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Aus der Ecke rechts vom Fenster neben dem Feuer kam eine Stimme.

»So macht Euch an die Arbeit!«

»Selbstverständlich, Mr Snoad. Was interessiert Euch also besonders?«

»Ich habe gehört, Ihr könnt aus den Erhöhungen auf einem Schädel wahrsagen«, sagte Deodonatus barsch. »Ich will wissen, was mir in diesem elenden Leben noch bevorsteht.«

»Nun«, sagte Aluph, »Wahrsager bin ich nicht direkt …«

»Was denn sonst?«, unterbrach ihn Deodonatus. »Wenn Ihr nicht die Zukunft vorhersagt, was macht Ihr dann?«

»Es ist nicht so, dass ich nicht die Zukunft vorhersage«, wandte Aluph vorsichtig ein. Wenn Deodonatus es so wollte, konnte er natürlich einen vorsichtigen Versuch in diese Richtung machen. »Es geht nur einfach darum, dass man sich seines zukünftigen Lebenswegs viel sicherer sein kann.«

»Das klingt so, wie ich es mir vorstelle«, sagte Deodonatus. »Kommt nun zur Sache!«

Hmm, dachte Aluph. Das war nicht ganz das, was er erwartet hatte. Er würde auf der Hut sein müssen. Er bezweifelte, dass Deodonatus Snoad für Schmeicheleien empfänglich wäre. Dazu war er zu scharfsinnig.

»Vielleicht ließe sich etwas mehr Licht heranschaffen?«

»Nein«, war die knappe Antwort.

Aluph fühlte sich eindeutig unwohl. »Ähem«, machte er und wunderte sich über seinen eigenen Mut, als er sagte: »Es ist üblich, dass ich einen Teil des Honorars im Voraus erhalte.«

»Auf dem Tisch«, sagte Deodonatus. »Steckt es gleich ein, aber versucht ja nicht, mich zu betrügen. Ich weiß genau, was dort liegt.«

»Das würde mir im Traum nicht einfallen, Mr Snoad«, sagte Aluph. »Schließlich würde es mit Sicherheit morgen früh im Chronicle stehen.«

Aluph ging zum Tisch und tastete nach dem Geld. Das waren freilich nicht die Arbeitsbedingungen, wie er sie gewöhnt war. Endlich schlossen sich seine suchenden Hände um einen Stapel Münzen. Shillinge, dem Gefühl nach. Er steckte sie in die Tasche, wobei er die ganze Zeit ein auf sich gerichtetes Augenpaar spürte.

»Beeilt Euch«, knurrte Deodonatus. »Ich hab nicht den ganzen Abend Zeit.«

Aluph ging zu dem Stuhl, auf dem Deodonatus saß. An seinen Fingern war etwas Klebriges und er wischte es verstohlen am Hosenbein ab. In diesem Augenblick kam der Mond heraus und in seinem blassen Schein konnte Aluph für ein paar Sekunden Deodonatus’ Konturen sehen. Was für ein außergewöhnlicher Anblick! Diese vorgewölbte Stirn, die Knollennase, das tief auf der Brust liegende knubbelige Kinn. Aluph stockte der Atem, doch es gelang ihm, sich zu beherrschen.

»Vielleicht könntet Ihr Euch ein wenig vorbeugen«, sagte er und stellte fest, dass seine Stimme höher klang als sonst. Deodonatus kam seiner Aufforderung nach und Aluph fing an.

Er legte seine Hände auf Deodonatus’ Kopf. »Was für dichtes Haar Ihr habt«, begann er. Er hätte schwören können, dass etwas darin krabbelte.

Deodonatus grunzte nur.

»Auch gut«, murmelte Aluph, erleichtert, dass hier anscheinend kein Strom von belanglosem Geplapper von ihm erwartet wurde. Langsam bewegte er die Fingerspitzen durch das verfilzte Haar und fand ein seltsames Vergnügen an dem Gedanken, dass er dabei gleichzeitig seine klebrigen Finger säuberte.

»Ihr habt einen vergrößerten Nackenansatz.«

»Was bedeutet das?«, fragte Deodonatus.

»Nun«, sagte Aluph behutsam, »im Grunde genommen etwas Gutes. Es bedeutet, dass Ihr ein besonderes Talent zur … zur Informationsweitergabe besitzt, zum Vermitteln von Gedanken. Habt Ihr das Gefühl, die Menschen hören Euch zu, wenn Ihr sprecht?«

Deodonatus grunzte. »Ich spreche in letzter Zeit nicht mit vielen Menschen. In der Vergangenheit habe ich immer nur die Erfahrung gemacht, dass sie wenig zu sagen wissen. Lieber schauen sie sich etwas an.«

»Wie zum Beispiel das Gefräßige Biest«, sagte Aluph, ohne zu überlegen. »Was für eine Sensation! Ich nehme an, Ihr habt ihm schon einen Besuch abgestatt…«

Mitten im Satz unterbrach er sich und stöhnte innerlich auf. Was redete er da? Er erklärte Mr Snoad ja mehr oder weniger, dass er einer Kreatur ähnlich sehe, die für ihre Hässlichkeit und ihre widerwärtigen Essgewohnheiten berüchtigt war!

Auf Deodonatus’ Gesicht zog sich ein spöttisches Grinsen über die Wangen, so weit, dass seine Oberlippe fast die Nasenlöcher berührte. Das war gar nicht so schwierig, wie es sich vielleicht anhören mag, wenn man an sein unproportioniertes Antlitz denkt.

»Das Gefräßige Biest«, murmelte er. »Ja, ja, das habe ich gesehen und gerochen.« Er hob den Kopf, um Aluph von unten herauf einen wässrigen Blick zuzuwerfen, und als Aluph dabei kurz sein Gesicht zu sehen bekam, musste er unwillkürlich nach Luft schnappen. Deodonatus gab ein gehässiges Schnauben von sich.

»Ich nehme an, Ihr findet es ganz in Ordnung, dass Menschen ein Wesen anglotzen dürfen, das vom Glück weniger begünstigt ist als sie selber?«

»Es ist nicht unbedingt so, dass ich das in Ordnung finde«, sagte Aluph vorsichtig und drückte dabei kräftig auf Deodonatus’ Kopf herum. Allmählich fragte er sich, wohin das führen sollte. »Es ist eben nur sehr unterhaltsam, und … äh … Menschen müssen nun mal unterhalten werden«, schloss er lahm.

Ein tiefes Stirnrunzeln drückte Deodonatus’ Missbilligung aus.

»Ach, Unterhaltung soll das sein, ja? Tiere anzustarren, die in Käfige gesperrt sind, nur weil die auf der einen Seite der Stäbe als normal und die auf der anderen als nicht annehmbar gelten!«

»Nun, so gesehen scheint die Sache freilich weniger angemessen, das ist nicht zu bezweifeln.« Aluph versuchte schleunigst das Thema zu wechseln. »Und was haltet Ihr von dem Leichenmagier?«

Doch Deodonatus ließ sich nicht beirren. »Pah!«, rief er. »Nichts als Trickserei. Er macht’s ja gut, der alte Benedict Pantagus, das will ich dem Mann gern zugestehen. Aber die Bestie? Verdient sie denn nicht unser Mitgefühl?«

In diesem Moment kam Aluph gerade an eine ganz besonders prägnante Erhöhung, und als er sich eingehender damit befassen wollte, stieß Deodonatus einen Schrei aus, der Tote hätte erwecken können. Er heulte auf wie ein verwundetes Tier und sprang vom Stuhl hoch. Aluphs Herz krampfte sich zusammen.

»Entschuldigt bitte, Mr Snoad«, sagte er und wich dabei weiter ins Zimmer zurück. »Eine derart ungewöhnliche Erhöhung am Schädel! Das muss etwas bedeuten!«

»Die … Stelle ist sehr … empfindlich«, knurrte Deodonatus durch zusammengebissene Zähne, während er sich wieder setzte. »Vielleicht seid Ihr so freundlich, nicht noch mal daranzukommen.«

»Ihr habt vollkommen recht«, sagte Aluph. »Diese besondere Stelle, so auffallend angeschwollen, wie sie ist, bedeutet, dass Ihr ein Mann von äußerster Empfindsamkeit für menschliches Leiden seid.«

»Ha!«, schnaubte Deodonatus, inzwischen höchst gereizt. »Empfindsam für menschliches Leiden? Ich? Was für eine launenhafte Welt das doch ist! Es gibt nicht einen einzigen Menschen, der empfindsam für meine Leiden wäre. Wisst Ihr, wie sie mich als Kind genannt haben?«

»Nein«, sagte Aluph, der von ganzem Herzen wünschte, er könnte diesen elenden Ort auf der Stelle verlassen und zu Mrs Hoadswood zurückkehren.

»Krötenjunge haben sie mich genannt!«

»Warum denn das?«

»Was glaubt Ihr wohl, Ihr Narr? Weil ich aussehe wie eine Kröte.«

»Vielleicht braucht Ihr nichts weiter als einen Kuss«, sagte Aluph. »Von, äh, von einer Prinzessin.« Die Angst hatte sein Gehirn so durcheinandergewirbelt, dass er das Gefühl hatte, es müsse einer von Mrs Hoadswoods Rühreiportionen gleichen. Nun bot Deodonatus seinen ganzen Sarkasmus auf.

»Und darf ich fragen, Mr Buncombe, welche Prinzessin bereit wäre, einen wie mich zu küssen?« An dieser Stelle sprang er auf, nahm eine Kerze von der Wand und hielt sie hoch. Aluph schluckte und wich zurück. Noch nie in seinem Leben hatte er etwas so Abscheuliches wie Deodonatus Snoads verzerrtes Gesicht gesehen.