»Aber was für Leute waren das?«
»Verbrecher, einer wie der andere«, antwortete Aluph nüchtern. »Entweder am Galgen gehängt oder umgekommen im Irongate-Gefängnis.«
»Ach so, natürlich«, sagte Pin. Dass die Anatomieschule die Leichen von Kriminellen benutzen durfte, um Studenten und anderen Mitgliedern des medizinischen Berufsstandes ärztliche Fähigkeiten (beziehungsweise Unfähigkeiten) vorzuführen, war in der Stadt allgemein bekannt.
Pin, der inzwischen so neugierig geworden war, dass er vortrat und einen der Schädel anfasste, fragte: »Aber was macht Ihr mit ihnen?«
»Nun«, sagte Aluph, »du weißt ja, dass ich mich mit der Wissenschaft der Schädelvermessung beschäftige. Ich kenne jeden Zentimeter von jedem dieser Schädel. Du kannst mich testen, wenn du willst.«
Pin brachte ein Lachen zustande. »Also gut, dann schließt die Augen.« Aluph gehorchte und Pin nahm einen der Totenschädel vom Regal und legte ihn in seine ausgestreckten Hände. Aluph betastete den glatten Knochen und bestimmte ihn fast augenblicklich als den siebten von links, was Pin nur bestätigen konnte. Dieses Kunststück wiederholte er nicht weniger als vier Mal mit gleicher Sicherheit und Präzision.
»Erstaunlich«, sagte Pin, und Aluph verbeugte sich.
»Und was bedeutet das hier?« Pin nahm den letzten und größten Schädel herunter. Die Oberfläche war mit schwarzer Tinte in verschiedene Felder unterteilt und jedes einzelne mit einem Buchstaben gekennzeichnet.
»Ah ja«, sagte Aluph, »diese Buchstaben bezeichnen den Sitz der verschiedenen Charaktereigenschaften eines Menschen. Fühl mal!« Er gab ihm einen Schädel und Pin fuhr mit den Fingern über das mit D gekennzeichnete Feld.
»Und nun fühl den hier«, sagte Aluph und gab ihm einen anderen.
»Oh!«, rief Pin überrascht. »Hier ist eine der Erhöhungen viel ausgeprägter als die anderen! Und was bedeutet dieser Buchstabe hier?« Er zeigte auf ein X.
»Reizbarkeit«, sagte Aluph. »Vereinfacht ausgedrückt: Man kann annehmen, dass der Eigentümer dieses Schädels ziemlich schnell in Wut geriet.«
»Vielleicht war das der Grund, weshalb er in solche Schwierigkeiten geraten ist«, meinte Pin.
»Genau«, sagte Aluph. »Siehst du, und um jeden Unterschied in der Topografie des menschlichen Schädels aufzuzeigen, möchte ich eine Sammlung anlegen. Ich weiß, dass manche über mich lachen, und vielleicht nutze ich ja tatsächlich die Dummheit der Reichen aus …«
»Nicht mehr, als sie es verdienen«, unterbrach Pin ihn spontan.
Aluph dankte für dieses Verständnis mit einem Lächeln und fuhr fort: »Aber es ist nun mal mein Lebensunterhalt und dafür entschuldige ich mich auch nicht. Außerdem hat die Sache eine durchaus ernst zu nehmende Seite. Stell dir doch nur vor: Wenn ich bereits in der Kindheit der Menschen ihre verborgenen Neigungen voraussagen könnte, wäre es mir vielleicht möglich, den einen oder anderen vor sich selbst zu retten.« Ein verschleierter Blick trat in Aluphs Augen und in diesem Moment sah Pin ihn in einem anderen Licht.
»Ihr meint, wenn Ihr feststellen könntet, dass ein Mensch schlechte Eigenschaften entwickeln wird, dann könntet Ihr ihn vielleicht ändern?«
Aluph lächelte wehmütig. »Ja, das ist meine Absicht.«
Lange und konzentriert blickte Pin auf die Reihe der Schädel. »Kennt Ihr die Verbrechen, die diese Leute begangen haben?«
»Leider, leider nicht«, sagte Aluph. »Es wäre so interessant zu sehen, wie ein bestimmter Schädel dem jeweiligen Verbrechen entspricht! – Aber ich habe dich nicht gerufen, um mit dir über Schädel zu sprechen.« Behutsam stellte er sie alle auf ihren Platz zurück und drehte dabei jeden einzelnen so, dass sie genau in dieselbe Richtung schauten. »Ich wollte dir eigentlich das hier zeigen.«
Er legte ein Stück Papier auf den Tisch und strich es glatt. Der Zettel war mit verschiedenen Schrifttypen in unterschiedlicher Größe bedruckt; außerdem gab es eine kleine, doch detailliert gezeichnete Skizze.
Pin blieb fast die Luft weg. »Oh Gott, das ist der Stock, der einen springen lässt!«
Kapitel 32
Pins Tagebuch
Was ist dieser Aluph für ein faszinierender Mann! Heute Abend hat er mir in seinem Zimmer eine sehr interessante Idee vorgestellt, nämlich: Wenn sich der Charakter eines Menschen aus den Erhöhungen und Vertiefungen in seinem Schädel erkennen ließe, könnte man seinen Lebensweg vielleicht positiv beeinflussen. Im Prinzip fand ich diese Vorstellung ganz großartig, nur gab ich zu bedenken, dass sich der Betreffende möglicherweise gar nicht von seiner schiefen Bahn abbringen lassen wolle, dass er es vielleicht sogar vorziehe, ein Verbrecher zu sein. Darüber dachte Aluph eine Weile nach und gab dann anstandslos zu, dass seine Theorie durchaus nicht ohne Widersprüche sei. In einem solchen Fall, stellte er abschließend fest, müsse der Betreffende auf der Stelle eingesperrt werden, zu seinem eigenen Wohl und dem der anderen. Ich muss sagen, falls Aluphs Behauptung richtig wäre, würde Urbs Umida ein insgesamt besserer Ort werden – obwohl dann vielleicht mehr Gefängnisse nötig wären.
Aluph scheint schon immer unzufrieden mit der Art, wie er seine Tage zubringt, und jetzt verstehe ich auch, warum: Diese ganze »Schädelleserei« bei irgendwelchen vergnügungssüchtigen Damen langweilt ihn. Denn eigentlich würde er sich viel lieber mit seinen wissenschaftlichen Theorien befassen. Aber wir müssen alle unser Geld verdienen. Ich habe ihm versichert, dass er diesen feinen Dämchen genau das gibt, was sie sich wünschen. Was konnte falsch daran sein? Aber Aluphs Schädelsammlung war noch nicht der interessanteste Teil des Abends. Er zeigte mir außerdem eine höchst sonderbare Anzeige aus dem »Chronicle«, in der es um eine neue Erfindung ging, den sogenannten Funkenstock. Und dann, als ich dachte, nun könnte mich wirklich nichts mehr überraschen, holte er einen solchen Stock aus dem Schrank!
»Ich habe ihn erst vor Kurzem gekauft, und zwar aus mehreren Gründen«, erzählte er. »Unter anderem dachte ich, er könnte mir vielleicht einen gewissen Schutz auf der Straße bieten, jetzt, wo draußen dieser Mörder herumläuft.«
Dieser Stock war wirklich ein beeindruckender Gegenstand. Auf den ersten Blick sah er aus wie ein Spazierstock mit Metallspitze, vielleicht Messing. Am anderen Ende aber hatte er etliche ineinandergreifende kleine Zahnräder. An diesen Rädchen war ein Griff befestigt, und es schien, als würde er, wenn man ihn drehte, ein kleines Glasplättchen ins Rotieren bringen. Als Aluph den Griff bewegte, setzte ein so unheilvolles Schwirren ein, dass mir das Blut in den Adern gefror.
»Das ist genau das Geräusch, das ich gehört habe!«, sagte ich. »Unmittelbar bevor mich der Silberapfel-Mörder gestoßen hat.«
Wir sahen zu, wie sich die Räder schneller und schneller drehten und allmählich Funken stoben.
»Dieses Schwirren verursacht eine Art Kraftfeld«, erklärte Aluph. »Man kann es nicht sehen, aber wenn man gleichzeitig in Kontakt mit der Metallspitze kommt … Nun, du weißt ja, was dann passiert.«
Das wusste ich allerdings, ich hatte noch immer ein Brandmal als Beweis auf der Brust.
»Die Kraft ist erstaunlich stark«, sagte Aluph, »sogar schon nach wenigen Umdrehungen.«
Für eine ganze Weile schwiegen wir. Wir wussten jetzt, wie der Mörder seine Verbrechen beging, aber wer er war und warum er das tat, wussten wir immer noch nicht. Ich musste an den Augenblick denken, als der Fremde aus dem Nebel getreten und mir zu Hilfe gekommen war. Als ich damals seinen Stock gesehen hatte, war mir das als ein Zeichen von Schwäche erschienen. Was für ein Irrtum!