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»Ungeachtet möglicher Folgen«, meinte Aluph schließlich, »finde ich, dass wir diese Information an Wachtmeister Coggley weitergeben müssen. Ich habe heute Abend schon einen anderen Termin, aber auf dem Heimweg werde ich unserem lieben Wachtmeister einen Besuch abstatten.«

Danach wünschte ich Aluph eine gute Nacht und verließ sein Zimmer, schaudernd vor Erregung. Ich ging direkt zu Juno, weil ich ihr unbedingt erzählen wollte, was ich gesehen und erfahren hatte. Aber niemand öffnete, und so stieg ich in meine Kammer hinauf, in der Hoffnung, sie käme zurück, bevor ich aufbrechen müsste.

Der Abend verstrich langsam. Tief in Gedanken saß ich am Feuer und ließ mir die Ereignisse der letzten Tage durch den Kopf gehen. Meine verhängnisvolle Begegnung mit dem Silberapfel-Mörder stand dabei immer noch an erster Stelle, aber auch wenn ich bei der Erinnerung daran fröstelte – ein Gutes hatte die Sache doch gehabt: Ich wusste jetzt mit Sicherheit, dass der Silberapfel-Mörder nicht mein Vater war. Abgesehen von der Tatsache, dass es undenkbar für ihn wäre, mich, seinen eigenen Sohn, zu töten, war da auch noch seine Größe: Der Silberapfel-Mörder war um mindestens zwanzig Zentimeter kleiner als mein Vater! Außerdem grübelte ich noch über meinen Einbruch in Junos Koffer und die verstörende Wirkung ihrer Mittelchen. Ich beschloss am Ende, nie wieder an ihren Fläschchen zu schnüffeln.

In der Wärme des Zimmers fielen mir allmählich die Augen zu und ich versank wehrlos in einem Traum voller grinsender Totenköpfe und tiefem Schnee, mit Gräbern und Flaschen und Stöcken mit kleinen Zahnrädern.

Ruckartig fuhr ich auf. Wie lange hatte ich geschlafen? Der Geruch, der in mein Zimmer drang, sagte mir, dass Juno zurück war. Ich nahm Mantel und Mütze und ging hinunter.

»Juno«, flüsterte ich und klopfte an ihre Tür. »Ich weiß, dass du da bist. Lass mich rein, es ist wichtig.«

Lange blieb es still, doch dann wurde langsam die Tür geöffnet und Juno sah verschlafen heraus.

»Ach, du bist’s.« Sie wich zurück und ich trat ein. Dichter Nebel hing in ihrem Zimmer und mit einem Schlag stand mir wieder vor Augen, was ich heute Nachmittag hier getan hatte. Aber für Geständnisse war jetzt nicht die Zeit.

»Teufel auch! Was ist denn bei dir los?«, fragte ich hustend und mit den Armen wedelnd. »Ich kann ja kaum was sehen.« Ich ging zum Fenster und machte es auf. Kalte Luft drückte ins Zimmer und der dicke Qualm trieb hinaus in die Nacht.

»Das kann doch nicht gut für dich sein«, sagte ich kopfschüttelnd.

»Ich kann so furchtbar schlecht schlafen«, murmelte Juno.

Als ich mich nach ihr umdrehte, glänzte plötzlich ihre Oberlippe, und da ahnte ich, dass sie gerade Salbe daraufgestrichen haben musste. Sofort wurde ihr Blick klarer und ihre Wangen röteten sich. Sie schloss fröstelnd das Fenster. »Was willst du eigentlich? Es ist schon spät.« Da sie sich auf einmal so lautstark empörte, als ob nichts geschehen wäre, kam mir sofort der Gedanke, ob nicht die Anwendung der Salbe etwas mit Junos plötzlich zurückgekehrter Lebhaftigkeit zu tun haben könnte. Wenn das der Fall wäre, dann hätte ich heute Nachmittag gut etwas davon gebrauchen können.

»Ich muss dir etwas über den Silberapfel-Mörder erzählen. Er benutzt einen Funkenstock!«

»Funkenstock?«

»Einen Stock, der Reibungsenergie erzeugt, und zwar genug, um jemanden zu versengen und umzuwerfen.« Ich platzte fast, weil ich ihr die Sache gern ausführlich erzählen wollte, aber gerade schlug draußen die Uhr.

»Hör zu«, sagte ich, »ich habe jetzt keine Zeit mehr. Ich muss zur ›Cella Moribundi‹.«

»Dann begleite ich dich«, sagte Juno spontan. »Ich leiste dir Gesellschaft.« Und damit warf sie sich ihren Umhang um die Schultern und verließ den Raum, wie immer in der Erwartung, dass ich ihr folgen werde.

Kapitel 33

Ein nächtlicher Auftrag

Aluph Buncombe beschleunigte seine Schritte und verfluchte dabei die beißende Kälte. Es war sehr dunkel, eine einzige Laterne musste für die ganze Länge der Straße herhalten, und auch wenn Aluph keine Menschenseele sah, ahnte er, dass er aus düsteren Eingängen beobachtet wurde. Ein Stück weiter die Straße hinunter flog die Tür einer Wirtschaft auf und spuckte zwei Männer aus, die ihren lautstarken Streit im Rinnstein weiterführten. Aluph zögerte. Er bedauerte bereits, dass er diesen ungewöhnlichen Auftrag überhaupt angenommen hatte. Viel lieber arbeitete er am anderen Flussufer. Was immer er auch von den Nordstädtern hielt, dort war er wenigstens in luxuriöser Umgebung.

Aber Aluph hatte schon eine Nachricht geschickt, dass er unterwegs sei; für einen Rückzieher war es ohnehin zu spät. Er riss sich also zusammen und schritt mit vorgetäuschtem Selbstvertrauen weiter, bis er vor dem Haus Nummer 15 stand. Er klopfte an die Tür und wartete. Nach ungefähr einer Minute wurde sie langsam geöffnet und Aluph ließ sein schönstes Lächeln vor der vor ihm stehenden Hexe aufblitzen.

»Ja?«, krächzte sie.

Aluph beherrschte sich, so gut er konnte, und erklärte, dass er gekommen sei, um Mr Snoad zu besuchen.

»Hä?«, schnarrte sie.

»Mr Snoad.«

»Wassiss?«

»Mr Snoad!«, rief er schließlich, nur Zentimeter von ihren wachsartigen Ohren entfernt.

»Oberster Stock.«

»Verbindlichsten Dank«, sagte Aluph und tippte an seinen Hut. Dann trat er ein und schloss die Tür hinter sich. Sofort bedauerte er seine Zusage wieder und jetzt kamen auch noch Angst und Übelkeit dazu. Der Gestank in dem engen Flur konnte sich kaum stärker von dem köstlichen Duft bei Mrs Hoadswood unterscheiden. Die Wände, die er unwillkürlich streifte, waren schmierig und der Boden unter seinen Füßen fühlte sich irgendwie weich an. Nach unten zu schauen wagte er allerdings nicht. Er wollte lieber nicht wissen, worauf er hier stand.

»’n Abend«, sagte ein verdächtig aussehender Kerl, der von links aus einem Zimmer auftauchte. Als er sich vorbeidrängte, hielt Aluph automatisch seine Geldbörse fest. Und das war gut so, denn er spürte tatsächlich im Vorbeigehen die Finger des Mannes über seine Jacke huschen. Der verschlagene Typ ließ ein leises Lachen hören und huschte hinaus auf die Straße. Aluph atmete auf.

Das ist das erste und das letzte Mal, dass ich so was mache, schwor er sich, als er die Treppe hinaufstieg. Entweder am anderen Foedusufer oder überhaupt nicht. Er hatte den Auftrag nur angenommen, weil er hoffte, dass Deodonatus gefallen werde, was er von ihm zu hören bekäme – dafür würde er, Aluph, schon sorgen. Und dann würde Deodonatus ihn vielleicht lobend im Chronicle erwähnen. Aber dass Snoad in einem derart scheußlichen Stadtteil wohnen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Er war stets der Ansicht gewesen, schlechte Werbung sei immer noch besser als gar keine. Jetzt zweifelte er allmählich, ob er überhaupt lange genug am Leben bliebe, um noch etwas von dieser Werbung zu haben.

Er nahm jede Stufe einzeln und ging langsamer, je weiter er sich dem obersten Stock näherte. Dort angelangt, kam er nach der Hälfte des Ganges an die richtige Tür, doch bevor er klopfen konnte, wurde sie langsam geöffnet.

»Mr Buncombe, nehme ich an?«

»Zu Diensten«, erwiderte Aluph und blinzelte in das Halbdunkel. »Ihr seid Mr Snoad?«

»Das bin ich«, kam die Antwort, und die Tür öffnete sich etwas weiter. »Tretet ein!«

Die Stimme klang schroff, beinahe gedämpft, und hatte weder einen nördlichen noch einen südlichen Akzent, wie Aluph auffiel. Der Raum war nur sehr unzureichend beleuchtet: zwei kleine Kerzen an Wandhaltern und der Schein des Kaminfeuers. Bis sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, blieb Aluph für ein paar Sekunden stehen, wo er war. Das Zimmer war geräumig und erstaunlich gut aufgeräumt, bis auf den großen Tisch, der mit neuen Zeitungen, Papieren und leeren Tintenfässern übersät war.