ihm nichts, weil es noch größere Männer als ihn gegeben hat. Du selbst hast es gesagt, und ich halte dir deine eigenen Worte vor. Wohlan, du träumst, daß du den Stern pflücken wirst. Ich glaube es nicht, und ich heiße dich einen Toren, o Holly, weil du die Lampe fortwirfst.«

Ich schwieg, denn Leos wegen konnte ich ihr nicht sagen, daß ich ihr Gesicht, seit ich es gesehen hatte, nie vergessen würde und daß ich nicht den Wunsch hatte, ein Leben zu verlängern, das stets von der Erinnerung an sie und von der Bitternis unerfüllter Liebe vergiftet sein würde. Doch so war es, und so ist es, ach, bis zu dieser Stunde!