In der Truhe lagen Decken und Tücher, so bot sie ein ganz bequemes Versteck. Ich drückte das lockere Holz aus einem Astloch heraus und konnte auf diese Weise nun sehr gut sehen, was im Raum vorging. Ich suchte mir eine gute Position mit meinem grünen Auge dicht am Loch und war fest entschlossen, genau zu beobachten, wie Benedict sein Wunder vollbrachte. Der Tote, ein alter Mann, lag direkt vor mir auf einem Tisch. Nun wurden Benedict und Juno von zwei schwarz gekleideten jungen Männern hereingeführt. Ihnen folgte eine ältere Frau, ebenfalls in Trauerkleidung. Nach den dunklen Brauen und den weit auseinanderliegenden Augen der drei Personen zu urteilen, waren sie Mutter und Söhne. Sie schienen ganz guter Dinge zu sein, wenn man die Umstände bedachte, und lachten und scherzten sogar ein wenig. Trauer wirkt sich bei jedem Menschen anders aus, so viel hatte ich bei Mr Gaufridus gelernt, aber irgendetwas an diesem Trio war mir unangenehm. Ich hatte das Gefühl, dass hier nichts so war, wie es schien.
Zuerst lief alles so ab wie erwartet. Benedict und Juno nahmen ihre Plätze ein. Sie hatten glänzende Oberlippen von der Salbe, die sie daraufgestrichen hatten. Und bald drang der Duft von Junos Mittel in dem Fläschchen bis in mein Versteck herein, wenn auch nur sehr, sehr schwach. Weil ich auf alle Fälle einen klaren Kopf behalten wollte, band ich mir ein leinenes Tuch um Mund und Nase und war von der hemmenden Wirkung angenehm überrascht. Junos Duftmittel zum Rufen der Toten hatte ich schon immer übermäßig süß gefunden. Benedict hob die Arme und begann seine mir inzwischen vertraute Rede. Ich muss sagen, sie spielten ihre Rollen gut, die beiden. Benedicts Gewand und seine Haltung gaben ihm etwas beinah Königliches, und Junos ruhige Bewegungen verliehen dem Anlass die entsprechende Würde und Feierlichkeit.
Ich beobachtete das Trio der Zuschauer und fand, dass sie weniger nervös als vielmehr ungewöhnlich gespannt auf den Beginn des Ganzen zu warten schienen. Benedict beendete seinen magischen Sprechgesang und ich wartete ungeduldig auf die Wirkung. Die Jungen und ihre Mutter schienen ganz fasziniert von ihrem toten Vater und Ehemann, doch zu meiner Überraschung rührte sich die Leiche nicht. Benedict sah aus, als wollte er eben etwas sagen, doch bevor er dazu kam, sprang der kleinere der beiden jungen Kerle vor, packte seinen Vater grob bei den Schultern und fing an, ihn zu schütteln.
»Wo ist es, du gemeiner alter Bock?«, fragte er schroff. »Sag schon, wo du’s versteckt hast!«
Juno und Benedict wechselten entsetzte Blicke, und dann hörte ich Juno ganz deutlich sagen: »Was meint Ihr?«
»Das Geld«, sagte der zweite Sohn und sah sie nicht einmal an. »Unser Erbe.« Er trat an den Tisch und gab dem Toten ebenfalls einen derben Stoß.
»Ich weiß nicht, wovon Ihr redet«, sagte Juno entschieden.
Ich dagegen wurde allmählich unruhig. Die zwei Söhne wurden zunehmend brutaler, und ihr Vater sah inzwischen ziemlich unordentlich aus. Sein Haar, zuvor gekämmt und eingeölt, war jetzt völlig zerzaust, und Kragen und Krawatte hatten sich gelöst. Ein Arm hing über die Tischkante herunter. Mr Gaufridus wäre schrecklich aufgebracht gewesen, einen seiner geschätzten Kunden in derartiger Verfassung zu sehen, und mit »Kunden« meine ich den Toten. Mir war schon früh aufgefallen, dass Mr Gaufridus sich viel mehr Zeit für die Toten als für die Lebenden nahm. Ich persönlich hatte noch nie einen so offenen Wutausbruch gegen einen Menschen erlebt, ob tot oder lebendig.
Schließlich schritt Benedict ein. »Bitte, meine Herrn«, sagte er fest, »ich muss Euch bitten, dieses Verhalten zu unterlassen. So geht das nicht …«
»Zurück, Alter!«, sagte der erste Sohn, während er nach dem Jackenkragen seines Vaters griff und noch einmal fordernd rief: »Sag schon, wo’s ist!«
Aber der Tote schwieg hartnäckig.
»Warum will er es uns nicht sagen?«, fragte die Mutter, und ihr Ton klang merkwürdig drohend für ein so gebrechlich wirkendes Wesen. Sie trat einen Schritt auf Benedict zu und richtete vorwurfsvoll den Finger auf ihn. »Habt Ihr nicht gesagt, Tote müssen die Wahrheit sprechen?«
»Ja, ich weiß«, sagte Benedict. »Aber so darf man nicht mit ihnen umgehen. Die Toten muss man achten.«
»Die Toten achten?«, kreischte sie. »Hier liegt irgendwo ein Vermögen in Goldstücken versteckt, und dieser geizige Schuft ist gestorben, ohne uns zu sagen, wo! Und das ist alles, was Ihr dazu sagen könnt?«
Inzwischen galt Benedicts Sorge weniger dem Toten als den Lebenden, speziell sich selbst und Juno, die ihn nachdrücklich am Arm zog.
»Komm, wir gehen«, drängte sie flüsternd. »Sofort!«
Ich beobachtete mit zunehmendem Schrecken, wie die beiden aus dem Zimmer eilten.
»Durchtriebenes Südstadtpack!«, schrie die Mutter und rannte hinter ihnen her zur Tür. »Ich wusste gleich, dass man euch nicht trauen kann. Glaubt bloß nicht, dafür werdet ihr auch noch bezahlt! Wir könnten euch wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen verklagen!«
Wie gern hätte ich mich ebenfalls davongemacht! Stattdessen lag ich halb tot vor Angst in dieser Truhe. Die beiden Söhne hatten anscheinend begriffen, dass sie auch durch noch so heftiges Schütteln nichts über das Goldversteck in Erfahrung bringen würden. Sie traten zurück und fingen über ihren zerzausten Vater hinweg zu streiten an.
»Wusste ja gleich, dass es nicht funktionieren würde!«
»Aber es war doch deine Idee!«
»Was!«
Wie zu erwarten, kam es nun zu Handgreiflichkeiten, und ich konnte weiter nichts tun als abwarten. Die Brüder prügelten sich eine Ewigkeit, so kam es mir zumindest vor. Einmal kullerten sie gegen die Truhe und schoben sie dadurch weiter nach hinten. Sie waren unfaire Kämpfer, zogen sich gegenseitig an den Haaren, verteilten Schläge unter die Gürtellinie und schüttelten einander auf übelste Weise. Als ich schon dachte, jetzt käme es gleich zu Blutvergießen, zog ihre Mutter sie endlich auseinander und verpasste dabei jedem eine schallende Ohrfeige. Schließlich verließ das Trio unverrichteter Dinge den Raum.
Ich weiß nicht, wie lange ich noch in dieser Truhe liegen blieb, wie gelähmt vor Angst, sie könnten zurückkommen. Als ich endlich den Mut aufbrachte, mein Versteck zu verlassen, schoss ich die Treppe hinauf wie ein Stein aus einer Schleuder und rannte, bis ich in der Squid’s Gate Alley war. Ich war maßlos enttäuscht von dem ganzen Unterfangen und bei der Lösung des Rätsels hatte es mich um keinen Schritt weitergebracht.
Kapitel 30
Mit seinen Wünschen muss man sorgsam umgehen
Gleich am nächsten Abend stand Pin wieder vor Junos Tür.
Von draußen trug der Wind das Gelächter der Leute auf dem zugefrorenen Foedus herein. Wenigstens einen Vorteil hat die Sache, dachte Pin trübsinnig. Wenn der Fluss zugefroren ist, haben wir nicht unter seinem Gestank zu leiden. Er hatte sich erstaunlich gut von seinen kürzlich erlebten Abenteuern erholt, dem allgemein bekannten – sein Entkommen vor dem Silberapfel-Mörder – und dem geheimen – seine qualvolle Zeit in der Leinentruhe.
Er klopfte, aber es kam keine Antwort. Die Tür stand ein wenig offen, deshalb linste er vorsichtig hinein, mehr oder weniger in der Erwartung, dass Juno auf ihrem Bett läge und schliefe. Aber es zeigte sich schnell, dass niemand da war. Nicht einmal das Feuer brannte. Pin roch ihren Duft im Zimmer und sog ihn tief ein. Es war wohltuend, er dachte an all die anderen Gerüche, und auf einmal packte ihn der Wunsch, den Duft von Junos Kräutern einzuatmen. Unter ihrem Bett konnte er den Koffer sehen.
»Eigentlich dürfte ich nicht«, sagte er halbherzig, »aber ich glaube, sie wird dieses eine Mal nichts dagegen haben.«
Pin kniete sich hin und zog den Koffer hervor, ständig in dem Bewusstsein, dass Juno jeden Augenblick hereinkommen könnte. Er klappte den Deckel auf und untersuchte die verschiedenen Beutel voll duftender Inhalte, all die ordentlich eingeräumten Mittelchen und Salben. Was war nun was? Wie oft hatte er ihr zugesehen, wenn sie mit Stößel und Mörser umging, doch jetzt konnte er sich nicht mehr erinnern. Er würde die Sachen an ihrem Geruch erkennen müssen, allerdings entströmte dem Koffer eine derart überwältigende Duftwolke, dass seine Nase streikte. In einer Seitentasche steckte das schmale tropfenförmige Fläschchen, aber es war praktisch leer. Aus Neugier zog er den Stöpsel heraus und hielt sich das Fläschchen unter die Nase. Das wunderbare, doch unglaublich intensive Aroma ließ ihn jäh zurückfahren.